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DOI: 10.1055/a-2468-4389
WCSPT Oslo 2024: „Long-term health instead of short-terms results“

Der World Congress of Sports Physical Therapy (WCSPT) findet alle 2 Jahre statt und hat das Ziel, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und deren klinische Umsetzung zu präsentieren. Im Sommer 2024 war Oslo der Austragungsort. Unter dem Motto „From Research to Clinical Practice“ kamen knapp 700 Teilnehmer aus 40 Ländern in die norwegische Hauptstadt.
Über 2 Tage referierten rund 40 Experten in zahlreichen Veranstaltungen. Im Plenum gab es 15 Schwerpunktpräsentationen, und in 10 Blöcken wurden je fünf Präsentationen vorgestellt, die parallel liefen. Außerdem wurden den Teilnehmern in 6 Blocks jeweils 3 Workshops angeboten. Daneben gab es eine Posterausstellung und rund 40 Abstract-Präsentationen. Themenschwerpunkte waren „Frau und Sport“, „Der junge Athlet“ sowie „Krebs und Sport“. Ergänzt wurden diese durch weitere Präsentationen vor allem zu den Themen „Fuß und Sprunggelenk“, „Return to Sport“, „Recovery“ und „On-Field-Betreuung bei akuten Verletzungen“.
Ein Highlight des ersten Tages war der Eröffnungsblock, wo die nachhaltige Nachwuchssportförderung in Norwegen, die Prävention im Nachwuchssport sowie das Thema „Mädchen und Frauen im Sport“ angesprochen wurden. Abgerundet wurde das Ganze durch einen Vortrag der norwegischen Langlaufikone Marit Bjørgen. Ihr Weg vom Kinder- über den Profisport bis hin zur werdenden Mutter („Sport und Schwangerschaft“) zeigte die praktische Umsetzung dieser Schwerpunktthemen auf.
93 % der Kinder in Norwegen treiben organisierten Sport; 41 % davon sind Mädchen. Das norwegische Modell punktet mit freier Sportwahl innerhalb einer Saison und innerhalb eines Vereins, altersgerechtem Sport und Verzicht auf Wettkampfdruck. Trotzdem reduziert sich der Anteil sporttreibender Jugendlicher ab 12 Jahren auf 72 %. Wichtige Ursachen für die Dropouts sind neben den Veränderungen in der Adoleszenz auch Verletzungen. Namhafte Referenten wie Roald Bahr, Tore Øvrebø und weitere verwiesen in diesem Zusammenhang auf die Problematik, dass oftmals Leistung stärker gewichtet wird als Gesundheit („Short-term results instead of long-term health“). In der Athletenbetreuung sollte hier auch der Schwerpunkt der Sportphysiotherapie liegen. In der Realität wird der Leistungsentwicklung bisher mehr Beachtung geschenkt als der nachhaltigen Förderung der Gesundheit. Aspekte wie Monitoring und Screening wurden in diesem Zusammenhang angesprochen. Seit im norwegischen Leistungssport ein Augenmerk auch auf nachhaltiger Gesundheit und Prävention liegt, konnte über die letzten 20 Jahre respektive über die letzten fünf Olympischen Winterspiele ein Rückgang von Verletzungen und Krankheiten von 17 % auf 4 % und – gekoppelt daran – ein Aufstieg im Medaillenspiegel von Rang 13 auf Rang 1 bei den letzten zwei Olympischen Winterspielen beobachtet werden.
Seit im norwegischen Leistungssport der nachhaltigen Gesundheit und Prävention mehr Beachtung geschenkt wird, gibt es erheblich weniger Verletzungen. Im Medaillenspiegel bei Olympischen Winterspielen ist Norwegen im gleichen Zeitraum von Rang 13 auf den 1. Platz geklettert.
Auch Emma Ross konnte mit ihrer Frage, ob Frauen im Sport ausreichend unterstützt werden, an die Schwerpunktthemen anknüpfen. Sie zeigte eindrücklich, dass die Forschung weiblichen Athleten noch zu wenig gerecht wird. Hierbei bleibt das Thema Verletzungen des vorderen Kreuzbandes (ACL-Verletzungen) ein Dauerbrenner. Ein weiterer Schwerpunkt im Zusammenhang mit „Frau und Sport“ ist der Menstruationszyklus. Hieraus kristallisieren sich zwei Schlüsselfragen:
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Wie stark werden Verletzungen wirklich von zyklusabhängigen Faktoren beeinflusst?
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Gibt es einen aktuellen „Hype“ um den Menstruationszyklus in Bezug auf ACL-Verletzungen?
Obwohl Studien gezeigt haben, dass der Menstruationszyklus möglicherweise Einfluss auf Verletzungen haben könnte, gibt es keine ausreichende evidenzbasierte Forschung, die eindeutige Schlussfolgerungen erlaubt. Für klarere Aussagen müsste der Einfluss des Zyklus mit hormonellen Analysen untermauert werden. Im Themenblock rund um die Athletin wurden auch die Trainierbarkeit im Zyklus sowie die „Beliefs“ von weiblichen Athleten zum Krafttraining angesprochen, und es wurde die Frage gestellt, ob die mehrheitlich männlichen Trainer diesbezüglich nicht besser geschult werden sollten.
Der Rest des ersten Tages widmete sich den Nachwuchsathleten. Referenten wie Hilde Gundersen, Amanda Johnson, Olivier Materne und Tom Henning Øvrebø deckten Themen wie biologisches und chronologisches Wachstum, Verletzungen und Überlastungen im Nachwuchssport ab. Wie bereits vor 2 Jahren wurde eindrücklich aufgezeigt, dass innerhalb einer Alterskategorie Schwankungen von bis zu 6 Jahren in der biologischen Reifung vorhanden sein können. Dies kann die Trainierbarkeit und auch die Belastbarkeit der jugendlichen Athleten beeinflussen und birgt auch Schwierigkeiten in der Talentsichtung (ein Schwerpunkt dazu in Sportphysio 02/24).
Weitere wichtige Themen waren die Belastung jugendlicher Athleten durch frühe Spezialisierung und der Einfluss von Wachstumsschüben (Peak Height Velocity) auf die Verletzungsanfälligkeit. Die Notwendigkeit wurde hervorgehoben, das Wachstum regelmäßig zu überprüfen, um in diesen sensiblen Phasen von maximalem Wachstum die Belastung anzupassen. Im Vordergrund stehen in der Adoleszenz Apophysenverletzungen und weitere Wachstumsstörungen. Verletzungen gelten mit bis zu 50 % als Hauptursache für Dropouts aus dem Sport in der Adoleszenz, gerade wenn die Rehabilitationszeit länger als 6 Monate dauert. Die Verletzungen haben starke Auswirkungen auf die Psyche von sportlichen Jugendlichen, da sie in der Verletzungszeit sowohl ihre Identität und Anerkennung als Sportler als auch ihr soziales Umfeld verlieren. Prävention, aber auch Unterstützung in der Rehabilitation sowie Reha-Gruppen, wie zum Beispiel eine Kniegruppe, sind wichtige Pfeiler, um einen Ausstieg zu vermeiden.
In diesem Zusammenhang wurde betont, dass es wichtig ist, auch die Eltern zu instruieren. Viele würden Empfehlungen für eine sichere Ausübung des Sports nicht kennen (beispielsweise eine Regulierung der Anzahl der Würfe im Kinder-Baseball) und wären sich auch der Bedeutung einer ausgeglichenen Sport-Life-Balance nicht bewusst.
Trotz des steigenden Interesses steckt die Forschung in der Nachwuchsleistungsentwicklung immer noch in den Kinderschuhen. Die meisten Studien beschränken sich auf den Fußball, es gibt kaum mädchenspezifische Arbeiten, und bei Kinderstudien wird die biologische Entwicklung selten aufgeführt. Erste Arbeiten zeigen, dass das biologische Alter bei Jungen mit Leistungsfaktoren wie Schnelligkeit, Explosivkraft und Maximalkraft korreliert. Bei Mädchen ist dieser Zusammenhang aufgrund der schwächeren Studienlage noch unklar.
Olivier Maternes Präsentation zur Belastung vs. Belastbarkeit bei Apophysenverletzungen (Managing Growth Related Injuries in Young Athletes From Science To Clinical Practice) findet man auch bei ResearchGate unter folgendem Link: https://bit.ly/GRI_Oslo2024.


Am zweiten Tag standen viele Workshops im Zentrum, die sich mit der Rehabilitation von Sprunggelenksverletzungen, Hamstring-Verletzungen und Achillessehnenrupturen, der Schulterrehabilitation, REDs (Relatives Energiedefizit im Sport), Recovery oder der Rolle der Sportphysiotherapie bei der Rückkehr zum Sport nach Verletzungen beschäftigten.
Bei den Plenumsvorträgen des zweiten Kongresstages war das Referat von Rod Whiteley zum Thema „Clinical Reasoning“ definitiv ein Highlight. Es gelang dem Redner auf originelle, aber fundierte Weise, den klinischen Denkprozess zu analysieren. Unter dem Leitsatz „Clinical reasoning is our superpower“ wollte der Referent unter anderem herausstellen, wie sich Physiotherapeuten von den Fitnesstrainern abheben können. Unser Fokus liegt auf dem Begleiten von Personen mit einer Verletzung oder Beeinträchtigung. Die Leitfragen: Was funktioniert nicht? Wie werden wir vorgehen? Wie schaut die Prognose aus? sollten mit den Patienten besprochen werden, und der Patient sollte es verstehen und selbst wiedergeben können. Der Verlauf der Behandlung sollte zudem dokumentiert, regelmäßig überprüft und angepasst werden. Die Schwierigkeit dieser Denkprozesse wurde an verschiedenen diagnostischen Kategorien wie „akute Verletzung mit klarer Diagnose“, aber auch an „Schmerzverarbeitungsprozessen ohne klare Pathologie“ beleuchtet.


Der Kongress in Oslo war geprägt von einer Fülle an Themen, die neben klassischer physiotherapeutischer Rehabilitation die besonderen Bedürfnisse junger Athleten sowie geschlechtsspezifische Fragestellungen abdeckten. Es wurden umsetzbare Impulse für die Praxis geboten, und der Fokus lag – im Sinne einer langfristigen Leistungsförderung – klar auf der Gesundheit der Athleten und nicht auf der kurzfristigen Leistungsentwicklung.
Martina Leusch
Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
03. Februar 2025
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