Schlüsselwörter Leitlinie - Hormonskepsis - Nebenwirkungen - alternative Verhütung - Sicherheit - Schwangerschaft - Pearl-Index
I Leitlinieninformationen
I Leitlinieninformationen
Leitlinienprogramm der DGGG, OEGGG und SGGG
Informationen hierzu finden Sie am Ende der Leitlinie.
Zitierweise
S2k-Guideline Non-hormonal Contraception, Part 1: Natural Family Planning, Lactational Amenorrhea, Barrier Methods, Coitus Interruptus. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k-Level, AWMF Registry No. 015-095, January 2024). Geburtsh Frauenheilk 2024; 84: 697–714
Leitliniendokumente
Die vollständige deutsche Langfassung und eine Diaversion dieser Leitlinien sowie eine Aufstellung der Interessenkonflikte aller Autoren befinden sich auf der Homepage der AWMF: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-095.html
Leitliniengruppe
Siehe [Tab. 1 ] und [2 ].
Autor
AWMF-Fachgesellschaft
PD Dr. med. Bettina Böttcher
Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG)
Prof. Dr. med. Sabine Segerer
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
Autor*in
Mandatsträger*in
DGGG-Arbeitsgemeinschaft (AG)/AWMF/Nicht-AWMF-Fachgesellschaft/Organisation/Verein
Dr. med. Maria Beckermann
Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF) e. V.
Barbara Berger
Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH)
PD Dr. med. Bettina Böttcher
Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG)
Dr. med. Jann Frederik Cremers
Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU)
Dr. med. univ. Elisabeth DʼCosta
Expertin
Dr. med. Petra Frank-Herrmann
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF)
Dr. med. Tanja Freundl-Schütt
Expertin
Dr. med. Cornelia Friedrich
Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaften (DGSMTW)
Dr. med. Sören Funck
Berufsverband der Frauenärzte (BVF)
Dr. med. Christine Gathmann
Bundesverband pro familia – Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V.
Sabine Goette
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Dr. med. Maren Goeckenjan
AG Kinder- und Jugendgynäkologie e. V. der DGGG
Prof. Dr. med. Katharina Hancke
Deutsche Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM)
Dr. med. Christian Leiber-Caspers
Deutsche Gesellschaft für Andrologie (DGA)
Dr. med. Jana Maeffert
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG)
Prof. Dr. med. Gabriele Merki
Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG)
Prof. Dr. med. Patricia G. Oppelt
AG Kinder- und Jugendgynäkologie e. V. der DGGG
Stefanie Paschke
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Dr. med. Saira-Christine Renteria
Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG)
Prof. Dr. med. Annette Richter-Unruh
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
Dr. med. Sebastian Schäfer
AG Gynäkologische Endoskopie e. V. (AGE) der DGGG
Dr. med. Anne-Rose Schardt
Berufsverband der Frauenärzte (BVF)
Nina Schernus
Feministisches Frauengesundheitszentrum Berlin e. V. (FFGZ)
Dr. med. Claudia Schumann-Doermer
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG)
Prof. Dr. med. Sabine Segerer
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
Helga Seyler
Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF) e. V.
Christine Sieber
Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH)
Prof. Dr. med. Barbara Sonntag
Deutsche Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM)
Gabrielle Stöcker
Bundesverband pro familia – Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V.
Prof. Dr. med. Bettina Toth
Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG)
Mag.a Angela Tunkel
Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF)
Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF)
Die folgenden Fachgesellschaften/Arbeitsgemeinschaften/Organisationen/Vereine haben Interesse an der Mitwirkung bei der Erstellung des Leitlinientextes und der Teilnahme an der Konsensuskonferenz bekundet und Vertreter dafür benannt.
Die Moderation der Leitlinie wurde dankenswerterweise von Dr. med. Monika Nothacker (AWMF-zertifizierter Leitlinienberater/-moderator) übernommen.
Verwendete Abkürzungen
Apps:
Application
AWMF:
Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e. V.
BZgA:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
CE:
Conformité E
DMPA:
Depotmedroxyprogesteronacetat
HIV:
Human Immunodeficiency Virus
IUD:
Intrauterine Device
IUP:
Intrauterinpessar
LNG-IUP:
Levonorgestrel-Intrauterinpessar
NFP:
Natürliche Familienplanung
STI:
Sexually Transmitted Infection
TSS:
Toxic Shock Syndrome
II Leitlinienverwendung
Fragestellung und Ziele
Ziel ist eine evidenzbasierte Handlungsempfehlung für die Beratung von Personen mit dem Wunsch einer nicht hormonellen Empfängnisverhütung.
Versorgungsbereich
Anwenderzielgruppe/Adressaten
Diese Leitlinie richtet sich an folgende Personenkreise:
Gynäkolog*innen, Urolog*innen und Androlog*innen in der Niederlassung
Gynäkolog*innen, Urolog*innen und Androlog*innen mit Klinikanstellung
Kinderärzt*innen
Weitere Adressat*innen sind (zur Information):
Allgemeinmediziner*innen
Pflegekräfte
Kooperationspartner*innen der Ärzteschaft (z. B. Fachberufe des Gesundheitswesens, Kostenträger)
Beratungsstellen (z. B. pro familia, Donum vitae, Gesundheitsämter)
Öffentlichkeit zur Information über gute medizinische Vorgehensweise
Verabschiedung und Gültigkeitsdauer
Die Gültigkeit dieser Leitlinie wurde durch die Vorstände/Verantwortlichen der beteiligten medizinischen Fachgesellschaften, Arbeitsgemeinschaften, Organisationen und Vereine sowie durch den Vorstand der DGGG, SGGG, OEGGG sowie der DGGG/OEGGG/SGGG-Leitlinienkommission im Dezember 2023 bestätigt und damit in ihrem gesamten Inhalt genehmigt. Diese Leitlinie besitzt eine Gültigkeitsdauer vom 01.01.2024 bis 31.12.2028. Diese Dauer ist aufgrund der inhaltlichen Zusammenhänge geschätzt. Bei dringendem Bedarf kann eine Leitlinie früher aktualisiert werden, bei weiterhin aktuellem Wissensstand kann ebenso die Dauer verlängert werden.
III Methodik
Grundlagen
Die Methodik zur Erstellung dieser Leitlinie wird durch die Vergabe der Stufenklassifikation vorgegeben. Das AWMF-Regelwerk (Version 1.0) gibt entsprechende Regelungen vor. Es wird zwischen der niedrigsten Stufe (S1), der mittleren Stufe (S2) und der höchsten Stufe (S3) unterschieden. Die niedrigste Klasse definiert sich durch eine Zusammenstellung von Handlungsempfehlungen, erstellt durch eine nicht repräsentative Expertengruppe. Im Jahr 2004 wurde die Stufe S2 in die systematische evidenzrecherchebasierte (S2e) oder strukturelle konsensbasierte Unterstufe (S2k) gegliedert. In der höchsten Stufe S3 vereinigen sich beide Verfahren.
Diese Leitlinie entspricht der Stufe: S2k
Empfehlungsgraduierung
Die Evidenzgraduierung nach systematischer Recherche, Selektion, Bewertung und Synthese der Evidenzgrundlage und eine daraus resultierende Empfehlungsgraduierung einer Leitlinie auf S2k-Niveau ist nicht vorgesehen. Es werden die einzelnen Statements und Empfehlungen nur sprachlich – nicht symbolisch – unterschieden ([Tab. 3 ]).
Beschreibung der Verbindlichkeit
Ausdruck
starke Empfehlung mit hoher Verbindlichkeit
soll/soll nicht
einfache Empfehlung mit mittlerer Verbindlichkeit
sollte/sollte nicht
offene Empfehlung mit geringer Verbindlichkeit
kann/kann nicht
Statements
Sollten fachliche Aussagen nicht als Handlungsempfehlungen, sondern als einfache Darlegung Bestandteil dieser Leitlinie sein, werden diese als „Statements“ bezeichnet. Bei diesen Statements ist die Angabe von Evidenzgraden nicht möglich.
Konsensusfindung und Konsensusstärke
Im Rahmen einer strukturierten Konsenskonferenz nach dem NIH-Typ (S2k/S3-Niveau) stimmen die berechtigten Teilnehmer der Sitzung die ausformulierten Statements und Empfehlungen ab. Der Ablauf war wie folgt: Vorstellung der Empfehlung, inhaltliche Nachfragen, Vorbringen von Änderungsvorschlägen, Abstimmung aller Änderungsvorschläge. Bei Nichterreichen eines Konsensus (> 75% der Stimmen) Diskussion und erneute Abstimmung. Abschließend wird abhängig von der Anzahl der Teilnehmer die Stärke des Konsensus ermittelt ([Tab. 4 ]).
Symbolik
Konsensusstärke
prozentuale Übereinstimmung
+++
starker Konsens
Zustimmung von > 95% der Teilnehmer
++
Konsens
Zustimmung von > 75 – 95% der Teilnehmer
+
mehrheitliche Zustimmung
Zustimmung von > 50 – 75% der Teilnehmer
–
kein Konsens
Zustimmung von < 51% der Teilnehmer
Expertenkonsens
Wie der Name bereits ausdrückt, sind hier Konsensusentscheidungen speziell für Empfehlungen/Statements ohne vorige systemische Literaturrecherche (S2k) oder aufgrund von fehlender Evidenzen (S2e/S3) gemeint. Der zu benutzende Expertenkonsens (EK) ist gleichbedeutend mit den Begrifflichkeiten aus anderen Leitlinien wie „Good Clinical Practice“ (GCP) oder „klinischer Konsensuspunkt“ (KKP). Die Empfehlungsstärke graduiert sich gleichermaßen wie bereits im Kapitel Empfehlungsgraduierung beschrieben ohne die Benutzung der aufgezeigten Symbolik, sondern rein semantisch („soll“/„soll nicht“ bzw. „sollte“/„sollte nicht“ oder „kann“/„kann nicht“).
IV Leitlinie
1 Einführung
In den letzten Jahren ist in Bezug auf die Wahl der Verhütungsmethode eine deutliche Trendwende zu beobachten: Während über Jahrzehnte in Deutschland die „Pille“ die am häufigsten angewendete Verhütungsmethode war, wird die hormonelle Verhütung seit einiger Zeit zunehmend kritischer gesehen und häufiger abgelehnt. Frauen suchen nach Alternativen; Männer tragen mittlerweile mehr Verantwortung bei der Familienplanung. Kondome werden inzwischen genauso häufig zur Verhütung genutzt wie die „Pille“ [1 ].
Entsprechend sind Ärzt*innen aufgefordert, ihr Wissen um nicht hormonelle Kontrazeptiva zu intensivieren. Um eine möglichst optimale kontrazeptive Methode zu wählen, ist eine individuelle Beratung des Paares/der Anwender*in notwendig [2 ]. Wichtige Auswahlkriterien sind dabei die Effektivität (Zuverlässigkeit einer Methode), die möglichen gesundheitlichen Nebenwirkungen inklusive der Reversibilität der Methode, die Akzeptanz der Methode und deren Verfügbarkeit (Zugang zu einem Verfahren, Kosten). Mögliche Auswirkungen auf die Sexualität und Libido spielen eine große Rolle; deshalb werden diese in den einzelnen Kapiteln thematisiert. Die Auswahlkriterien und die Bewertung, was mit Blick auf die Verhinderung einer Schwangerschaft wichtig und akzeptabel ist, können sich im Laufe des Lebens verändern. Entsprechend ändert sich oft die Wahl der Methode.
Zur Senkung des Risikos ungewollter Schwangerschaften, insbesondere, wenn eine Schwangerschaft ein zusätzliches Gesundheitsrisiko darstellen würde, ist die Effektivität das wichtigste Auswahlkriterium [3 ]. Dabei wird zwischen der Gebrauchs- und der Methodensicherheit unterschieden [4 ]. Unter der Gebrauchssicherheit (oder Typical Use) wird die Effektivität einer Methode während der tatsächlichen Anwendung einschließlich dabei auftretender anwenderbedingter Fehler verstanden. Die Methodensicherheit (oder Perfect Use) drückt die Effektivität bei korrekter und konsistenter Anwendung einer Methode aus [4 ], [5 ]. Bisweilen wird bei den Angaben zur Effektivität einer Familienplanungsmethode nicht explizit vermerkt, ob es sich um Methoden- oder Gebrauchssicherheit handelt.
Methoden wie hormonelle Kontrazeptiva, Methoden der Natürlichen Familienplanung oder Barrieremethoden, bei denen die Effektivität auf einer konsistenten und korrekten Anwendung basiert, haben daher eine größere Spannbreite zwischen Gebrauchs- und Methodensicherheit als Methoden, die unabhängig von der Anwendung wirksam sind. Hierzu gehören die Sterilisation von Mann oder Frau und die Einlage von intrauterinen Pessaren (Intrauterine Device, IUD) und hormonfreisetzende Implantate. Die Einflussfaktoren auf die Gebrauchssicherheit einer Methode sind vielfältig: Motivation, Qualität der Informationsvermittlung, Kompliziertheit der Handhabung etc.
Effektivitätsraten für Familienplanungsmethoden werden üblicherweise als Raten unbeabsichtigter Schwangerschaften pro 100 Frauen pro Jahr angegeben (sowohl Methodensicherheit als auch Gebrauchssicherheit). Die Effektivität kann durch 2 Berechnungsarten ermittelt werden: dem Pearl-Index und dem Life Table . Der Pearl-Index entspricht der Anzahl der unbeabsichtigten Schwangerschaften, die auftreten, wenn 100 Frauen 1 Jahr lang eine bestimmte Familienplanungsmethode verwenden [6 ]. Da der Pearl-Formel erhebliche Ungenauigkeiten zugrunde liegen, sollte der Pearl-Index aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr verwendet werden. Heute sollte zur Berechnung der Gebrauchssicherheit der Life Table bevorzugt werden [7 ] und zur Berechnung der Methodensicherheit die „perfect use“-Methode nach Trussell [8 ], [9 ]. Der kumulative Life-Table-Wert nach 13
Zyklen entspricht der Schwangerschaftsrate pro 100 Frauen in 1 Jahr.
Leider ist die Datenlage für viele nicht hormonelle Methoden begrenzt, insbesondere für Barrieremethoden für Frauen. Die Daten dazu stammen überwiegend aus den USA, und es gibt Hinweise, dass diese nur mit Einschränkungen auf den deutschsprachigen Raum übertragbar sind. Für das Diaphragma sind die Daten sehr heterogen, deshalb wird hier eine große Spanne der ungewollten Schwangerschaftsraten angegeben. Die Daten zur Portiokappe und Frauenkondom basieren lediglich auf einer kleinen Studie mit moderater Qualität, sie sind mit entsprechender Vorsicht zu bewerten. Einige Zahlen, die in internationalen Leitlinien aufgeführt werden, beruhen ausschließlich auf Schätzungen, weshalb sie in der folgenden [Tab. 5 ] nicht aufgeführt werden. Dieses betrifft insbesondere die Methodensicherheit von Coitus interruptus und IUP. Auch für die aktuell verfügbare Portiokappe fehlen Daten zur Schwangerschaftsrate bei Perfect Use.
% der Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft im 1. Anwendungsjahr
Gebrauchssicherheit
(Typical Use)
Methodensicherheit
(Perfect Use)
keine Kontrazeption [4 ]
85
85
Spermizide [4 ]
28
18
natürliche Familienplanung
12
5
1,8 – 2,3
0,4
Laktationsamenorrhö (bezogen auf 6 Monate) [10 ]
0,45 – 2,45
0,97 – 1,5
Coitus interruptus [11 ]
20
k. A.
Kondom [4 ], [11 ]
13
2
weibliches Kondom [4 ]
21
5
Diaphragma [12 ], [13 ], [14 ], [15 ], [16 ], [17 ], [18 ], [19 ], [23 ]
12 – 18
4 bzw. 14
Portiokappe (FDA 2003 [P020041b.pdf {fda.gov}])
gesamt 23
ohne vaginale Geburt 14
mit vaginaler Geburt 29
k. A.
Kupfer-IUP mit ≥ 300 mm2 Kupferoberfläche [20 ], [21 ], [22 ]
0,1 – 1%
k. A.
LNG-IUD [20 ], [21 ], [22 ]
0,06 – 0,12
k. A.
Sterilisatio (Frau) [4 ]
0,5
0,5
Sterilisatio (Mann) [4 ]
0,15
0,10
Zur Sexualität gehört auch das Risiko von sexuell übertragbaren Infektionen (Sexually Transmitted Infections = STI). Neben der Effektivität der kontrazeptiven Methode sollte auch der mögliche Schutz gegenüber STI berücksichtigt werden und eine entsprechende Aufklärung erfolgen. Hier liegen die großen Vorteile von Kondomen: Die konsistente und korrekte Anwendung des Kondoms reduziert effektiv das Risiko für HIV und STIs wie Chlamydien, Gonorrhö oder Trichomoniasis [24 ].
2 Zusammenfassung der Empfehlungen
1. Natürliche Familienplanung
Konsensbasiertes Statement 1.S1
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Methoden der NFP ermöglichen durch die Beobachtung und Interpretation von hormonabhängigen Zyklusparametern die Bestimmung des fertilen Fensters und damit eine Familienplanung, ohne in den natürlichen Zyklus einzugreifen.
Konsensbasiertes Statement 1.S2
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Die Effektivität einer Verhütungsmethode ist eines der wesentlichen Auswahlkriterien für Anwenderinnen. Bei der Sicherheit ist zwischen der Gebrauchs- und der Methodensicherheit zu unterscheiden.
Konsensbasiertes Statement 1.S3
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Zur ausführlicheren Darstellung und Bewertung der in dieser Leitlinie aufgeführten Methoden der NFP sollten die folgenden Kriterien erfüllt sein: 1. ausreichende Breite und Akzeptanz der Anwendung im europäischen Raum und 2. publizierte kontrollierte Studien insbesondere zur kontrazeptiven Effektivität.
Konsensbasierte Empfehlung 1.E1
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Von den zur Verfügung stehenden Methoden der natürlichen Familienplanung sollten bei Wunsch nach hoher kontrazeptiver Sicherheit aufgrund der Daten und Erfahrung im europäischen Raum derzeit nur symptothermale Methoden mit hoher Effektivität empfohlen werden.
Konsensbasierte Empfehlung 1.E2
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Zur sicheren Anwendung symptothermaler Methoden sollte ein einführender Schulungsprozess bzw. eine entsprechende Beratung vorausgehen. Dafür gibt es ein Netzwerk an zertifizierten Berater*innen.
Konsensbasiertes Statement 1.S4
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Zyklus-Apps „tracken“ verschiedene Zyklusparameter und zeigen das vermeintlich fertile Fenster an. Damit werden sie nicht nur als Menstruationskalender, sondern auch für den Kinderwunsch und zur Kontrazeption genutzt. Die meisten Produkte sind jedoch nicht zur Empfängnisverhütung zugelassen.
Konsensbasierte Empfehlung 1.E3
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Prognose-Apps sowie Apps oder Zykluscomputer, die in der Hauptanwendung auf der Basaltemperatur beruhen, sollen derzeit nicht zur sicheren Kontrazeption empfohlen werden.
Konsensbasiertes Statement 1.S5
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Nutzerinnen von effektiven Varianten der symptothermalen Methode können zur Unterstützung der Dokumentation geeignete NFP-Apps verwenden.
Konsensbasierte Empfehlung 1.E4
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Apps und Messsysteme basierend auf anderen Parametern sind bisher noch als experimentell zu werten und sollen für die Kontrazeption nicht empfohlen werden.
2. Laktationsamenorrhö
Konsensbasierte Empfehlung 2.E5
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Die Laktationsamenorrhö kann als kontrazeptive Methode angewandt werden, sofern folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
3. Barrieremethoden
Konsensbasiertes Statement 3.S6
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Parallel zum Rückgang der hormonellen Verhütungsmethoden gewinnt die Verhütung mit Kondomen im deutschsprachigen Raum zunehmend an Bedeutung. Kondome schützen nicht nur vor ungewollter Zeugung, sondern auch vor STI.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E6
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Die Vermittlung von Wissen zu Barrieremethoden für Männer und Frauen sollte in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung stärker beachtet werden.
Konsensbasiertes Statement 3.S7
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Kondome unterscheiden sich in Material, Wandstärke und Größe. Das vierstellige CE-Prüfkennzeichen gilt in Europa als Qualitätskriterium.
Konsensbasiertes Statement 3.S8
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Schlecht sitzende Kondome können zu unterschiedlichen Problemen wie Reißen, Abrutschen und sexuellen Beeinträchtigungen führen.
Konsensbasiertes Statement 3.S9
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Die Beschichtung mit einem Gleitgel, das Nonoxynol-9 enthält, erhöht nicht den Schutz vor Schwangerschaften oder einer Übertragung von STI. Es kann bei Frauen das Risiko von Harnwegsinfekten und der Übertragung von STI erhöhen.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E7
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Personen, die sich für Kondome als Kontrazeptivum entscheiden, sollten darüber informiert werden, dass sie ein Kondom der passenden Größe auswählen, beim Kauf auf das CE-Prüfzeichen und das Haltbarkeitsdatum achten und das Kondom korrekt aufbewahren. Eine eventuelle Beschichtung soll kein Nonoxynol-9 enthalten.
Konsensbasiertes Statement 3.S10
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Bei korrekter und konsistenter Anwendung (Perfect Use) haben Kondome eine hohe kontrazeptive Effektivität von 98%. Bei inkonsistenter/unkorrekter Anwendung (Typical Use) steigt die Versagerrate auf bis zu 13%. Die Datenlage zur kontrazeptiven Sicherheit von Non-Latex-Kondomen im Vergleich zu Latex-Kondomen ist inkonsistent.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E3
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Bei der Kontrazeptionsberatung soll auch über Kondome und deren kontrazeptive Sicherheit informiert werden und vor allem darüber, dass die kontrazeptive Effektivität neben der Auswahl stark abhängig ist von der konsequenten und korrekten Anwendung.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E4
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Bei Latex-Allergie oder Ablehnung von Latex-Kondomen können Non-Latex-Kondome als sinnvolle Alternative empfohlen werden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E8
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Kondom-Nutzer*innen sollten über die korrekte Anwendung eines Kondoms ausführlich beraten und zusätzlich auf entsprechende Infomaterialien hingewiesen werden. Die Beratung sollte vermehrt auch in ärztlichen Praxen angeboten werden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E9
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Personen, die sich für die Nutzung von Kondomen entschieden haben, sollen über die Möglichkeit einer Notfall-Kontrazeption beraten werden, falls es zu Problemen bei der Kondom-Anwendung gekommen ist.
Konsensbasiertes Statement 3.S11
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Personen, die sich für Kondome als kontrazeptive Methode entscheiden, wenden sie nicht immer konsequent an, mit entsprechend negativen Folgen für die kontrazeptive Effektivität. Entscheidende Gründe dafür scheinen befürchtete ebenso wie erlebte negative Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden zu sein.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E10
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Bei der Kondom-Beratung sollten mögliche Beeinträchtigungen des sexuellen Erlebens und der sexuellen Funktion aktiv angesprochen werden.
Konsensbasiertes Statement 3.S12
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Kondome bieten eine sehr wirkungsvolle Prävention gegen die Übertragung von HIV und den meisten anderen STI. Eine 100%ige Effektivität ist nicht zu erreichen.
Konsensbasiertes Statement 3.S13
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Non-Latex-Kondome haben ein erhöhtes Risiko für Reißen und Abrutschen gegenüber Latex-Kondomen. Dadurch kann der Schutz vor STI geringer sein gegenüber dem von Latex-Kondomen.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E11
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Bei der Kontrazeptionsberatung sollte immer das Thema STI angesprochen und darauf hingewiesen werden, dass Kondome einen sicheren Schutz vor HIV und in unterschiedlichem Maße auch vor anderen STI bieten.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E12
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Bei Wunsch nach oder Notwendigkeit von hormonfreier Kontrazeption sollte auch über die Option einer Kontrazeption mit Diaphragma oder Portiokappe beraten werden.
Konsensbasiertes Statement 3.S14
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Ein Diaphragma in der richtigen Größe verursacht bei der Nutzerin keine subjektiven Beschwerden, sitzt in der retropubischen Nische und disloziert nicht bei körperlicher Bewegung. Eine passende Portiokappe umschließt die Zervix so, dass ein Sog entstehen kann.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E13
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Diaphragma oder Portiokappe sollen nach dem Geschlechtsverkehr mindestens 6 Stunden in der Vagina verbleiben, das Diaphragma insgesamt nicht länger als 24 – 30 Stunden, eine Kappe nicht länger als 48 Stunden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E14
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Vor Anwendung eines Diaphragmas oder einer Portiokappe sollte eine Anleitung und Anpassung bzw. Überprüfung der richtigen Größe und des adäquaten Sitzes durch eine geschulte Fachkraft erfolgen und eventuelle Anwendungsbeschränkungen festgestellt werden. Kontrolluntersuchungen sollten angeboten werden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E15
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Die Nutzerin bzw. ihr Partner sollen in der Lage sein, die Barrieremethode einzuführen, den korrekten Sitz des Diaphragmas oder der Portiokappe jederzeit zuverlässig durch Ertasten der Zervix durch die Membran zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Ebenso sollen sie befähigt sein, Diaphragma oder Kappe eigenständig zu entfernen.
Konsensbasiertes Statement 3.S15
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Evidenzbasierte Standards zum Anpassen von Diaphragmen und Portiokappen existieren nicht.
Konsensbasiertes Statement 3.S16
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Verschiedene Diaphragmatypen zeigen eine vergleichbare kontrazeptive Sicherheit. Die Anwendung der aktuell verfügbaren Portiokappe ist im Vergleich zum Diaphragma mit niedrigerer kontrazeptiver Sicherheit verbunden, insbesondere bei Frauen mit vorangegangenen Geburten.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E16
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Bei der Beratung zur Verhütung mit Diaphragma und Portiokappe soll über die kontrazeptive Sicherheit der Methode informiert werden, auch im Vergleich zu anderen verfügbaren Methoden. Nutzer*innen sollten über Notfallverhütungsmaßnahmen informiert sein.
Konsensbasiertes Statement 3.S17
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Beim Diaphragma weisen Studien auf eine vergleichbare Effektivität bei Nutzung eines spermiziden Gels mit Nonoxynol-9 oder Milchsäure-Gels hin. Für die Portiokappe fehlen entsprechende Daten. Die Datenlage zur Effektivität bei Nutzung ohne Gel im Vergleich zur Nutzung mit Gel ist unzureichend. Die Verträglichkeit von Gel auf Milchsäurebasis ist im Vergleich zu Nonoxynol-9 besser. Zudem gibt es Hinweise auf ein höheres Risiko zur Übertragung von STI inkl. HIV und dem Auftreten von Harnwegsinfektionen bei der Nutzung von Nonoxynol-9-Gel.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E14
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Diaphragma oder Portiokappe sollen zusammen mit einem Verhütungsgel, vorzugsweise auf Milchsäurebasis, angewendet werden.
Konsensbasiertes Statement 3.S18
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Voraussetzung für die Verhütung mit Diaphragma und Portiokappe ist die Bereitschaft zur vaginalen Selbstuntersuchung und die Fähigkeit, die Zervix zu ertasten.
Konsensbasiertes Statement 3.S19
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Anatomische Besonderheiten oder Beckenbodenveränderungen wie ein Deszensus können Gründe sein, dass Diaphragma oder Portiokappe nicht geeignet sind.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E17
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Frauen mit häufig wiederkehrenden Harnwegsinfektionen oder Vaginalinfektionen sollten über einen möglicherweise negativen Effekt durch Diaphragmen (insbesondere in Kombination mit Nonoxynol-9-Gel) informiert werden. Diesen Frauen kann eine alternative kontrazeptive Methode angeboten werden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E18
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Frauen mit TSS in der Anamnese sollten auf das möglicherweise erhöhte Risiko eines TSS hingewiesen werden. Auf die Nutzung von Diaphragma oder Portiokappe während der Menstruation sollte verzichtet werden und sie sollten nicht länger als vom Hersteller empfohlen in situ verbleiben.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E19
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Anwenderinnen von Diaphragma oder Portiokappe sollen darauf hingewiesen werden, dass es keine ausreichenden Belege für einen Schutz vor HIV/STI-Übertragung oder ein geringeres Risiko für zervikale intraepitheliale Neoplasien gibt. Auf die Nutzung von Nonoxynol-9-haltigem Verhütungsgel sollte verzichtet werden, da es bei häufiger Anwendung das Risiko für eine HIV-Transmission erhöhen kann. Als Schutz vor STI inkl. HIV sollten nur oder zusätzlich Kondome genutzt werden.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E20
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Nach Geburt, nach spätem Schwangerschaftsabbruch, Fehl- oder Totgeburt im 2. oder 3. Trimenon sollte frühstens nach 6 Wochen eine Neuanpassung bzw. die Überprüfung von Größe und Sitz eines Diaphragmas oder einer Portiokappe erfolgen.
Konsensbasiertes Statement 3.S20
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Über den Einfluss von Diaphragma oder Portiokappe auf das sexuelle Empfinden und Erleben gibt es keine belastbaren Daten.
Konsensbasierte Empfehlung 3.E21
Expertenkonsens
Konsensusstärke ++
Frauen, die eine Methode wünschen, mit der sie sich selbst außer vor einer Schwangerschaft auch vor STI einschließlich HIV schützen können, sollten zu Frauenkondomen beraten werden. Sie sollten darüber informiert werden, dass die kontrazeptive Sicherheit geringer ist im Vergleich zu Kondomen für Männer, und dass es unklar ist, ob der Schutz vor STI genauso hoch ist wie bei Kondomen für Männer.
4. Coitus interruptus
Konsensbasierte Empfehlung 4.E22
Expertenkonsens
Konsensusstärke +++
Coitus interruptus soll nicht als Verhütungsmethode empfohlen werden.