Einleitung
Im Gegensatz zum häufigeren Auftreten epidermaler Hauttumoren
wie Basaliomen und Spinaliomen in Strahlentherapie-Feldern, meist nach
Jahrzehnten, ist das Auftreten von malignen Melanomen hierin ein bislang selten
beschriebenes Ereignis. Wir berichten hier über einen Fall des Auftreten
eines malignen Melanoms im Bestrahlungsfeld nur 4 Monate nach Abschluss einer
Strahlentherapie wegen eines fortgeschrittenen Morbus Hodgkin, ordnen den Fall
in die bisherige Literatur ein und diskutieren mögliche Zusammenhänge
zwischen Primärtumorerkrankung, Strahlentherapie und sekundärer
Melanomerkrankung.
Kasuistik
Wir berichten über einen 30-jährigen Patienten, der an
einem Morbus Hodgkin Stadium IV b mit Lymphomen im oberen Mediastinum,
Wirbelkörperbefall C7 bis Th5 sowie Periduralinfiltration C7 bis Th2
erkrankt war. Von Februar bis August 2007 erfolgte eine Polychemotherapie nach
dem BACOPP-D-Schema (Bleomycin, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin,
Procarbazin, Prednisolon und Dacarbazin) über 8 Zyklen. Danach waren nur
noch mediastinale Restlymphome nachweisbar, sodass anschließend eine
konsolidierende Nachbestrahlungstherapie von August bis September 2007 mit
30 Gy (Einzeldosen von jeweils 2 Gy) u. a. im Bereich des oberen
Thorax über opponierende Felder erfolgte ([Abb. 1 ]). Etwa vier Monate später bemerkte die
Ehefrau des Patienten das Neuentstehen einer pigmentierten, langsam wachsenden
Hautveränderung im posterioren Bestrahlungsfeld links paravertebral in
Höhe etwa des vierten Brustwirbelkörpers. Zum Zeitpunkt der
Vorstellung beim Dermatologen knapp ein halbes Jahr später fand sich ein
pigmentierter Tumor von ca. 4 mm Durchmesser mit klinischen Suspizien.
Der Herd wurde als suspekter Nävuszellnävus durch Exzisionsbiopsie in
toto entfernt. Die histologische Aufarbeitung ergab ein superfiziell
spreitendes malignes Melanom, Invasionslevel II nach Clark mit einer
Eindringtiefe nach Breslow von 0,35 mm ohne Mikroulzeration. Typische
klinische Zeichen eines Radioderms, etwa Pigmentverschiebungen, Poikilodermie
oder Teleangiektasien fanden sich nicht. Nach ca. 4 Monaten ist bei einer
Photonenbestrahlung mit 30 Gy Herddosis an der Haut makroskopisch kaum
etwas nachweisbar, da an der Hautoberfläche nur ca. 20 Gy wirksam
sind. Auch histologisch ergab sich kein Anhalt für Strahlendermatitis.
Bereits vor Diagnose der hämatologischen Erkrankung traten bei dem
Patienten im Sommer 2006 erstmals Vitiligoherde am rechten Unterschenkel, an
Rücken und Brust auf. Bei der Untersuchung fand sich darüber hinaus
ein Halo (Sutton) Nävus an der Brust ([Abb. 2 ]) und ein weiterer auffälliger
Pigmentherd an der rechten Schulter, der sich histologisch als ein
dysplastischer Junktionsnävus einordnen ließ.
Abb. 1 a, b
Computersimulation des posterioren Bestrahlungsfeldes (a ) und der Zentralstabebene (b ) bei
M. Hodgkin (Wirbelkörper- und Periduralinfilteration und mediastinaler
Lymphknotenbefall). Das Melanom trat vier Monate später paravertebral im
oberen linken Quadranten des Feldes auf.
Abb. 2 Das auf die Haut
gezeichnete kontralaterale anteriore Bestrahlungsfeld mit Halo-Nävus vor
Beginn der Bestrahlungstherapie. Das posteriore Bestrahlungsfeld wies vor
Therapiebeginn keine Hautauffälligkeiten auf.
Diskussion
Die karzinogene Wirkung ionisierender Strahlung ist auch durch
epidemiologische Studien gesichert worden [14 ]. Die
Entwicklung maligner Tumoren ist die bedenklichste Form von
Spätschäden im Rahmen von Strahlentherapien [6 ]. Die Mortalität von Malignomen nach Strahlentherapie
ist besonders hoch [5 ]. Kriterien für die Diagnose
eines Strahlentherapie-induzierten Malignoms sind außer der
vorangegangenen Strahlentherapie, die Entstehung des Tumors im Strahlenfeld,
eine hohe Strahlungsdosis und eine „lange” Latenzzeit zwischen
Strahlentherapie und Entstehung des Tumors [2 ]. Das
beobachtete Zeitintervall zwischen der Strahlentherapie und der Entstehung von
Nicht-Melanom-Hautkrebs wird mit zwischen 2 und 47 Jahren angegeben [Lit.
in 7]. Bis zu einem Drittel von 202 Patienten mit chronischer
Strahlendermatitis entwickelten epidermale Malignome wie Basaliom, Spinaliom
oder Morbus Bowen, jedoch keine Melanome [18 ]. Nur
wenige Berichte über das Auftreten von malignen Melanomen nach
Strahlentherapie liegen vor [1 ]
[4 ]
[7 ]
[9 ]
[10 ]
[11 ]
[12 ]
[13 ]
[16 ]
[17 ] ([Tab. 1 ]).
Tab. 1 Publizierte Kasuistiken von 23
Fällen mit Melanomentstehung im Bestrahlungsfeld nach Strahlentherapie mit
Patienten- und Therapiecharakteristika sowie beobachteten Latenzzeiten
(n. a. = nicht angegeben).
Fall Nr.
Primärtumor
Patientenalter bei
Melanomdiagnose (Jahre)
Chemotherapie (ja/nein)
Strahlendosis (Gy)
Latenzzeit (Jahre)
Literatur (Jahr)
1
Spinaliom
34
n
n. a.
5
Conley (70)
2
kongenitaler
Riesen-Nävuszellnävus
78
n
50
10
Conley (70)
3
Keloid
67
n
n. a.
45
Conley (70)
4
Mamma-Karzinom
52
n
36
2
Bartal (80)
5
Hodgkin Lymphom
34
n
40
4
Bartal (80)
6
Hodgkin Lymphom
25
n
n. a.
1,3
Nelson (81)
7
Synovial-Karzinom
32
n
22 (Neutronen)
0,75
Waxler (84)
8
(Lichen planus)
47
n
8
35
Kalemeris (85)
9
Hämangiom
47
n
n. a.
30
Preaux (86)
10
Endometrium-Karzinom
75
n
50
10
Inbar (88)
11 bis 15
Kutanes T-Zell Lymphom
20 bis 61
n
36 (Elektronen)
1 bis 8
Licata (95)
16 bis 19
2 × Hodgkin
Lymphom, 2 × Hirntumor
12 bis 49
n. a.
35 – 50
2 bis 29
Corpron (96)
20
Fibrosarkom
47
n. a.
50
6
Miracco (00)
21
Ewing Sarkom
64
j
64
5 bis 6
Trefzer (03)
22
Hämangiom
44
n
n. a.
44
Trefzer (03)
23
Hodgkin Lymphom
30
j
30
0,33
aktueller Fall (08)
In der Mehrzahl dieser Fälle (14/23) lag die Latenzzeit unter
10 Jahren, in 4 Fällen unter zwei Jahren. Der hier beschriebene Fall weist
mit einer Latenzzeit von 4 Monaten den geringsten bisher beschriebenen
Zeitabstand zwischen dem Ende der Strahlentherapie und dem Neuauftreten eines
malignen Melanoms auf. Die Mehrzahl der beschriebenen Melanomfälle nach
Radiatio erfüllt also nicht das Kriterium einer „langen”
Latenzzeit und somit die Definition eines Strahlentherapie-induzierten
Malignoms. Denkbar wäre aber, dass die Onkogenese durch ionisierende
Strahlen beim Melanom anderen zeitlichen Mechanismen als denen bei epithelialen
und epidermalen Tumoren folgt. Alternativ wäre möglich, dass –
insbesondere bei extrem kurzer Latenzzeit, wie in unserem Fall – eine
Strahlentherapie-induzierte lokale Immunsuppression das Wachstum und klinische
Sichtbarwerden eines bereits subklinisch präexistenten Melanoms
begünstigt. Für eine solche Annahme könnte sprechen, dass bei
unserem Patienten Sutton-Nävi und Vitiligoherde bereits vor der
Strahlentherapie bestanden, die ja einem klinisch diagnostizierbaren malignen
Melanom vorhergehen können [15 ]. Eine
zusätzliche immunsuppressive Wirkung hat auch die vor der Radiatio
durchgeführte Polychemotherapie gehabt.
Denkbar wäre schließlich auch, dass die Lokalisation von
Melanomen als Zweittumoren im Bestrahlungsfeld zufällig ist, da
beispielsweise beim M. Hodgkin eine generell erhöhte Inzidenz von
Melanomen als Zweittumor auch ohne Bezug zu Bestrahlungsfeldern bekannt ist
[8 ]. Aufgrund der relativ kleinen Fallzahl berichteter
kutaner Melanome in Strahlentherapiefeldern können gegenwärtig keine
allgemeingültigen Schlüsse gezogen werden, ob ein kausaler
Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen bestehen kann, und welche Faktoren
(z. B. Art des Primärtumors, Strahlungsart, Strahlungsdosis,
begleitende Chemotherapie, Patientenalter) eventuell risikoerhöhend sein
könnten. Langzeit-Überwachungen von Patienten nach Strahlentherapie
auch im Hinblick auf das Auftreten von Hautveränderungen im
Bestrahlungsfeld sind aber zu empfehlen.