CC BY-NC-ND 4.0 · Gesundheitswesen 2023; 85(S 03): S205-S211
DOI: 10.1055/a-2130-2479
Originalarbeit

Auswirkungen der Schließung der pädiatrischen Abteilung eines Kreiskrankenhauses auf die regionale Versorgung – Analyse der Patientenflüsse

Artikel in mehreren Sprachen: English | deutsch
Luisa Tischler
1   Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany
,
Angelika Beyer
1   Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany
,
Kilson Moon
1   Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany
,
Wolfgang Hoffmann
1   Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany
,
Neeltje van den Berg
1   Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany
› Institutsangaben
 

Zusammenfassung

Hintergrund Die Folgen der Ökonomisierung und der Personalmangel im deutschen Gesundheitswesen treffen pädiatrische Versorgungsstrukturen stark, insbesondere in ländlichen Regionen. Es ist kaum bekannt, wie sich Schließungen pädiatrischer Abteilungen auf Patientenströme umliegender Krankenhäuser auswirken. Fragestellung: Welche quantitativen Auswirkungen haben die Schließung der pädiatrischen Abteilung eines Kreiskrankenhauses und die nachfolgende Eröffnung eines ambulanten Versorgungsangebots auf die Inanspruchnahme der Versorgungsleistungen der beiden benachbarten Krankenhäuser und den Rettungsdienst der Region?

Methodik Im Beobachtungszeitraum 2015 bis 2019 wurden Patientendaten der drei Krankenhäuser der Beobachtungsregion sowie Daten des Rettungsdienstes des Landkreises gemeinsam ausgewertet. Eingeschlossen wurden Patienten unter 18 Jahren aus 12 Postleitzahlenbereichen.

Ergebnisse Im Jahr nach der Schließung der Pädiatrie des Kreiskrankenhauses in 2016 verringerte sich die Gesamtanzahl der stationären Fälle der Region zunächst um 33% (2015: n=1.787; 2016: n=1.193) und reduzierte sich dann noch um weitere 11% (2019: n=1.005). Die Anzahl ambulanter Fälle verringerte sich insgesamt um 8% (2015: n=6.250; 2019: n=5.770). Im Jahr 2019 war der Rettungstransportwagen wesentlich häufiger im Einsatz als im Jahr vor der Schließung (2015: n=398; 2019: n=572). Dies bedeutet eine Steigerung um 44%.

Schlussfolgerung Nach der Schließung der Pädiatrie-Abteilung verringerte sich die Gesamtanzahl der stationären Fälle in der Region stark, tatsächliche Versorgungslücken sind offenbar aber nicht entstanden. Vor einer Schließung sollten die Folgen für die umringenden Krankenhäuser genauer eingeschätzt werden. Echten Versorgungslücken muss entgegengewirkt werden, z. B. durch alternative ambulante Angebote.


#

Einleitung

In den vergangenen 30 Jahren wurde jede fünfte deutsche Abteilung für Pädiatrie geschlossen. In ländlichen Regionen hat das Folgen für die wohnortnahe pädiatrische Versorgung [1]. Demgegenüber steht die steigende Zahl chronisch oder psychisch kranker unter 18-Jähriger, sodass künftig ein wachsender Bedarf an pädiatrischen Behandlungskapazitäten erwartet wird [2] [3] [4].

Die Notwendigkeit, Kapazitäten der medizinischen Versorgung aus Qualitäts- und Wirtschaftsgründen zu konzentrieren, führt zu einer Ausdünnung des Versorgungsangebotes [5] [6] [7]. Flächenländer wie Mecklenburg-Vorpommern und Bayern rückten aufgrund vorübergehender oder endgültiger Abmeldungen pädiatrischer Abteilungen von der Notfallversorgung in den medialen und gesundheitspolitischen Fokus [8] [9]. Die Schließungen führen dazu, dass behandlungsbedürftige Kinder in Notaufnahmen ohne pädiatrische Expertise abgewiesen oder in Abteilungen für Erwachsene versorgt werden [2] [10]. Bereits 2018 benötigten 4,8% der unter 18-Jährigen in Deutschland über 40 Pkw-Fahrtzeitminuten, um eine pädiatrische Krankenhausabteilung zu erreichen [11].

Im Falle der Schließung einer Pädiatrie müssen umliegende Krankenhäuser den Bedarf abdecken und die Patienten aufnehmen. Aus einer gesundheitsökonomischen Modell-Analyse der pädiatrischen Krankenhauslandschaft im Landkreis Vorpommern-Greifswald ist bekannt, dass ein positiver Deckungsbeitrag (d. h. die Umsatzerlöse im Krankenhaus sind nach Abzug der beschäftigungsabhängigen Kosten größer als null) in dieser Region nur erreicht werden könnte, wenn zwei von drei pädiatrischen Abteilungen schließen. Das würde die Erreichbarkeit für 8% der unter 18-Jährigen verschlechtern [12].

Welche Auswirkungen Schließungen tatsächlich auf die Inanspruchnahme umliegender Krankenhäuser haben, wurde nach unserer Kenntnis bisher nicht untersucht. In der vorliegenden Analyse wurden die Auswirkungen der Schließung der Abteilung für Pädiatrie im Kreiskrankenhaus Wolgast auf die Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Leistungen in den Krankenhäusern der Region Ostvorpommern (Wolgast/Anklam/Greifswald) und den Rettungsdienst untersucht.

Nach Schließung der Pädiatrie in der 12.000-Einwohner-Stadt Wolgast am 01.02.2016 wurde am 01.09.2017 eine Kinderportalpraxisklinik (KPPK) eröffnet. Die KPPK war ein von Bundesland und Krankenkassen über 6 Jahre finanziertes und sektorenübergreifendes Versorgungsmodell. Sie diente als Anlaufstelle für Eltern, die einen Not- oder Akutfall bei ihrem Kind annehmen. Neben der ambulanten pädiatrischen Versorgung (montags bis freitags von 8–22 Uhr, am Wochenende von 10 bis 22 Uhr) wurden in der KPPK wenige Betten vorgehalten, wenn z. B. die Beobachtung des Krankheitsverlaufes sinnvoll erscheint, aber voraussichtlich am nächsten Tag beendet werden kann. Schwer erkrankte Patienten wurden unmittelbar an andere Krankenhäuser verwiesen. [Abb. 1] zeigt die Verteilung der Krankenhäuser in der Region. Das nächste Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung (30 km entfernt) ist in der 13.000-Einwohner-Stadt Anklam [13]. Die dortige Abteilung für Pädiatrie wurde am 01.01.2015 geschlossen und am 01.02.2016 wiedereröffnet. Ein drittes regionales Krankenhaus (27 km entfernt) ist die Universitätsmedizin in der 59.000-Einwohner-Stadt Greifswald [13]. Da es sich bei der Region um eine an der Ostsee liegende Grenzregion zu Polen handelt, kämen nur drei andere Krankenhäuser für eine Inanspruchnahme in Frage, die allerdings relativ weit entfernt sind (Stralsund=73 km, Pasewalk=82 km und Neubrandenburg=85 km).

Zoom Image
Abb. 1 Analysierte Postleitzahlenbereiche (HGW=Greifswald; WLG=Wolgast; ANK=Anklam).

Untersucht wurde die Inanspruchnahme durch pädiatrische Patienten der drei Krankenhäuser (siehe [Abb. 1]) in den Jahren 2015–2019 anhand folgender Zielstellungen: (1) Entwicklung von Anzahl und Durchschnittsalter ambulanter oder stationär aufgenommener Patienten, (2) Effekt der Eröffnung der KPPK am Schließungsstandort und (3) Einfluss der Schließung der Pädiatrie in Wolgast und der Eröffnung der KPPK auf die Inanspruchnahme des Rettungsdienstes in der Region.


#

Methode

Analysiert wurden Patientendaten aus den Krankenhäusern, einschließlich der KPPK (ohne Geburten) für unter 18-Jährige, die mindestens einmal im Beobachtungszeitraum in einem der drei Krankenhäuser behandelt wurden und deren Wohnadresse in Wolgast oder Umgebung lag (operationalisiert durch 12 Postleitzahlenbereiche, siehe [Abb. 1]). Die von uns ausgewerteten und in den Controlling-Abteilungen der Krankenhäuser erhobenen Daten beinhalteten die Anzahl der Behandlungsfälle nach Geschlecht, Alter am Aufnahmetag, Postleitzahl (PLZ) des Wohnortes, Aufnahme- und Entlassdatum und Hauptdiagnose (ICD-10-GM 2019).

Weitere Analysegrundlage bildeten Daten des Eigenbetriebes Rettungsdienst des Landkreises für die 12 Postleitzahlenbereiche der Untersuchungsregion. Ausgewertet wurde die Anzahl der Einsätze des Rettungstransportwagens (RTW, Anforderung per Notruf 112) bei allen unter 18-Jährigen Patienten, das Patientenalter sowie der Transport-Zielort.

Statistik

Die Daten wurden deskriptiv mit dem Statistik-Programm SAS (Version 9.4; SAS Institute, Cary, NC, USA) ausgewertet. Alter und Dauer des Krankenhausaufenthalts wurden als Median und Interquartilsbereich (IQR) berechnet. Die Datenanalyse folgte den Leitlinien der "Guten Epidemiologischen Praxis" [14] und der "Good Practice Secondary Data Analysis" [15].


#
#

Ergebnisse

Anzahl der Fälle

[Tab. 1] zeigt die Entwicklung der Fälle insgesamt und für die einzelnen Krankenhäuser pro Jahr. Im Beobachtungszeitraum wurden insgesamt 6.102 stationäre und 29.312 ambulante Fälle aus der Region Wolgast dokumentiert. Im Jahr 2016 (Schließung der Wolgaster Pädiatrie) ist stationär für alle drei Krankenhäuser eine Fallzahlreduktion von 33% zu verzeichnen (2015: 1.787 Fälle; 2016: 1.193 Fälle). Über alle fünf Jahre sinkt die stationäre Fallzahl um 44% (2019: 1.005 Fälle). Für die stationären Fallzahlen der einzelnen Krankenhäuser findet sich Folgendes: im Wolgaster Krankenhaus wurden im Schließungsjahr 2016 83% weniger Fälle als im Vorjahr behandelt (2015: 1.245 Fälle; 2016: 211 Fälle). Im Anklamer Krankenhaus nahmen die Fälle in den ersten beiden Jahren nach der Wiedereröffnung der pädiatrischen Abteilung zu (2016: 207 Fälle; 2017: 278 Fälle). Im Krankenhaus Greifswald stiegen die Fallzahlen in 2016 im Vergleich zum Vorjahr (2015: 542 Fälle; 2016: 775 Fälle), nahmen dann aber wieder ab. Insgesamt betrug die Fallzahlsteigerung im Greifswalder Krankenhaus 11% (2015: 542 Fälle; 2019: 600 Fälle).

Tab. 1 Fälle unter 18-Jähriger Patienten im gesamten Beobachtungszeitraum (Region Wolgast).

Zeitraum

Anzahl der Fälle (n)

Alter (Jahre)

Anteil weiblich

Gesamt

2015

2016

2017

2018

2019

Mittelwert (SD)

Median (IQR)

Prozent

Stationäre Versorgung

Wolgasta

01.2015–12.2019

1.770

1.245

211

84

105

125

7,8 (5,9)

8,0 (2,0–14,0)

48,0%

Anklam

02.2016–12.2019

1.047

0

207

278

282

280

5,6 (5,4)

3,5 (1,0–10,0)

51,3%

Greifswald

01.2015–12.2019

3.285

542

775

702

666

600

6,7 (5,9)

5,0 (1,0–12,0)

46,3%

Gesamt

6.102

1.787

1.193

1.064

1.053

1.005

Ambulante Versorgung

Wolgast NAa

01.2015–12.2019

6.470

2.596

1.185

952

872

865

8,6 (5,3)

9,0 (4,0–13,0)

46,0%

KPPKb

09.2017–12.2019

3.618

0

0

601

1.502

1.515

5,0 (4,7)

3,0 (1,0–8,0)

51,5%

Anklam

01.2015–12.2019

1.748

187

346

376

418

421

6,3 (5,3)

5,0 (1,5–11,0)

48,9%

Greifswald

01.2015–12.2019

17.476

3.467

4.067

3.779

3.194

2.969

7,1 (5,2)

6,0 (2,0–6,0)

47,1%

Gesamt

29.312

6.250

5.598

5.708

5.986

5.770

a stationär und Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne pädiatrischen Facharzt); b Kinderportalpraxisklinik; SD=Standardabweichung; IQR=Interquartils-Range

Bei den ambulanten Fällen aller drei Krankenhäuser ist insgesamt ein Rückgang um 8% zu verzeichnen (2015: 6.250 Fälle; 2019: 5.770 Fälle). Im Wolgaster Krankenhaus wurden im Schließungsjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr 1.411 weniger Fälle behandelt (Rückgang um 54%). Im Anklamer Krankenhaus nahmen die Fälle nach der Wiedereröffnung zu (2016: 346 Fälle; 2019: 421 Fälle). Im Krankenhaus Greifswald stiegen die Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr (2015: 3.467 Fälle; 2016: 4.067 Fälle).

Mit Öffnung der KPPK im September 2017 stieg die Zahl ambulanter Fälle im Wolgaster Krankenhaus wieder an. Da die Daten des Wolgaster Krankenhauses separat für die allgemeine (Erwachsenen-) Notaufnahme und die KPPK vorlagen, konnte bestimmt werden, dass die Anzahl pädiatrischer Behandlungsfälle in der KPPK deutlich zunahm. Parallel dazu nahmen ab 2017 weniger unter 18-Jährige die ambulanten Strukturen in der Universitätsmedizin Greifswald in Anspruch.

Stationär behandelte Patienten waren im Krankenhaus Wolgast im Jahr 2015 im Median 5,0 Jahre alt, bis 2019 war das mediane Alter auf 13,0 Jahre angestiegen. Ambulante Fälle im Jahr 2019 in der Wolgaster allgemeinen Notaufnahme waren im Median 11,0 Jahre alt und in der KPPK 3,0 Jahre.


#

ICD-10-Diagnose-Gruppen

[Abb. 2] zeigt die Entwicklung der Anzahl ambulanter und stationärer Fälle für die sechs häufigsten Diagnose-Gruppen (ICD-10-Kapitel), die im Beobachtungszeitraum und in der Beobachtungsregion bei unter 18-Jährigen insgesamt dokumentiert wurden. Die stationäre Fallzahlreduktion verteilt sich auf alle sechs häufigsten Diagnosegruppen. Die stationären Fälle aus Wolgast verlagern sich im Jahr der Schließung zunächst auf die beiden ambulanten und stationären Strukturen der beiden benachbarten Krankenhäuser. Während die stationären Fallzahlen im Jahr 2017 für die Diagnosen „Krankheiten des Verdauungssystems (K00-K93)“, „Krankheiten des Urogenitalsystems (N00-N99)“ sowie „Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)“ wieder zurückgehen, bleiben die Fallzahlen im ambulanten Bereich größtenteils auf höherem Niveau. Mit Öffnung der KPPK am Schließungsstandort findet eine Verlagerung zurück nach Wolgast statt.

Zoom Image
Abb. 2 Dokumentierte Diagnosen (ICD-10-Kapitel) unter 18-jähriger Patienten aus der Region Wolgast Legende: NA=Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne pädiatrische Expertise); KPPK=Kinderportalpraxisklinik.

Für ambulante Fälle gilt, dass in Wolgast (Notaufnahme und KPPK) am häufigsten unter 18-Jährige mit Verletzungen, Vergiftungen und bestimmten anderen Folgen äußerer Ursachen (ICD S00-T98) vorgestellt wurden.


#

Rettung

[Abb. 3] zeigt die Anzahl der RTW-Einsätze in der Untersuchungsregion sowie den Ort, an den die Patienten transportiert wurden. Insgesamt wurden 2.575 RTW-Einsätze bei unter 18-Jährigen dokumentiert. Im Schließungsjahr 2016 ist die deutlichste Veränderung zu beobachten (2015: n=398, 2016: n=523;+121 Transporte;+31%). Bis zum Jahr 2019 stieg die Anzahl der RTW-Einsätze weiter an (2015: n=398, 2019: n=572;+174 Transporte;+44%). Kleiner wurde die Zahl der unter 18-Jährigen, die mit dem RTW in das Wolgaster Krankenhaus transportiert wurden, während ab 2016 mehr unter 18-Jährige nach Greifswald und Anklam gebracht wurden.

Zoom Image
Abb. 3 Entwicklung der Rettungstransportwageneinsätze im Beobachtungszeitraum.

[Tab. 2] zeigt das mediane Alter aller unter 18-Jährigen, die per RTW in eines der drei Krankenhäuser gebracht wurden. Im Jahr 2016 stieg das mediane Alter per RTW nach Wolgast transportierten Patienten an, während in den umliegenden Krankenhäusern eine Reduzierung des medianen Alters bei gleichzeitig deutlicher Zunahme der Anzahl der Transporte beobachtet werden kann.

Tab. 2 Medianes Alter der unter 18-jährigen Patienten im gesamten Beobachtungszeitraum (Region Wolgast).

Krankenhäuser

RTW-Transportort

Alter (Jahre)*

Wolgast Stationära

Wolgast NAa

Wolgast KPPKb

Anklam Stationär

Anklam Ambulant

Greifswald Stationär

Greifswald Ambulant

Wolgast

Greifswald

Anklam

2015

5,0

5,0

8,0

6,5

7,0

10,2

9,7

13,8

(1,0–10,0)

(2,0–11,0)

(3,0–12,0)

(0,0–13,0)

(2,0–12,0)

(3,0–14,5)

(3,6–15,6)

(6,7–15,4)

n=1.245

n=2.595

n=187

n=542

n=3.467

n=248

n=89

n=13

2016

13,0

10,0

4,0

5,0

6,0

6,0

13,2

7,8

7,1

(5,0–16,0)

(5,0–14,0)

(1,2–10,6)

(2,0–11,0)

(1,0–12,0)

(2,0–11,0)

(7,1–16,0)

(2,9–12,8)

(2,8–11,7)

n=211

n=1.185

n=207

n=346

n=775

n=4.067

n=128

n=274

n=88

2017

15,0

11,0

3,0

3,5

5,0

4,5

7,0

12,3

7,9

7,9

(14,0–17,0)

(7,0–14,0)

(1,0–7,0)

(1,0–10,2)

(1,0–10,0)

(1,0–12,0)

(2,0–12,0)

(6,2–15,2)

(2,4–13,3)

(2,3–13,5)

n=84

n=952

n=601

n=278

n=376

n=702

n=3.779

n=143

n=254

n=70

2018

15,0

10,0

3,0

4,3

5,0

6,0

7,0

11,5

5,9

6,2

(11,0–16,0)

(6,0–14,0)

(1,0–8,0)

(1,2–10,4)

(1,0–10,0)

(1,0–12,0)

(3,0–12,0)

(5,9–15,1)

(2,2–12,3)

(1,9–14,2)

n=105

n=872

n=1.502

n=282

n=418

n=666

n=3.194

n=152

n=311

n=75

2019

13,0

11,0

3,0

3,0

4,0

5,0

7,0

12,9

7,0

5,8

(9,0–15,0)

(6,0–15,0)

(1,0–7,0)

(1,1–9,4)

(2,0–11,0)

(1,0–13,0)

(3,0–12,0)

(7,9–15,5)

(2,4–13,7)

(2,3–13,6)

n=125

n=865

n=1.515

n=280

n=421

n=600

n=2.969

n=154

n=310

n=69

*Median (Interquartils-Range); a stationär und Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne pädiatrischen Facharzt), b Kinderportalpraxisklinik (ab 01.09.2017).


#
#

Diskussion

Die Analyse zeigte eine deutliche Veränderung der Inanspruchnahme der stationären Pädiatrie. Die Gesamtzahl stationärer Fälle aus der Region verringerte sich erheblich, während die Einwohnerzahlen der betreffenden Altersgruppen annähernd gleichblieben [16]. Trotz der Schließung der Pädiatrie in Wolgast wurden dort 211 unter 18-Jährige stationär aufgenommenen, überwiegend Kinder im Schulalter. Die Frage, ob die Versorgung in einer nichtpädiatrischen Fachabteilung angemessen ist, war nicht Untersuchungsgegenstand und kann hier nicht beantwortet werden.

Es wurde gezeigt, dass sich mit der KPPK-Eröffnung in Wolgast viele Eltern für akute Gesundheitsprobleme wieder zurück an ihren Wohnort orientierten. Dies zeigt deutliche Effekte zu Gunsten des wohnortnahen Versorgungsmodells. Die intersektorale Notfall- und Akutversorgung von unter 18-Jährigen wurde insbesondere von Eltern mit Kleinkindern in Anspruch genommen. Die zunehmend wichtige Rolle der Kliniken in der ambulanten Versorgung betrifft auch Zeiten außerhalb der Praxisöffnungszeiten und bietet großes Versorgungspotential. Kliniken profitieren von dieser Koordinations- und Filterfunktion eines solchen Versorgungsangebotes, das zur Entlastung der Notaufnahme bzw. Vermeidung nicht zwingend erforderlicher stationärer Aufnahmen führt – was auch vom Gesetzgeber gefordert wird [17].

Die Schließung der Pädiatrie führte zu mehr RTW-Einsätzen und es fand eine Verlagerung des Transportortes nach Greifswald und Anklam statt. Die Erhöhung der RTW-Einsätze spricht dafür, dass Eltern im Bedarfsfall ungern eine entferntere Notaufnahme aufsuchen, sondern den Rettungsdienst alarmieren. Im internationalen Kontext zeigen Studien, dass bis zu 61% der Rettungstransporte medizinisch nicht indiziert sind [18] [19] [20] [21]. Kinder- und Jugendärzte weisen auf einen erhöhten Bedarf hin, der sich durch alle sozialen Schichten zieht und zu einem erheblichen Teil Folge einer zunehmenden Unsicherheit vieler Eltern in gesundheitlichen Belangen ihrer Kinder ist [3] [22]. Eingeschränkte Praxisöffnungszeiten und weite Wege zu niedergelassenen Ärzten führen zur vermehrten Inanspruchnahme der Notaufnahmen [23] [24]. Weitere Motive für das Aufsuchen der Notaufnahmen sind das dort erwartete breite Versorgungspektrum mit fachlicher Expertise erfahrener Pädiater sowie mangelnde Kenntnisse alternativer ambulanter Notfallstrukturen [25] [26] [27]. Die Frage nach der Definition „angemessener Versorgung“ stellt sich auch nach dieser Analyse. Distanzen zu Gesundheitsversorgungsangeboten sind keine Qualitätsindikatoren, wenn diese alleine betrachtet werden, in der Kombination mit sozialem Status sind diese aber nachgewiesenermaßen versorgungsrelevant [28].

Die Analyse zeigt, dass Versorgungslücken wirksam entgegengewirkt werden kann – im vorliegenden Fall durch Schaffung einer neuen ambulanten Struktur. Entscheidungen für oder gegen eine Schließung erfolgen jedoch in den meisten Fällen nicht auf der Basis von Datenanalysen in der betroffenen Region, sondern aus personellen oder finanziellen Gründen. Die Definition regionaler, evtl. überregionaler Qualitätsindikatoren wäre eine Möglichkeit, hier Entscheidungsgrundlagen anzubieten.

Unseres Wissens nach ist diese Untersuchung für Deutschland einmalig, da Daten aus mehreren Kliniken mit Hauptdiagnosen und mit Daten vom Rettungsdienst für eine definierte Untersuchungsregion für unter 18-Jährige ausgewertet wurden. Alle Daten konnten erstmals über fünf aufeinanderfolgende Kalenderjahre gemeinsam und detailliert auf Basis fünfstelliger Postleitzahlen analysiert werden.

Auf folgende Limitationen wollen wir hinweisen: die Daten sind Abrechnungsdaten der Krankenhäuser, was zu Einschränkungen bei der Abbildung der gesamten Versorgung führt. Daten zur ambulanten Behandlung durch niedergelassene Pädiater oder Hausärzte waren nicht verfügbar. Damit ist nicht klar, ob die geringere Fallzahl durch einen Wechsel in den niedergelassenen Bereich kompensiert wurde. Für die Rettungstransporte standen keine belastbaren Einsatzgrund- oder Diagnosedaten zur Verfügung, was die Analyse der Schweregrade der Erkrankungen unmöglich machte. Unklar ist auch, wie viele der vom RTW transportierten Kinder und Jugendlichen tatsächlich in der Region wohnhaft waren, da nur die Einsatzorte zur Verfügung standen, die nicht immer mit den Wohnorten der Patienten übereinstimmen müssen. Einige der untersuchten PLZ-Bereiche liegen in einer von Familien stark frequentierten Urlaubsregion. Darum ist davon auszugehen, dass ein gewisser Anteil der Einsätze Urlauberkinder betraf, was der Grund einer statistischen Überschätzung der Anzahl der RTW-Einsätze bezogen auf die Wohnbevölkerung sein kann. Weiterhin bezog die Analyse sich ausschließlich auf die Inanspruchnahme, nicht aber auf die Qualität der Versorgung. Aufgrund der vorhandenen Daten konnten keine Veränderungen in der Sterblichkeit noch im Schweregrad der Erkrankungen analysiert werden. Dies würde andere Daten und Instrumente erfordern.

Merksätze

Durch die Schließung der Pädiatrie eines Kreiskrankenhauses zeigte sich ein erheblicher Rückgang stationärer Fälle. Diese Fallzahl stabilisierte sich über die beobachteten Jahre auf dem niedrigeren Niveau. Die ambulante Fallzahl ging in den Krankenhäusern der Region kurzfristig zurück, stieg aber nach der Eröffnung einer Kinderportalpraxis am Schließungsstandort wieder auf das Niveau vor der Schließung an. Die Anzahl der RTW-Transporte nahm zu und stabilisierte sich auf dem höheren Niveau. Künftig bedarf es innovativer und sektorenübergreifender Versorgungskonzepte, um eine hochwertige pädiatrische und regionale Versorgung langfristig zu sichern. Hierfür sollten vor einem unkoordinierten Abbau stationärer Strukturen alternative Versorgungsmodelle gründlicher geprüft werden.

Fazit für die Praxis

Auf Basis einer Fallzahlbetrachtung können zwei stationäre Abteilungen für die pädiatrische Versorgung in einer Region ausreichen. Im Fokus sollte in jedem Fall die Stärkung einer regionalen, möglichst sektorenübergreifenden Akut- und Notfallversorgung stehen. Die Innovation KPPK ist ein mögliches Modell dafür, das genauer geprüft und weiterentwickelt werden sollte.


#
#
#

Korrespondenzadresse

Luisa Tischler
Universitätsmedizin Greifswald Institut für Community Medicine
Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health
Ellernholzstraße 1–2
17489 Greifswald
Germany   

Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
26. September 2023

© 2023. The Author(s). This is an open access article published by Thieme under the terms of the Creative Commons Attribution-NonDerivative-NonCommercial-License, permitting copying and reproduction so long as the original work is given appropriate credit. Contents may not be used for commercial purposes, or adapted, remixed, transformed or built upon. (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/).

Georg Thieme Verlag
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany


Zoom Image
Abb. 1 Analysierte Postleitzahlenbereiche (HGW=Greifswald; WLG=Wolgast; ANK=Anklam).
Zoom Image
Abb. 2 Dokumentierte Diagnosen (ICD-10-Kapitel) unter 18-jähriger Patienten aus der Region Wolgast Legende: NA=Allgemeine Notaufnahme (ab 01.02.2016 ohne pädiatrische Expertise); KPPK=Kinderportalpraxisklinik.
Zoom Image
Abb. 3 Entwicklung der Rettungstransportwageneinsätze im Beobachtungszeitraum.
Zoom Image
Fig. 1 Analysed post-code areas (HGW=Greifswald; WLG=Wolgast; ANK=Anklam).
Zoom Image
Fig. 2 Documented diagnoses (ICD-10 chapter) amongst under-18-year-old patients from the Wolgast region Key: ED=General Emergency Department (from 01.02.2016, with no paediatric expertise); PPPC=Paediatric Portal Practice Clinic.
Zoom Image
Fig. 3 Trends in ambulance deployments over the observation period.