Zusammenfassung
Hintergrund Geflüchtete sind in Deutschland oft in
Sammelunterkünften untergebracht, in denen ihr Einfluss auf die
Alltagsgestaltung stark beschränkt ist. Während der
COVID-19-Pandemie standen die Sammelunterkünfte daher in der besonderen
Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen, um die Gesundheit der Bewohner zu
schützen. Im Rahmen einer mixed methods-Studie wurde untersucht, wie
diese Aufgabe bewältigt wurde und wie sich die Pandemie auf den Alltag
in Sammelunterkünften ausgewirkt hat, um daraus Empfehlungen für
die Praxis abzuleiten.
Methoden In einem ersten Schritt wurde die Literatur zum Umgang mit
Ausbrüchen infektiöser Erkrankungen in
Sammelunterkünften für Geflüchtete in einem Scoping
Review analysiert. Auf den Ergebnissen des Reviews aufbauend, wurde dann das
Pandemie-Management in einem Online-Survey und parallel dazu in Interviews mit
Experten und Bewohnern von Sammelunterkünften untersucht. In einem
dritten Schritt wurden die Ergebnisse der vorangehenden Schritte zusammengefasst
und mit einem Experten-Panel diskutiert. In zwei Diskussionsrunden im Abstand
von zwei Monaten wurden mit dem Experten-Panel Empfehlungen für die
Praxis entwickelt.
Ergebnisse Die in der Untersuchung erfassten Sammelunterkünfte
waren unzureichend auf die Pandemie vorbereitet und haben oft erst im Verlauf
der Pandemie Krisenpläne entwickelt. Häufig sahen die
Krisenpläne die Etablierung von Krisenstäben vor, in denen die
Interessen und Perspektiven der Bewohner der Einrichtungen jedoch in der Regel
nicht vertreten waren. Dies hat in der Folge zu Problemen geführt:
Pandemiemaßnahmen wurden häufig nicht rechtzeitig oder nicht
ausreichend verständlich kommuniziert; durch Maßnahmen
entstehende Versorgungslücken wurden nicht erkannt und nicht adressiert;
und mit der Pandemie und Quarantänemaßnahmen einhergehende
psychosoziale Belastungen wurden nicht ausreichend abgefedert.
Schlussfolgerung
• Sammelunterkünfte für Geflüchtete
sollten unabhängig von der Pandemie Mechanismen etablieren, um die
Interessen und Perspektiven der Bewohner strukturiert in Entscheidungsprozesse
zu integrieren.
• Je nach Art der Sammelunterkunft sollte dies durch
Einbindung von Bewohnern in Entscheidungsgremien oder eine andere geeignete
Interessenvertretung verwirklicht werden.
• Während der Pandemie
eingeführte Maßnahmen, die sich negativ auf die psychosoziale
Situation der Bewohner auswirken können, sollten beendet werden, sobald
ihre seuchenhygienische Rechtfertigung nicht mehr gegeben ist.
Abstract
Background Refugees in Germany are often housed in shelters, where their
influence on the organization of everyday life is severely limited. During the
COVID-19 pandemic, these shelters therefore had a special responsibility to take
measures to protect the health of their residents. The aim of this research
project was to examine how this task was managed and how the pandemic affected
daily life in refugee shelters, with the aim to formulate recommendations for
practice.
Methods Using a mixed-methods study, the first step was a scoping review
of the literature on the management of infectious disease outbreaks in refugee
shelters. Building on the findings of the review, management of the pandemic was
then explored in an online survey and in interviews with experts and residents
of shelters. In a third step, the results of the preceding steps were summarized
and discussed with a panel of experts. Recommendations for practice were
developed with the expert panel in two discussion rounds two months apart.
Results The refugee shelters included in the study were inadequately
prepared for the pandemic and often did not develop contingency plans until the
pandemic was underway. In many cases, the contingency plans included the
establishment of crisis teams, but the interests and perspectives of facility
residents were generally not represented by these teams. This subsequently led
to problems: Pandemic measures were often not communicated in a timely or
sufficiently understandable manner, gaps in care resulting from measures were
not identified or addressed, and psychosocial stresses associated with the
pandemic and quarantine measures were not adequately mitigated.
Conclusion
• Refugee shelters should establish mechanisms to integrate
residents’ interests and perspectives into decision-making processes in
a structured manner, regardless of the pandemic.
• Depending on the type of
shelter, this should be realized through resident involvement in decision-making
bodies or other appropriate representation of interests.
• Measures introduced
during the pandemic that may have a negative impact on the psychosocial
situation of residents should be terminated as soon as the epidemic
justification for the measures no longer applies.
Schlüsselwörter
Asylsuchende - Asylbewerber - Geflüchtete - Sammelunterkünfte - COVID19 - Pandemie
Key words
asylum seeker - refugee - refugee shelter - COVID-19 - pandemic