Schlüsselwörter
Public Health - Evaluation - Präventionsgesetz - Prävention - Gesundheitsförderung - Kommune
Key words
Public Health - Evaluation - Prevention Bill - Prevention - Health Promotion - Community
Einleitung
Präventionsgesetz und Gesunde Kommune
Kommunale Prävention und Gesundheitsförderung hat zum Ziel, auf
die Lebensbedingungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung Einfluss zu
nehmen, sodass umwelt- und lebensstilbezogene Krankheiten verringert und das
allgemeine Wohlbefinden erhöht wird. Das Präventionsgesetz
(PrävG), das im Jahr 2015 in der jetzigen Form in Kraft getreten ist,
hat hierbei eine zentrale Rolle. Grundsätzlich soll der Stellenwert der
Prävention in der Gesellschaft durch Strukturaufbau, sowie durch
gesundheitsfördernde Maßnahmen in den Lebenswelten der
Bevölkerung, erhöht werden [1]. Diese sind beispielsweise Familien, das direkte Wohnumfeld,
Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, Betriebe und Pflegeeinrichtungen.
Darüber wurden im Rahmen des PrävG präventive
Gesundheitsuntersuchungen über den gesamten Lebensverlauf
weiterentwickelt, die Früherkennungsuntersuchungen sowie Beratung und
Aufklärung hinsichtlich des Impfschutzes beinhalten und
Ärzt*innen dazu berechtigen, individuelle
Präventionsempfehlungen aussprechen zu können.
Durch das PrävG besteht nun ein neuer finanzieller Rahmen für
kommunale, kleinräumige Projekte der Gesundheitsförderung. So
wird der GKV-Spitzenverband im Rahmen des PrävG angewiesen, Leistungen
zur „Gesundheitsförderung in Lebenswelten“ zu erbringen
und damit die Strukturen vor Ort zu stärken. Als
Förderrichtlinie der Krankenkassen regelt der Leitfaden
Prävention [2], unter welchen
Bedingungen die Umsetzung von Maßnahmen förderfähig ist.
Grundsätzlich können Maßnahmen aus den Bereichen
Bewegung, Entspannung, Ernährung und Suchtprävention
gefördert werden. Dies können bspw. Maßnahmen wie
Bewegung im Park, Sturzprävention, Gesunde Ernährung oder
Informationsveranstaltungen sein [3]. Als
lebensweltbezogenes Setting für nachhaltige Prävention und
Gesundheitsförderung werden nach §20a SGB V die Kommune,
Kindertagesstätten und Schulen sowie der Arbeitsplatz definiert [2]. Für das Setting
„Gesunde Kommune“ gilt, dass dort in Kooperation mit einem
kommunalen Träger zeitlich befristete Projekte zur
Gesundheitsförderung und Prävention durchgeführt werden
sollen [4]. Die
Gesundheitsförderung begegnet gesundheitlicher Ungleichheit mit
Maßnahmen [5], die darauf
abzielen, Chancengerechtigkeit herzustellen sowie dem Aufbau von Strukturen, um
diese Maßnahmen langfristig durchführen zu können.
Empowerment und Partizipation werden hierbei als handlungsleitende Prinzipien
betrachtet [6]. Das strategische Vorgehen
im Projekt „Gesundheit für alle im Stadtteil” bestand
hierbei im Anknüpfen an bestehende Netzwerke, der Erhebung spezifischer
Bedarfe und der Fokussierung auf deprivierte Personengruppen – dieses
Vorgehen zeigt sich als zielführend [7].
Forschungsstand
Es ist empirisch gut belegt, dass sozioökonomische Deprivation mit einem
schlechteren Gesundheitszustand sowie einer geringeren Lebensqualität
und höheren Morbiditätslasten einhergeht – dies gilt im
Allgemeinen für Gesundheit und Wohlbefinden [5], als auch speziell für die
Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen [6]
[7]
[8]
[9]
[10], Erwachsenen [11]
[12] und Senior*innen [13]
[14]
[15]. Werden weitere Determinanten
betrachtet, zeigen sich für Kinder und Jugendliche mit
Migrationshintergrund für manche Krankheitsbilder höhere,
für andere niedrigere Prävalenzen [16] – es zeigt sich empirisch ein
uneinheitliches Bild. Unterschiede zeigen sich auch bei der Häufigkeit
des Auftretens gesundheitlich riskanter Verhaltensweisen. So wird eine
höhere Prävalenz bzgl. des Rauchens und Übergewichts bei
Personen mit Migrationshintergrund festgestellt [17]
[18], jedoch wird seltener
Alkohol konsumiert [19]. Diese Befunde
unterscheiden sich teils nach den jeweiligen Herkunftsländern. So ist
bspw. unter Jugendlichen arabisch-islamischer oder türkischer Herkunft
die Prävalenz der Raucher*innen am geringsten [20]. Körperliche
Inaktivität, ein Risikofaktor für spätere
kardiovaskuläre Erkrankungen, wird verstärkt bei niedriger
Schulbildung und bei Arbeitslosigkeit beobachtet [21]. Gesundheitlich riskante
Verhaltensweisen sind mit einem schlechteren Gesundheitszustand im weiteren
Lebensverlauf assoziiert [22].
Gleichzeitig zeigen sich positive Langzeiteffekte auf den Gesundheitszustand bei
Änderungen im Lebensstil [23]
[24]
[25]. Daher wird davon ausgegangen, dass sich durch die
Gesundheitsförderungsmaßnahmen des Projekts Krankheitsrisiken
minimieren können und die gesundheitsbezogene Chancengerechtigkeit
verbessert wird, wenn Interventionen zu einer langfristigen Änderung des
gesundheitlich relevanten Verhaltens der
Maßnahmeteilnehmer*innen beitragen. Daneben wird davon
ausgegangen, dass über eine Änderung der Kontextfaktoren der
Wohnumgebung, des Bildungsniveaus und des Einkommens die gesundheitliche
Chancengerechtigkeit verbessert werden kann. Dieser Ansatz wird als
Verhältnisprävention bezeichnet und hat seine Anfänge in
der vorherigen Jahrhundertwende, als Maßnahmen der
„öffentlichen Hygiene“ zur Gesunderhaltung und des
Arbeiterschutzes sowie die stabile Ernährungslage die Lebenserwartung
entscheidend verlängerten. Heute werden unter dem Begriff
Maßnahmen verstanden, welche darauf abzielen, die
Lebensverhältnisse der Menschen bezüglich des allgemeinen
Wohlbefindens, der Morbiditätslasten und der Lebenserwartung zu
verbessern. Dies kann eine Ausweitung oder Aufwertung von
Grünflächen in deprivierten Wohngegenden sein, eine Verbesserung
der gesundheitsbezogenen Infrastruktur vor Ort oder die Installation von
öffentlichen Sport- und Koordinationsgeräten [26]
[27]
[28]
[29]
[30].
Kommunale Gesundheitsförderung und Prävention in
Nürnberg
Laut dem seit der Ottawa-Charta entwickelten Setting-Ansatz [31] soll Gesundheit im jeweiligen Kontext
gefördert werden. Dieser Ansatz wurde von der Stadt Nürnberg in
Kooperation mit der AOK Bayern bereits kurz nach Veröffentlichung des
PrävG aufgegriffen. Von Mai 2016 bis April 2020 wurde das Projekt
„Gesunde Südstadt“, das ebenfalls extern evaluiert
wurde, durchgeführt [32] und kurz
danach, von Mai 2017 bis Oktober 2022 (verlängert um den pandemiebedingt
pausierten Zeitraum) wurde das Projekt „Gesundheit für alle im
Stadtteil“ umgesetzt. Im Rahmen des Projekts wurde in vier, nach
Kriterien sozioökonomischer Benachteiligung ausgewählten,
Projektgebieten jeweils eine Gesundheitskoordination eingerichtet. Als
personelle Ressourcen standen eine halbe Stelle für eine Projektleitung,
vier Vollzeitstellen für sechs Gesundheitskoordinator*innen in
den Projektgebieten und eine Viertel-Stelle für eine Verwaltungskraft
zur Verfügung. Die Projektgebiete waren der Nürnberger Westen,
St. Leonhard/Schweinau, Langwasser und Röthenbach. Die
Gesundheitskoordinator*innen gingen Kooperationen mit lokalen sozialen,
kulturellen und konfessionellen Institutionen und mit weiteren Ämtern
der Kommune (bspw. SportService, Jugend-, Sozial- und Seniorenamt) ein und
erfassten zu Beginn der Projektzeit die Bedarfe in den Gebieten. Hierfür
wurden Expert*innen aus den Stadtteilen in Einzel- und Gruppeninterviews
anhand eines standardisierten Leitfadeninterviews zu den Bedarfen der
Statteilbewohner*innen befragt. Aus dieser qualitativen Bedarfserhebung
wurden erste Zielgruppen und stadtteilspezifische Problemfelder definiert. Ein
Ziel des Projektes war es, möglichst vielen Bewohner*innen,
insbesondere den Zielgruppen der Bedarfserhebung, den Zugang zu Bewegungs-,
Entspannungs- und Ernährungskursen zu ermöglichen oder zu
erleichtern. In der Sozialen Arbeit wird diesbezüglich von
Niedrigschwelligkeit gesprochen, wenn die Teilnahme an Maßnahmen oder
anderen freiwilligen Angeboten durch möglichst wenige Hürden
erschwert wird [33]. Wann eine
Maßnahme als niedrigschwellig zu betrachten ist, hängt von der
Zielgruppe und den spezifischen Hürden ab [34]. Durch die verringerten
Zugangshürden unterschieden sich die Maßnahmen des Projektes von
kommerziellen Angeboten der Gesundheitsförderung, welche bei
deprivierten Personengruppen häufig wenig bekannt und diese in den
Angeboten unterrepräsentiert sind – hierfür gibt es
Evidenz sowohl für Kinder und Jugendliche [35]
[36] als auch Erwachsene [37]
[38]
[39]. Während Personen mit geringem
Sozialstatus insgesamt eine schlechtere subjektive Gesundheit berichten und eine
geringere Lebenserwartung aufweisen [40],
werden Zusammenhänge zwischen der Nutzung von Maßnahmen der
Gesundheitsförderung und einem besseren subjektiven Gesundheitszustand
sowie der Arbeitsfähigkeit festgestellt [41]. Von einer erhöhten Teilnahme deprivierter
Personengruppen an Maßnahmen der Gesundheitsförderung wird daher
die Erwartung geknüpft, deren (subjektiven) Gesundheitszustand
verbessern zu können und daher die gesundheitsbezogene
Chancengerechtigkeit zu erhöhen. In Anlehnung an die Bedarfserhebung und
in Rücksprache mit den Akteur*innen wurden neben
regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen, wie etwa
Bewegungsangeboten auf öffentlichen Grün- und
Freiflächen, Maßnahmen für sehr kleinteilig segmentierte
Zielgruppen angeboten. Dies waren bspw. Gesundheitskurse mit tamilischer,
russischer oder arabischer Übersetzung, mit Kinderbetreuung oder
Maßnahmen, die für Sportanfänger*innen (oder
nach langer Sportpause) konzipiert waren. So konnte ein niedrigschwelliger
Zugang durch den Abbau von Hürden von regulären Angeboten wie
benötigtes Sprachniveau, Kosten, mangelnde Sichtbarkeit von Angeboten,
fehlender Kinderbetreuung, verbindlicher Anmeldung oder hohes (antizipiertes)
sportliches Niveau oder inhaltliches Vorwissen minimiert werden.
Neben den Maßnahmen sollte in den Projektgebieten Gesundheit und deren
Förderung als Schwerpunktthema im Diskurs der lokalen
Akteur*innen und Vertreter*innen anderer Ämter etabliert
werden: So wurde in zwei Projektgebieten mit den Akteur*innen und
Schulen ein jährlicher, stadtteilbezogener Bewegungstag für
Jugendliche durchgeführt. In einem weiteren Projektgebiet konnte das
Thema „Armut und Gesundheit“ in einer halbjährlich
stattfindenden Veranstaltung für Akteur*innen des Stadtteils
platziert werden. In Netzwerken, Gremien und Arbeitsgruppen, in welchen teils
auch Stadträt*innen vertreten waren, wurde durch die
Gesundheitskoordinator*innen das Zusammenspiel von sozialer Ungleichheit
und Gesundheit sowie Wissen über strukturelle Faktoren, die zu
gesundheitlicher Ungleichheit führen können, sichtbarer und
bewusster gemacht. Darüber hinaus wurde den
Stadträt*innen des Gesundheitsausschusses
regelmäßig über den Fortgang des Projektes
berichtet.
Mit insgesamt 199 Maßnahmen, 1.104 Einzelterminen und 18.035 Teilnahmen
konnte eine hohe Anzahl an Personen von dem Projekt profitieren. Eine genaue
Beschreibung des Projekts, des Vorgehens und der Ergebnisse finden Sie im
Abschlussbericht des Projekts [42].
Die Evaluation des Projekts erfolgte durch das Institut für
Praxisforschung und Evaluation der Evangelischen Hochschule Nürnberg von
Juli 2020 bis Dezember 2021. Die Evaluation bezieht sich auf die ersten
dreieinhalb Projektjahre. Da das Projekt aufgrund der Pandemie um ein Jahr
verlängert wurde, handelt es sich bei der Evaluation nicht, wie geplant,
um eine Abschlussevaluation, sondern um eine Zwischenevaluation. Im Fokus stehen
die Bewertung der Projekttreue, der Projektreichweite und –akzeptanz und
der dauerhaften Implementierung der Maßnahmen. Die
Evaluationsgegenstände wurden von der Auftraggeberin vorgegeben. Die
jeweilige Definition ist im Ergebnisteil zu finden.
Methodik
Das Projekt wurde im Mixed-Methods-Design evaluiert. Hierfür wurden die
Feedbackbögen von Maßnahmeteilnehmer*innen als quantitative
Paper-Pencil-Befragung ausgewertet und vier qualitative Fokusgruppen unter den
Akteur*innen durchgeführt und ausgewertet. Zum Abschluss wurde eine
Onlinebefragung erstellt und unter Akteur*innen und Kursleiter*innen
durchgeführt. Durch die Kombination aus quantitativen und qualitativen
Methoden soll ein größtmöglicher Erkenntnisgewinn erreicht
werden [43]. Zum einen wird ein vertiefendes
Evaluationsdesign umgesetzt, da die Ergebnisse von qualitativen Fokusgruppen als
Grundlage für die Erstellung einer quantitativen Onlinebefragung dienen. Zum
anderen geben die qualitativen Daten ein umfassenderes Bild auf die quantitative
Paper-Pencil-Befragung. Folgend werden ausgewählte Forschungsergebnisse
vorgestellt. Die ausführlichen Ergebnisse finden sich im Abschlussbericht
der Evaluation [44].
Paper-Pencil-Befragung
Von April 2018 bis November 2020 wurden von den
Maßnahmeteilnehmer*innen anonym Feedback-Fragebögen
ausgefüllt. Das Erstellen von Feedbackbögen und die Erfassung
der Feedbacks war durch die fördernde gesetzliche Krankenkasse
hinsichtlich der Qualitätssicherung im Projektverlauf vorgeschrieben.
Die Feedbackbögen wurden in der jeweils letzten Einheit der
Maßnahmen zur freiwilligen Beantwortung ausgegeben. Insgesamt 580
vollständig erfasste und codierte Datensätze konnten so im
Rahmen der Evaluation ausgewertet werden. Eine personenbezogene Erfassung der
Teilnehmer*innen erfolgte aufgrund des Projektkonzeptes, insbesondere
der Unverbindlichkeit, nicht. Erfasst wurde lediglich die Zahl der
Teilnehmer*innen je Maßnahmeeinheit. Eine Rücklaufquote
kann daher nicht berechnet werden. Inhaltlich wurde neben soziodemografischen
Daten die Zufriedenheit mit verschiedenen Aspekten der Maßnahmen durch
Rating-Skalen mit 5 Kategorien (1=stärkste Zustimmung,
5=stärkste Ablehnung) abgefragt.
Fokusgruppen
Für jeden der vier Stadtteile wurde im Februar 2022 eine Fokusgruppe mit
je 5 Akteur*innen (n=20) digital durchgeführt. Bei den
Akteur*innen handelte es sich um am Projekt aktiv oder passiv
Mitwirkende des Sozialraums, etwa im Rahmen von Maßnahmen oder von
Kooperationen mit lokalen Institutionen oder durch die projektbezogene
Informationsweitergabe im Stadtteil. Fokusgruppen sind ein moderiertes
Diskursverfahren, bei dem eine Kleingruppe durch einen Informationsinput zur
Diskussion über ein bestimmtes Thema angeregt wird [45]. Die Auswertung erfolgte anhand der
strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring [46]. Die Kategorien wurden mit den
quantitativen Daten der Paper-Pencil-Befragung im Sinne eines
Mixed-Methods-Designs kombiniert [47]. Die
Themen in den Fokusgruppen waren Bedarfe im Stadtteil, Einbindung und
Bekanntheit des Projekts im Stadtteil und die Etablierung dauerhafter Strukturen
im Rahmen des Projekts.
Onlinebefragung
Aufbauend auf den ersten Ergebnissen der Fokusgruppen und Paper-Pencil-Befragung
wurde eine quantitative, retrospektive Onlinebefragung durchgeführt.
Für die Erhebung wurde von der Auftraggeberin ein Adressverteiler mit 98
Adressen von Kursleiter*innen und Akteur*innen zur
Verfügung gestellt. Zudem wurde der Link zur Befragung über alle
Netzwerke verbreitet. Insgesamt sind 67 vollständig beantwortete
Fragebögen eingegangen. Die Daten wurden deskriptiv ausgewertet. Neben
Fragen zur erreichten Zielgruppe wurden Rating-Skalen mit 5 Kategorien genutzt
(1=stärkste Zustimmung, 5=stärkste Ablehnung),
um von den Befragten eine Einschätzung zu verschiedenen Aspekten des
Projekts und der Projektförderung zu erhalten, wie z. B. den
erreichten Zielgruppen, der Niedrigschwelligkeit der Maßnahmen, der
Bekanntheit und der Etablierung dauerhafter Strukturen im Rahmen des Projekts
sowie zu der Förderdauer.
Ergebnisse
Projekttreue
Die Projekttreue beschreibt, inwiefern die zu Anfang gesetzten Ziele erreicht
wurden. Das Hauptziel des Projekts war es, sozial benachteiligten Personen, die
konventionelle Angebote der Gesundheitsförderung nicht wahrnehmen
(können), dezentral Maßnahmen anzubieten. Um eine hohe
Teilnahmequote dieser Personengruppe zu erreichen, sollten die Maßnahmen
niedrigschwellig sein. Die hohe Zufriedenheit, die die
Maßnahmeteilnehmer*innen in der Paper-Pencil-Befragung mit
Uhrzeit, Ort, Kursleiter*innen und Inhalten der Maßnahmen
angegeben haben, weist auf eine hohe Akzeptanz des Projekts durch die
Teilnehmer*innen hin ([Tab. 1]).
In den Fokusgruppen mit den Akteur*innen wurden gezielt Aspekte der
Niedrigschwelligkeit betrachtet. Positiv hervorgehoben wurde hier, dass die
Maßnahmen kostenlos, wohnortnah, regelmäßig sowie
unverbindlich waren:
Tab. 1 Darstellung der Verteilungshäufigkeiten aus der
Paper-and-Pencil-Befragung der
Maßnahmeteilnehmer*innen zu verschiedenen Aspekten
der Zufriedenheit.
|
trifft voll und ganz zu
|
trifft eher zu
|
weder noch
|
trifft eher nicht zu
|
trifft überhaupt nicht zu
|
Zufriedenheit Uhrzeit (n=560)
|
81%
|
16%
|
2%
|
1%
|
0%
|
Zufriedenheit Ort (n=527)
|
83%
|
14%
|
2%
|
0%
|
0%
|
Zufriedenheit Kursleiter*in (n=541)
|
89%
|
9%
|
2%
|
1%
|
0%
|
Zufriedenheit Inhalte (n=540)
|
82%
|
14%
|
3%
|
1%
|
0%
|
„[…] keine Terminvereinbarungen, es muss verlässlich
einfach stattfinden, Gymnastik im Lochner Park, […] man nimmt teil
und weiß, nächste Woche wieder am selben Ort zur selben Zeit
kostenlos.“
Die Onlinebefragung bestätigt die in den Fokusgruppen genannten Faktoren
für niedrigschwellige Maßnahmen. Die am häufigsten
gewählten Antwortmöglichkeiten (Mehrfachantwort) waren
Kostenfreiheit, Wohnortnähe, eine kurze Zeitdauer der Einheit und die
Regelmäßigkeit der Termine. Zudem bestätigten die
Akteur*innen einen verbesserten, niedrigschwelligen Zugang zu
Gesundheitsförderung im Stadtteil durch das Projekt ([Tab. 2]).
Tab. 2 Darstellung der Verteilungshäufigkeiten aus der
Onlinebefragung der Akteur*innen zur Niedrigschwelligkeit
und Förderdauer.
|
trifft voll und ganz zu
|
trifft eher zu
|
weder noch
|
trifft eher nicht zu
|
trifft überhaupt nicht zu
|
Verbesserung des niedrigschwelligen Zugangs zu
Gesundheitsförderung (n=67)
|
31%
|
48%
|
18%
|
3%
|
0%
|
Die Förderdauer des Projekts von 5 Jahren ist
ausreichend (n=67)
|
4%
|
2%
|
6%
|
41%
|
48%
|
Zusammenfassend deuten die drei Datenquellen darauf hin, dass im Projekt
niederschwellige Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Die Aspekte der
Kostenfreiheit, Wohnortnähe, Regelmäßigkeit sowie
unverbindlichen Teilnahmemöglichkeit, die in den Fokusgruppen erarbeitet
wurden, wurden in der Onlinebefragung von den Akteur*innen
bestätigt. Die gleichzeitige Zufriedenheit der Teilnehmer*innen
mit den Rahmenbedingungen der Maßnahmen deuten darauf hin, dass wichtige
Aspekte der Niedrigschwelligkeit berücksichtigt wurden.
Projektreichweite und -akzeptanz
Ein weiteres Projektziel war die Verbesserung der gesundheitlichen
Chancengerechtigkeit. Wichtige Bewertungskriterien in diesem Kontext waren, ob
die Maßnahmen ausreichend genutzt wurden, welche Personengruppen
erreicht wurden und wie zufrieden diese mit den Maßnahmen waren.
Die Paper-Pencil-Befragung zeigt, dass durch die Maßnahmen
überwiegend weibliche (83%) Personen erreicht wurden. Mehr als
die Hälfte der Teilnehmer*innen war min. 65 Jahre alt
(58%) und der Altersdurchschnitt lag bei 60,7 Jahren (SD=21,0).
Ein gutes Drittel gab an, einen Migrationshintergrund (35%
Projektgebiete vs. 45% Stadt Nürnberg [47]) zu haben. In den Stadtteilen
Röthenbach und dem Nürnberger Westen, in welchen
Maßnahmen auf oder mit tamilischer, russischer oder arabischer
Übersetzung durchgeführt wurden, war der
Migrant*innenanteil höher. Im Vergleich zu den
Schulabschlüssen der Nürnberger Gesamtbevölkerung [48] hatte zudem ein höherer Anteil
der Befragten der Paper-Pencil-Befragung keinen Schulabschluss (5%
Projektgebiete vs. 4% Stadt Nürnberg), einen Haupt-, Mittel-
oder Volksschulabschluss (34% Projektgebiete vs. 26% Stadt
Nürnberg) oder einen Realschulabschluss (29% Projektgebiete vs.
24% Stadt Nürnberg). Es gaben 5% der
Teilnehmer*innen zwischen 18 und 65 Jahren an, arbeitslos zu sein.
Dieser Wert deckt sich mit dem Arbeitslosenanteil der Stadt Nürnberg zu
dem Zeitpunkt der Befragung [49]. Es zeigt
sich, dass in den Projektgebieten Langwasser und Nürnberger Westen, in
welchen spezifische Maßnahmen für
Leistungsbezieher*innen in Kooperation mit dem Jobcenter angeboten
wurden, der Gesamtanteil dieser im Vergleich zu den anderen beiden
Projektgebieten erhöht war. [Tab.
3] zeigt die Verteilung der soziodemografischen Merkmale nach
Stadtteil und im Vergleich mit dem Durchschnittswert der
Stadtbevölkerung im entsprechenden Stadtteil.
Tab. 3 Demografische Daten der
Maßnahmeteilnehmer*innen gegenübergestellt
mit bevölkerungsstatistischen Daten der Stadt
Nürnberg.
|
Anteil Migrationshintergrund
|
Anteil Arbeitslose
|
|
Stadt Nürnberg [44]
|
Teilnehmer*innen Projekt (n=272)
|
Stadt Nürnberg [39]
|
Teilnehmer*innen Projekt (n=247)
|
Röthenbach
|
52%
|
42%
|
4%
|
2%
|
Nürnberger Westen
|
63%
|
43%
|
6%
|
7%
|
St. Leonhard-Schweinau
|
69%
|
13%
|
8%
|
3%
|
Langwasser
|
55%
|
28%
|
6%
|
6%
|
Gesamtanteil Nürnberg / Projekt
|
45%
|
35%
|
5%
|
5%
|
In der Onlinebefragung gaben die Akteur*innen an (Mehrfachantwort), dass
mit den Maßnahmen Migrant*innen (55%) und
Senior*innen (47%) am besten erreicht wurden, gefolgt von
Leistungsbezieher*innen (38%) und Personen mit niedrigem
Bildungsstand (38%). Damit konnten aus Sicht der Akteur*innen
drei der im Leitfaden Prävention benannten benachteiligten Zielgruppen
[2] erreicht werden:
Senior*innen, Migrant*innen und Leistungsbezieher*innen
(Überschneidungen der Merkmale sind möglich). Weniger gut
erreicht wurden laut den Akteur*innen Jugendliche zwischen 13 und 17
Jahren (38%), Familien (26%) und Alleinerziehende (18%).
Dass insgesamt wenig junge Menschen erreicht wurden zeigt sich im hohen
Altersdurchschnitt, sowohl im Gesamtprojekt als auch in den einzelnen
Projektgebieten ([Tab. 3]).
Ein zentraler Aspekt des Vorgehens im Projekt war die Kooperation mit lokalen
Akteur*innen und Netzwerken, wie bspw. Seniorennetzwerken oder
Kulturvereinen. In den Fokusgruppen wurde die große Bedeutung dieser
Netzwerkarbeit benannt:
„Unsere Zusammenarbeit war über die Netzwerke, das
heißt wir haben uns sehr schnell darüber
verständigt, dass die Gesundheitskoordination keine
zusätzlichen Zweige aufbaut, sondern die bestehenden Inputs gibt
bzw. über diese arbeitet.“
Diese intensive Netzwerkarbeit hat es unter anderem ermöglicht, auf die
bereits bestehenden Kontakte zu Stadtteilbewohner*innen
zurückzugreifen und so in der Projektlaufzeit die bereits beschriebene
heterogene Personengruppe zu erreichen und mit den Akteur*innen Bedarfe
in den Stadtteilen aufzugreifen.
Langfristigkeit der Strukturen
In Bezug auf eine langfristige, nachhaltige Implementierung der Maßnahmen
des Projekts muss die besondere Situation aufgrund der Corona-Pandemie
berücksichtigt werden. Obwohl es unter Berücksichtigung der
pandemiebedingten Restriktionen zeitweise möglich war, Angebote
durchzuführen (z. B. im Freien, mit Teilnehmerlisten zur
Personennachverfolgung und mit beschränkter Teilnehmer*innenzahl
oder virtuell), waren kaum personelle Ressourcen für die
Weiterführung des Projekts vorhanden, da die
Gesundheitskoordinator*innen nahezu komplett in das Pandemie-Management
des kommunalen Gesundheitsamtes einbezogen wurden. Dies wird auch in einer
Fokusgruppen deutlich:
„Man merkt auch jetzt, dass es eine enorme Lücke ist. Jetzt
wäre das Thema Gesundheit enorm wichtig, […], wenn wir es
bearbeiten könnten. Und das ist super schade, dass wir das grade
nicht in dem Umfang machen können, weil das Projekt gerade so ein
bisschen ja auf Eis liegt oder mit Sparflamme laufen muss.“
Andere Akteur*innen berichteten in den Fokusgruppen von
Maßnahmen, die weitergeführt wurden und dass generell durch das
Projekt eine Sensibilisierung für das Thema Gesundheit im Stadtteil
stattfand:
„Ich glaube die Netzwerke, der Stadtteil an sich wird durch so ein
Projekt immer sensibilisiert. Wir sind viele Akteure, […], die
merken, da laufen Projekte und ich glaube man guckt dann auch mehr auf
solche Themen“.
Neben den Herausforderungen, die durch die Corona-Pandemie aufgetreten sind,
äußerten die Akteur*innen in den Fokusgruppen Bedenken
zur Langfristigkeit des Projekts im Stadtteil, beispielsweise, dass ein
maßgeblicher Teil der Maßnahmen mit der Einstellung der
Förderung wegbrechen würde:
„Ich glaube, dass es einfach jemanden braucht, der das Ganze steuert
und federführend zusammenhält, jemanden der auch
dafür bezahlt wird. Qualität ist hier das eine,
Langfristigkeit das andere.“
Erschwert werde die dauerhafte Implementierung zudem durch die formalen Vorgaben.
Die Maßnahmen waren gemäß dem Leitfaden
Prävention kostenfrei und wurden von zertifizierten
Trainer*innen durchgeführt. Mit Blick auf dauerhafte Strukturen
seien diese Vorgaben jedoch eher hinderlich. In einer Fokusgruppe wurde die
Situation folgendermaßen beschrieben:
„Der Versuch dann vorher kostenlose Angebote kostenpflichtig zu
machen hat ein vorhersehbares Ergebnis, das wird einfach
nichts.“
Für eine erfolgreiche, dauerhafte Implementierung sei es laut den
Befragten der Fokusgruppe notwendig, von Anfang an geringe
Kostenbeiträge für Kursleiter*innen und Raumkosten zu
erheben.
Die vertiefende Onlinebefragung stützt die Ergebnisse der Fokusgruppe,
dass eine dauerhafte Implementierung schwer möglich sei. Dort wurde die
Förderdauer des Projekts als nicht ausreichend ([Tab. 2]) für den Aufbau
nachhaltiger Strukturen bewertet.
Diskussion
Für eine nach Projektstart zeitnahe Implementierung von Maßnahmen im
Stadtteil hat sich gezeigt, dass die Nutzung von bestehenden Netzwerken entscheidend
ist. Mit Schlüsselpersonen aus dem Stadtteil zu kooperieren kann als
zweckdienlich betrachtet werden. Basieren die Maßnahmen auf engen
Kooperationen mit Akteur*innen des Stadtteils, fördert dies das
Bestehen der Maßnahmen über den Projektzeitraum hinweg. Die
vierjährige Projektdauer ist in Bezug auf die dauerhafte Implementierung der
Maßnahmen jedoch problematisch. Als eines der ersten kommunalen
drittmittelgeförderten Projekte dieser Art zeigte sich, dass eine
längere, kontinuierliche Phase der kooperativen Maßnahmenumsetzung
nötig ist, um Strukturen zu festigen und Einfluss auf die
Verhältnisse im Projektgebiet zu nehmen. Die formalen Vorgaben des
Präventionsleitfadens stellen Hürden bezüglich des Aufbaus
langfristiger Strukturen dar.
Durch die Analysen der qualitativen und quantitativen Daten aus Perspektive der
Akteur*innen, Kursleiter*innen und
Maßnahmeteilnehmer*innen wurden die Projektaktivitäten
evidenzbasiert evaluiert. Dieser multiperspektivische Blick ermöglicht es,
konkrete Aussagen, beispielweise über Erfolgsfaktoren, zu treffen. Folgende
methodische Einschränkungen bestehen dennoch: Aufgrund von zeitlichen
Restriktionen und teilweise geringen Deutschkenntnissen der
Maßnahmeteilnehmer*innen wurde auf standardisierte
Befragungsinstrumente verzichtet und stattdessen ein kurzer Fragebogen mit leicht
verständlichen Items eingesetzt. Das Querschnittsdesign (einmaliger
Erhebungszeitpunkt) sowie das Fehlen einer Kontrollgruppe schränken die
Aussagekraft der Ergebnisse ein. Dies war aufgrund der Rahmenbedingungen nicht
umzusetzen, da keine Vergleichsdaten zu früheren Zeitabschnitten vorliegen.
Die Akquise von Studienteilnehmer*innen für Kontrollgruppen, also
einer Personengruppe, die nicht der Intervention ausgesetzt ist und nach der
Beobachtungszeit hinsichtlich des zu erwartenden Interventionseffektes befragt wird,
erweist sich im Bereich der Gesundheitsförderung generell als
herausfordernd. Eine Möglichkeit, Effekte von Maßnahmen dennoch
aufzuzeigen, kann der Vergleich mit anderen Maßnahmen der
Gesundheitsförderung sein. Hier kann jedoch nicht eindeutig gezeigt werden,
ob der eingetretene Effekt auf die Maßnahme selbst
zurückzuführen ist. Darüber hinaus können Effekte im
Rahmen eines programmtheoretisch basierten Evaluationsansatzes durch Wirkmodelle
nachgewiesen werden. Hierzu wird in einer Wirkungsmodellierung ein theoretisches
Modell mit den zu erwartenden Effekten und möglichen Einflussfaktoren
aufgestellt. Aufbauend auf diesem Modell können mittels eines
längsschnittlichen Evaluationsdesigns (mehrere Erhebungszeitpunkte) durch
eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden Effekte
identifiziert werden [50].
Fazit
Seit Inkrafttreten des PrävG in 2015 bis zum Jahr 2019 sind die
monetären Ausgaben der GKV für
Gesundheitsförderungsleistungen von jährlich 38 Mio. € auf
166 Mio. € [51]
[52] stark gestiegen. Die Umsetzung von
Maßnahmen der Gesundheitsförderung in den Kommunen rückt
demnach stärker in den Vordergrund. Inhaltlich ist der Fokus auf
Gesundheitsförderungsmaßnahmen in den Kommunen sinnvoll, denn dort
werden insbesondere Personengruppen erreicht, die aufgrund der strukturellen
Mechanismen gesundheitlicher Ungleichheit von höheren Erkrankungsrisiken
oder bereits einer erhöhten Morbiditätslast betroffen sind [53]. Vor allem sozial benachteiligte
Personengruppen, welche gesundheitsfördernde Angebote sonst kaum wahrnehmen,
können besser und gezielter adressiert werden [54].
Das Projekt „Gesundheit für alle im Stadtteil“ ist 2017
gestartet und damit eines der ersten Projekte nach SGB V §20a, das
über einen längeren Zeitraum evaluiert wurde. Ein weiteres
Nürnberger Projekt, das extern evaluiert wurde, ist das Projekt
„Gesunde Südstadt“. Hier konnte gezeigt werden, dass
niedrigschwellige Ernährungsangebote soziale Integration und die funktionale
Gesundheitskompetenz sozial benachteiligter Zielgruppen fördern [32].
Zukünftige Evaluationsforschung in der kommunalen
Gesundheitsförderung sollte nach Möglichkeit verstärkt
längsschnittliche Untersuchungsdesigns unter Verwendung digitaler
Erhebungsmethoden [55] einsetzen, um kausale
Beziehungen und zeitliche Veränderungen zu erfassen. Wenig bekannt ist
bisher, inwiefern Personen in deprivierten Lebenslagen gesundheitlich von
Maßnahmen der Gesundheitsförderung profitieren können. Um
die Ziele der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit oder –gleichheit besser
verfolgen zu können, ist jedoch Wissen über die Wirksamkeit von
Maßnahmen notwendig. Daher werden weitere empirische Befunde
benötigt, um die Effekte von Projekten der Gesundheitsförderung in
Kommunen besser einschätzen zu können.
Hinweis
Dieser Artikel wurde gemäß des Erratums vom 16.04.2024
geändert.
Erratum
Im oben genannten Artikel wurde nur Frau Hentrich SAM als
Erstautorin genannt. Richtig ist: Frau Hentrich SAM und Frau
Lenkowski M teilen sich die Erst-Autorinnenschaft.