Epidemiologie
Venenkrankheiten zählen zu den häufigsten Erkrankungen in
der Bevölkerung. Die Prävalenz von chronischen venösen
Erkrankungen sowie deren sozioökonomische Bedeutung wurden bereits in
zahlreichen epidemiologischen Studien untersucht [2]
[3]
[4]
[5]
[6]. In der „Tübinger Studie”
[4] von 1979 an 4500 Erwachsenen konnte lediglich bei
14 % kein objektivierbarer pathologischer Venenbefund erhoben
werden. 58 % der Untersuchten zeigten geringe
Venenveränderungen, 15 % litten an einer ausgeprägten
Varikosis und 13 % an einer fortgeschrittenen chronischen
venösen Insuffizienz (CVI).
Aktuelle Daten der „Bonner Venenstudie”, einer breit
angelegten bevölkerungsbasierten Querschnittsuntersuchung, bestätigen
die hohe Prävalenz von chronischen Venenkrankheiten [7]. Lediglich 9,6 % der Probanden hatten
keinerlei pathologische Venenveränderungen.
Der Anteil der Probanden mit retikulären Varizen und
Besenreiservarizen war mit 59 % vergleichbar mit der Rate, die in
der „Tübinger Studie” erhoben wurde. Ebenso besteht eine
Übereinstimmung bezüglich der Häufigkeit der Varikosis. Die
„Bonner Studie” zeigte in 14,3 % der Fälle
ausgeprägte Varizen ohne die typischen Zeichen einer CVI. Dagegen waren
die fortgeschrittenen Stadien der CVI mit trophischen Störungen an der
Haut bis hin zum Ulcus cruris mit 3,6 % deutlich niedriger als in
der „Tübinger Studie” (13 %). Der Anteil
klinisch schwerer Stadien der Erkrankung mit typischen chronisch-venösen
Hautveränderungen ist damit im Vergleich zu früheren Studien aus dem
deutschen Sprachraum auffällig gering [7]. Das
könnte dafür sprechen, dass bei gleich bleibend hoher Prävalenz
von Venenerkrankungen eine höhere Therapierate vorliegt. Eine
vergleichbare, relativ niedrige Rate klinisch schwerster Erscheinungsformen der
chronischen venösen Insuffizienz zeigte sich auch in der „Edinburgh
Vein Study” sowie in den Ergebnissen des „San Valentino Screening
Projekts” [8]
[9]
[10].
Primäre Varikosis
Unter dem Begriff der primären Varikosis werden erworbene oder
angeborene Erweiterungen von Venen zusammengefasst, die einen suffizienten
Klappenschluss unmöglich machen. Es kommt zur Schlängelung der Venen,
die überdies eine unterschiedliche Wanddicke aufweisen können
[11]
[12] ([Abb. 1]).
Abb. 1 Primäre
Varikosis.
Hämodynamisch relevant ist insbesondere die Stammvarikosis der
Vv. saphena magna und parva. Sie wird nach Hach entsprechend der
Refluxausdehnung von proximal nach distal in 4 bzw. 3 Stadien eingeteilt ([Tab. 1]).
Tab. 1 Stadieneinteilung der Stammvarikosis
(Refluxstrecke der Stammvenen) modifiziert nach Hach [13].
Stadium
| Vena saphena magna
| Vena sephena parva
|
I
| Insuffizienz der
Mündungsklappen
| Insuffizienz der
Mündungsklappen
|
II
| Insuffizienz der
Venenklappen mit retrogradem Blutstrom bis oberhalb des Knies
| Insuffizienz der
Venenklappen mit retrogradem Blutstrom bis zur Wadenmitte
|
III
| Insuffizienz der
Venenklappen mit retrogradem Blutstrom bis unterhalb des Knies
| Insuffizienz der
Venenklappen mit retrogradem Blutstrom bis zur Knöchelregion
|
IV
| Insuffizienz der
Venenklappen mit retrogradem Blutstrom bis zur Knöchelregion
| |
Ätiologie
Die genaue Ätiopathogenese der primären Varikosis ist
bislang noch nicht geklärt. Diskutiert werden hämodynamische Aspekte als Folge primär
insuffizienter Venenklappen. Als besonders bedeutsam wird diesbezüglich
die Mündungsregion der V. saphena magna in die V. femoralis communis
betrachtet [14]
[15]. Cotton
vertrat erstmals die Auffassung, dass die Klappeninsuffizienz als Folge einer
primären Dilatation (Degeneration) der Venenwand
auftritt [16]. Die Wandschwäche von Venen als
Ursache für die Ausbildung einer Klappeninsuffizienz und letztlich einer
chronischen venösen Insuffizienz wurde von Thulesius eingehend untersucht
[17]. Elektronenoptische Untersuchungen zeigen typische
strukturelle Veränderungen der Myozyten der varikösen Venenwand sowie
eine deutliche Erweiterung des intermyozytären Raumes, einhergehend mit
Veränderungen der Interzellularsubstanz, vornehmlich des Kollagens
[18]
[19]
[20]
[21]. Es gibt Hinweise, dass die
Veränderungen im Aufbau der Venenwand mit extrazellulären
Matrix-remodellierenden Proteinen (Metalloproteinasen MMP-1, -3 und -13) und
Serinprotease (Tryptase) zusammenhängen [5]. Da
viele Funktionen der Venenwand, wie die Kontraktion ihrer Myozyten, durch
endotheliale Faktoren reguliert werden, kommt dem Endothel ebenfalls
pathogenethische Bedeutung für die Varikosis zu.
Letztlich bleibt aber immer noch unklar, ob die
endothelialen Faktoren, die ebenso wie
lysosomale Enzyme im Serum von Varizenpatienten
nachweisbar sind [22], primäre ätiologische
Bedeutung besitzen oder ob sie nicht als Folge einer venösen Hypertension
oder Stase mit resultierender Hypoxie sekundär
auftreten [19]. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass
Veränderungen sowohl des Endothels als auch der Media (metabolische
Affektion der Myozyten) mit einer unphysiologischen Druckerhöhung bei
venöser Stase und Hypoxie in engem Zusammenhang stehen [18].
Für eine genetische Disposition der
primären Varikosis spricht die auffällige familiäre Häufung
venöser Erkrankungen, wie sie in zahlreichen epidemiologischen Studien und
Untersuchungen gezeigt werden konnte [4]
[23].
Die primäre Varikosis ist ein polyätiologisches
Geschehen.
Chronische venöse Insuffizienz
Pathophysiologie
Sowohl die primäre Varikosis mit dilatierten
oberflächlichen oder tiefen Venen und insuffizienten Venenklappen als auch
sekundäre Varizen bei postthrombotischem Syndrom können zu einer
chronischen venösen Insuffizienz (CVI) führen. Wesentliche
pathophysiologische Grundlage ist die ambulatorische venöse und
kapilläre Hypertonie [24]
[25].
Als pathogenetisch bedeutsam für die CVI gilt die
Insuffizienz der tiefen Leitvenen [26]
[27] mit der damit in Zusammenhang stehenden
Volumenüberlastung der tiefen Venen.
Trendelenburg prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des
Privatkreislaufs, der die Grundlage für die Untersuchungen über die
pathophysiologische Bedeutung der Rezirkulationskreise der primären
Varikosis von Hach bildete [28]
[29]. So fließt das Blut in insuffizienten
epifaszialen (Stamm-)Venensegmenten vornehmlich in aufrechter
Körperhaltung als auch bei intraabdomineller oder proximaler
Druckerhöhung (Valsalva) retrograd. Über distale Perforansvenen
(distaler Insuffizienzpunkt) führt der venöse Abstrom erneut in das
tiefe Leitvenensystem und kann über den proximalen Insuffizienzpunkt
(z. B insuffiziente Mündung der V. saphena magna in die V.
femoralis) erneut zurückfließen. Infolge der anhaltenden Druck- und
Volumenbelastung können im weiteren Verlauf der Erkrankung auch die
distalen Perforansvene und die tiefen Leitvenen insuffizient werden.
Das Ulcus cruris venosum gilt als die schwerwiegendste
Folgererkrankung der venösen Insuffizienz mit einer enormen
sozioökonomischen Bedeutung. Aus diesem Grund ist eine frühzeitige
diagnostische Abklärung und Therapie der Varikosis dringend zu
empfehlen.
Stadieneinteilung
Viele Jahre war im deutschen Sprachraum die Klassifikation der CVI
in 3 klinische Stadien in Anlehnung an die Einteilung von Widmer
[6] gebräuchlich ([Tab. 2]).
Inzwischen ist die internationale CEAP-Klassifikation etabliert
[30], die neben klinischen Symptomen der CVI ([Tab. 3]) auch anatomische, ätiologische und
pathophysiologische Aspekte berücksichtigt.
Tab. 2 Stadieneinteilung der CVI modifiziert
nach Widmer [6].
Stadium
| Merkmale
|
Stadium I
| Corona phlebectatica
paraplantaris, Phlebödem bzw. Knöchelödem
|
Stadium II
| zusätzlich
trophische Störungen mit Ausnahme des Ulcus cruris
|
Stadium III
| Ulcus cruris ( IIIa
abgeheiltes Ulkus, IIIb florides Ulkus)
|
Tab. 3 Klinischer Score
C0 – C6 der CEAP-Klassifikation.
Score
| Merkmale
|
C0
| Keine sichtbaren oder
tastbaren Zeichen einer venösen Erkrankung
|
C1
| Teleangiektasien oder
retikuläre Varizen
|
C2
| Varizen
|
C3
| Phlebödem
|
C4a
| Hautveränderungen
(z. B. Ekzem, Hyperpigmentierungen, Liposklerose)
|
C4b
| Lipodermatosklerose oder
Atrophie blanche
|
C5
| Hautveränderungen
wie bei C4 mit abgeheiltem Ulkus
|
C6
| Hautveränderungen
wie oben mit floridem Ulkus
|
-
C = Clinical Signs
–
klinische Zeichen (Grad 0 – 6), ergänzt durch (A)
für asymptomatische und (S) für symptomatische Präsentation
-
E = Etiological
Classification
– ätiologische Klassifizierung (Congenital,
Primary, Secondary)
-
A = Anatomic
Distribution
– anatomische Verteilung (Superficial, Deep,
Perforators) allein oder in Kombination
-
P = Pathophysiological
Dysfunction
– pathophysiologische Dysfunktion/Situation
(Reflux, Obstruction) allein oder in Kombination
Diagnostische Schritte zur Abklärung der Varikosis
Varikosis-spezifische Anamnese
Typische anamnestisch angegebene Beschwerden bei der Varikosis
sind nächtliche Wadenkrämpfe, ein Schweregefühl der Beine sowie
Schwellungsneigung der Beine zum Abend hin. Die Patienten geben in der Regel
eine Besserung der Beschwerden bei Bewegung sowie bei Hochlagerung der Beine
oder Betätigung der Wadenmuskelpumpe an.
Klinische Untersuchung
Inspektorisch fallen bei der Varikosis Teleangiektasien am
medialen Fußrücken, Hyperpigmentierungen am Unterschenkel, ggf. auch
Unterschenkelekzem, eine Atrophie blanche, Ulzerationen oder Narben nach
Ulzerationen auf. Das typische Ulcus cruris venosum findet sich am medialen
Knöchel zwischen Innenknöchel und Achillessehne.
Apparative Diagnostik
Ziel der phlebologischen Diagnostik ist eine klare, möglichst
quantitative und qualitative Erfassung des jeweiligen venösen
Krankheitsbildes. Für die Planung des therapeutischen Vorgehens ist in
erster Linie eine bildgebende Diagnostik zu fordern.
In der diagnostischen Abklärung venöser
Krankheitsbilder spielen derzeit nicht invasive funktionelle und bildgebende
Verfahren die Hauptrolle.
Invasive diagnostische Methoden wie die direkte Messung des
Venendrucks vor, während und nach Belastung oder die Phlebografie bleiben
speziellen Fragestellungen vorbehalten.
Digitale Photoplethysmografie
Die Digitale Photoplethysmografie (DPPG) ist eine häufig
angewandte, nicht invasive Screeningmethode in der venösen
Funktionsdiagnostik, die auf den unterschiedlichen Reflexionseigenschaften der
Haut entsprechend ihrem Durchblutungsgrad (Blutfülle) beruht
[31]
[32]
[33]
[34]
[35].
Langwelliges Licht mit einem Absorptionsmaximum im nahen
infraroten Bereich wird in die Haut eingestrahlt und der reflektierte Anteil
registriert und aufgezeichnet. Die jeweilige Reflexion des Lichts wird im
Wesentlichen durch den Füllungsgrad der in
2 – 3 mm Tiefe verlaufenden venösen
Gefäßplexus bestimmt, der sich während eines definierten
Bewegungsprogramms ändert [36]
[37]. Bei der DPPG werden die Änderungen der
venösen Blutfülle und die damit zusammenhängenden
Reflexionseigenschaften im Vergleich zu einem Ausgangswert erfasst. Als
Hauptparameter wird die Zeit bis zum Wiedererreichen des Ausgangsniveaus
(Wiederauffüllzeit t0) in Sekunden gemessen. Durch Anlegen eines
Tourniquets erlaubt die DPPG auch Rückschlüsse über die
venöse Abstromleistung der tiefen Beinvenen.
Venenverschlussplethysmografie
Die Venenverschlussplethysmografie (VVP) erlaubt wie die DPPG
globale Aussagen über die Venenfunktion eines Beines. Nach Anlage eines
supradiastolischen Staudrucks am Oberschenkel werden in definierter Position
über Dehnungsmessstreifen an der Wade Aussagen über die venöse
Kapazität (ml/100 ml Gewebe) und über den venösen
Ausstrom (ml/100 ml Gewebe/min) nach Ablassen des Staus getroffen ([Abb. 2]).
Abb. 2 Venenverschlussplethysmografie.
Direktionale Dopplersonografie
Auch wenn die Duplexsonografie aus der phlebologischen
Routinediagnostik nicht wegzudenken ist, hat die uni- und bidirektionale
Dopplersonografie für die Fragestellung „refluxive Venenerkrankung?
Ja oder nein?” noch eine gewisse Bedeutung ([Abb. 3]). Anatomische Aussagen lassen sich allerdings
nur sehr eingeschränkt vornehmen. Für die Messung des systolischen
Blutdrucks der Unterarme und Knöchel, also zur Bestimmung des
Knöchel-Arm-Index ist die Dopplersonografie nach wie vor die Methode der
Wahl.
Abb. 3 Dopplersonografie
der V. saphena parva.
Duplexsonografie
Als nicht invasive bildgebende Untersuchungsmethode besitzt die
Duplexsonografie insbesondere in der prätherapeutischen Diagnostik eine
herausragende Stellung. Mittels Duplex lassen sich hämodynamische Werte
quantitativ erfassen. Refluxstrecken, anatomische Besonderheiten und der Bezug
der Varizen zu Nachbarstrukturen lassen sich reproduzierbar dokumentieren.
Die Duplexsonografie dient nicht nur der Diagnosestellung,
sondern sie stellt vielmehr eine wichtige Hilfe bei der Planung des im
individuellen Falle geeigneten therapeutischen Vorgehens dar.
Zur Dokumentation von Refluxen bei Varikosis ist ein Ausdruck
oder die digitale Speicherung eines simultan zur B-Bildsonografie abgeleiteten
pw-Dopplersignals zu fordern.
Hinsichtlich einer quantitativen Evaluierung der venösen
Hämodynamik besitzt die Duplex-Sonografie einen besonderen Stellenwert.
Sie ermöglicht neben einer exakten morphologischen Diagnostik die gezielte
Untersuchung von Fließeigenschaften des Blutes sowie von pathologischen
Refluxen in einzelnen Gefäßabschnitten des Venensystems ([Abb. 4] und [5])
[38]
[39]
[40]
[41]
[42]
[43]
[44]
[45]. Bestimmte Parameter in der
duplexsonografischen Refluxdiagnostik wie Refluxvolumen, Refluxgeschwindigkeit
oder Refluxdauer eignen sich zur hämodynamischen Abklärung bei
Varikosis, allerdings lassen sich derartige Refluxmessungen oder eine
vergleichbare Refluxprovokation nur mit großem Aufwand standardisieren
[46]
[47]
[48]
[49].
Abb. 4 Duplexsonografie der
V. saphena parva.
Abb. 5 Duplexsonografie von
insuffizienten Perforansvarizen, pathologischer Reflux.
Therapie
Die Indikation zur Therapie der Varikosis orientiert sich an den
anatomischen und pathophysiologischen Gegebenheiten sowie am Beschwerdebild des
Patienten.
Ziel der Therapie sind die Normalisierung oder Besserung der
venösen Hämodynamik und insbesondere die Vermeidung von
Folgeschäden durch die Varikosis (z. B. Stauungsekzeme, Ulcus
cruris venosum, trophische Störungen, arthrogenes Stauungssyndrom,
Varikophlebitis).
Die Therapie der Varikosis fußt dabei im Wesentlichen auf 6
Säulen:
Der jeweilige Therapieplan sollte individuell zusammengestellt
werden und hängt ab vom Allgemeinzustand des Betroffenen, den
geschädigten Venenabschnitten (z. B. Stammvarize vs.
Seitenastvarize), dem Durchmesser und Verlauf der geschädigten Vene sowie
den bereits erfolgten Vortherapien. In der Regel ist eine Kombination
verschiedener Maßnahmen sinnvoll [50].
Konservative Therapie
Die konservative Therapie umfasst unterschiedliche Arten von
entstauenden und komprimierenden Maßnahmen, die in allen Stadien der
Varikosis allein oder in Kombination mit interventionellen oder operativen
Verfahren eingesetzt werden können [51]. Hierzu
gehören: phlebologische Kompressionsverbände, medizinische
Kompressionsstrümpfe, manuelle Lymphdrainage, apparative intermittierende
Kompression und der Gefäßsport.
Bei der konservativen Therapie sollte insbesondere auf eine
Betätigung der Wadenmuskelpumpe sowie auf eine ausreichende Beweglichkeit
im Sprunggelenk geachtet werden.
Eine alleinige Einschränkung der Beweglichkeit im
Sprunggelenk kann bereits zu Stauungsbeschwerden führen (arthrogenes
Stauungssyndrom). Bei älteren, multimorbiden Personen können der
Kompressionstherapie Grenzen gesetzt sein durch z. B. kardiale
Insuffizienz, fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
oder Neuropathie. Eine unsachgemäße Anwendung von
Kompressionsmaßnahmen kann Spannungsblasen, Hautnekrosen und nervale
Druckschäden zur Folge haben.
Kompressionstherapie
Neben phlebologischen Kompressionsverbänden stehen
Kompressionsstrümpfe in unterschiedlichen Kompressionsklassen und
Größen zur Verfügung.
Die Kompressionstherapie gilt nach wie vor als Basistherapie
für venöse Erkrankungen.
Die Wirkungsweise der Kompressionstherapie auf die venöse
Situation ist komplex. So führt das Tragen von Kompressionsstrümpfen
bei Patienten mit einer venösen Insuffizienz zu einer nachweisbaren
Verbesserung der Hämodynamik [52]
[53]
[54]
[55]
[56]
[57]. Kompressionsverbände
unterschiedlicher Elastizität weisen unterschiedliche Eigenschaften auf
die venöse Hämodynamik auf, insbesondere erweisen sich unelastische
Materialien als effektiver hinsichtlich einer Refluxbehandlung als elastische
Kompressionsverbände [58]. Aber auch
Kompressionsstrümpfe derselben Kompressionsklasse besitzen
unterschiedliche Akuteffekte auf die venöse Hämodynamik
[59]. Die Wirksamkeit der verschiedenen
Kompressionsartikel liegt in erster Linie an der Dehnbarkeit des Materials. In
vivo lässt sich dies durch das Verhältnis von maximalem Anpressdruck
bei Bewegung zu dem Ruhedruck im Stehen charakterisieren.
Ferner hat die Kompressionstherapie einen großen Einfluss
auf die Mikrozirkulation im Hautorgan
[24]. Die herausragende Bedeutung der
Kompressionstherapie in der Behandlung venöser
Ulzera ist durch zahlreiche Studien und Metaanalysen belegt (Cochrane).
Gleiches gilt für die nachweisbare Effektivität der Kompression in
der Ödemreduktion. In vitro lassen sich die Einflüsse von Kompression
auf Rezeptorebene nachweisen, was hilft, den klinisch fassbaren Effekt besser
zu verstehen [60]
Medikamentöse Therapie
Systemisch wirksame Venentherapeutika werden vor allem bei
Schwellneigung und Schweregefühl im Rahmen einer venösen Insuffizienz
eingesetzt. Ein eindeutig positiver Effekt auf die Ödementwicklung konnte
unter anderem bei rotem Weinlaubextrakt, Rosskastanienextrakt, Oxerutin und
Calciumdobesilat nachgewiesen werden [61]. Es muss
betont werden, dass diese systemischen adjuvanten Therapien kein dauerhafter
Ersatz für eine kausale Therapie durch eine Sanierung einer Varikosis oder
für eine Kompressionstherapie sein können. Die möglichen
Nebenwirkungen und die damit verbundenen Kontraindikationen sind eher als
gering einzuschätzen [62]
[62].
Interventionelle Therapien
Sklerosierungstherapie
Ziel der Verödungsbehandlung ist, durch Injektion einer
gewebetoxischen Flüssigkeit (einiziges in der BRD zugelassenes
Sklerosierungsmittel ist derzeit Aethoxysklerol®, Wirkstoff: Polidocanol)
in eine Varize einen lokalen Endothelschaden zu erzeugen, der zu einer
Obliteration und Fibrosierung des Gefäßes führt.
Die wesentliche Bedeutung der Sklerosierung liegt in der
Behandlung von Seitenastvarizen sowie Besenreiser- und retikulären
Varizen.
Auch Perforans- und Stammvenen sind einer Verödungstherapie
prinzipiell zugänglich, sollten allerdings nicht mittels flüssiger
sondern aufgeschäumter Sklerosierungsmittel therapiert werden. Für
die duplexkontrollierte Schaumsklerosierungstherapie konnte im Vergleich zur
Flüssigsklerosierung eine deutlich verbesserte Effektivität
nachgewiesen werden [64].
Unter Beachtung der Indikationen und (relativen)
Kontraindikationen stellt die Verödungstherapie ein effektives,
kostengünstiges und komplikationsarmes Behandlungsverfahren der Varikosis
dar ([Tab. 4]). Als häufigere Nebenwirkungen
sind Thrombophlebitiden, allergische Reaktionen, Flimmerskotome,
Pigmentierungsstörungen, Matting und sehr selten thromboembolische
Komplikationen zu nennen [65]. Insbesondere ältere,
multimorbide Patienten, denen eine Varizenoperation nicht zuzumuten ist,
profitieren von einer Sklerosierungstherapie. Auch für Patienten mit einer
fortgeschrittenen Varikosis und einem Ulcus cruris venosum stellt die
Schaumsklerosierungstherapie periulzeröser Varizen eine effektive
Theapieoption dar [66]. Sogar Patienten mit einem
postthrombotischen Syndrom oder unter laufender oraler Antikoagulation
profitieren von der Therapie [67]. Es kommt zu einer
rascheren Abheilung des Ulcus cruris venosum im Vergleich zur alleinigen
Kompressionstherapie.
Eine Weiterentwicklung der Schaumsklerosierungstherapie mittels
Direktpunktion der Vene stellt die Katheter-assistierte Sklerosierungstherapie
der V. saphena magna dar. Hier sind bisher 2 verschiedene Kathetertypen im
Einsatz. Wildenhues verwendete einen einlumigen Angiografiekatheter zum
Einbringen des Sklerosierungsmittels in die Zielvene [68]. Brodersen et al. nutzten einen doppellumigen
Ballonkatheter. Der Ballon erlaubt das Abdichten der Vene zur Krosse, was den
Übertritt von Sklerosierungsschaum in das tiefe Venensystem mindern soll
[69].
Einen besonderen Stellenwert besitzt die
Schaumsklerosierungstherapie in der Behandlung von Rezidivvarizen. So
können insbesondere stark geschlängelte dünnwandige und oft
kleinlumige Rezidivvarizen in den Krossen effektiv und minimal invasiv
behandelt werden ([Abb. 6]).
Abb. 6 Platzieren des
Closure-Fast-Applikators in der Leiste.
Tab. 4 Kontraindikationen der
Sklerosierungstherapie.
Absolute
Kontraindikationen der Sklerosierungstherapie
| Relative
Kontraindikationen der Sklerosierungstherapie
|
– bekannte
Allergie auf das Sklerosierungsmittel – schwere
Systemerkrankung – akute tiefe
Beinvenenthrombose – lokale, im Bereich der Sklerosierung
gelegene oder schwere generalisierte Infektionen –
längerfristige Immobilität oder
Bettlägerigkeit – fortgeschrittene arterielle
Verschlusskrankheit im Stadium III oder IV – Hyperthyreose (bei
jodhaltigen Sklerosierungsmitteln) – Schwangerschaft
(außer bei zwingender Indikation) – für die
Schaumsklerosierung: bekanntes symptomatisches offenes Foramen ovale
| – Beinödem,
nicht kompensiert – diabetische Spätkomplikationen
(z. B. Polyneuropathie) – arterielle Verschlusskrankheit
im Stadium II – schlechter Allgemeinzustand –
Bronchialasthma – ausgeprägte allergische
Diathese – bekannte Thrombophilie oder Hyperkoagulabilität
mit oder ohne abgelaufene tiefe Beinvenenthrombose – für
die Schaumsklerosierung: bekanntes asymptomatisches offenes Foramen
ovale hohes Risiko für thrombembolische
Ereignisse Sehstörungen oder neurologische Störungen nach
vorangegangener Schaumsklerosierung
|
Transkutane Lasertherapie
Die Transkutane Lasertherapie konkurriert mit der
Flüssigsklerosierung in der Therapie von Besenreisern und retikulären
Varizen. Hierbei werden von außen Besenreiservarizen mittels
verschiedener Lasertypen koaguliert. Die mäßigen Erfolgsraten der
Lasertherapie von Besenreisern und retikulären Varizen, die Nebenwirkungen
und die vergleichsweise hohen Kosten sprechen nach dem derzeitigen Stand der
Literatur eher für die herkömmliche Sklerosierungstherapie.
Operative Therapie
Die Ziele der operativen Verfahren sind die dauerhafte Entfernung
von Varizen unter Berücksichtigung der Invasivität des Eingriffs und
des kosmetischen Ergebnisses. Allgemein lassen sich die Prinzipien der modernen
Varizenchirurgie knapp definieren: Es gilt, den proximalen und den distalen
Insuffizienzpunkt und die dazwischen liegenden varikösen Venenabschnitte
auszuschalten.
Unabdingbar für das operative Vorgehen bei Varikosis ist
eine exakte präoperative Diagnostik zur Erfassung der individuellen
anatomischen und hämodynamischen Gegebenheiten.
Krossektomie und Stripping
Unter Venenoperationen werden in der Regel die klassische
Krossektomie und Strippingoperation der Stammvenen in Verbindung mit der
Miniphlebektomie von Seitenästen verstanden. Das klassische Stripping geht
auf W. Babcock zurück, der 1907 eine neue Methode zur Entfernung von
Varizen veröffentlichte [70]. Ein Stripping der V.
saphena magna wird derzeit im Gegensatz zu der von Babcock beschriebenen
Verfahrensweise von der Leiste bis unterhalb des Knies durchgeführt.
Im Unterschenkelbereich kann es beim Strippen zu
Schädigungen des N. saphenus kommen (in bis zu 30 % der
Fälle).
Dieses Risiko ist bei der Miniphlebektomie mit Häkchen, bei
der die Saphenaloge am Unterschenkel nicht tangiert wird, deutlich geringer. In
vielen Fällen ist bei einer Saphena-magna-Insuffizienz der
Saphena-Hauptstamm am Unterschenkel kompetent und die hintere und vordere
Bogenvene dagegen varikös degeneriert. Von daher macht in diesen
Fällen die Kombination aus Teilstripping der V. saphena magna mit
selektiver Exhairese der Seitenäste Sinn.
Nach Hach stellt die partielle Resektion der V. saphena magna in
solchen Fällen die logische bzw. therapeutische Konsequenz der Kenntnis
des Operateurs von der Bedeutung der pathologischen Rezirkulationskreise dar
[28]
[29].
Es existieren verschiedene Techniken für das Entfernen der
Stammvenen mittels eines Strippers. Die Invaginationstechnik zeichnet sich durch eine Schonung des
Umgebungsgewebes, eine geringe Rate von Nachblutungen sowie eine geringere
postoperative Schmerzhaftigkeit aus [71]
[72]. Zur Entfernung der V. saphena parva wie auch der V.
saphena magna eignet sich der PIN-Stripper nach Oesch, wodurch die
Größe des Schnittes am distalen Insuffizienzpunkt minimiert werden
kann [73]. Beim Kryostripping
kann auf den Schnitt am distalen Insuffizienzpunkt vollständig verzichtet
werden [74]. Es eignet sich wegen der starren Kryosonde,
die von der Leiste her in die V. saphena magna eingeführt wird, nur
eingeschränkt für stärker geschlängelte Varizen.
Die CHIVA-Methode (Cure conservatrice et hémodynamique de l'insuffisance veineuse en
ambulatoire) beinhaltet die gezielte Unterbrechung der
Rezirkulationskreisläufe bzw. die gezielte Ausschaltung der
Insuffizienzpunkte unter Belassen der Stammvenensegmente [75]. Das Verfahren ist wissenschaftlich noch nicht
abschließend beurteilbar und wird eher kritisch gesehen.
Die subfasziale endoskopische
Perforansdissektion (SEPS) spielt derzeit eine nur noch untergeordnete
Rolle bei venenchirurgischen Eingriffen. Eine gezielte isolierte Ausschaltung
insuffizienter Perforansvenen am Unterschenkel kann z. B. auch mit
sonografisch kontrollierter Schaumsklerosierung erreicht werden.
Endoluminale thermische Verfahren
Neben der oben genannten kathetergestützen
Sklerosierungstherapie ist die endoluminale Behandlung der Stamm-Varikosis mit
Hilfe einer Laser- oder Radiowellentherapie (in Tumeneszenzanästhesie)
möglich. Bei der endoluminalen Lasertherapie
kommt es durch eine Gewebeerhitzung zu einer Kollagendenaturierung in der
Venenwand. Auch bei der Radiowellentherapie ist das Therapieziel eine
Schädigung der Venenwand mit einer konsekutiven Schrumpfung und
Thromboisierung des Gefäßes. Beide Verfahren werden in der Regel in
Tumeszenz-Lokalanästhesie durchgeführt, die nach sonografisch
kontrollierter Platzierung des jeweiligen Kathetersystems paravasal in die
Faszienloge der V. saphena magna oder V. saphena parva appliziert wird. Die
Injektion der Tumeszenzlösung erfolgt ebenfalls sonografisch kontrolliert.
Sie dient neben der Schmerzausschaltung der Vermeidung von Hitzeschäden
umgebender Gewebe, insbesondere der darüber liegenden Haut.
Die Datenlage zur endoluminalen Lasertherapie ist schwer zu
übersehen, da verschiedene Lasersysteme mit unterschiedlichen
Wellenlängen und uneinheitlicher Energiedichte bzw. Fluence zum Einsatz
kommen. Proebstle konnte zeigen, dass der nachhaltige Erfolg einer
endovenösen Lasertherapie Fluence-abhängig ist [76]. Insgesamt sind die Ergebnisse nach endovenöser
Lasertherapie positiv zu bewerten.
Im Gegensatz dazu ist das Verfahren der Radiofrequenzobliteration übersichtlicher, da es
weniger verschiedene Gerätesysteme gibt (VNUS Closure, VNUS Closure
Fast, Celon bipolare Radiofrequenzobliteration RIFFT).
Darüber hinaus werden in prospektiven randomisierten Studien im Vergleich
zur klassischen Strippingoperation bei allerdings kleiner Fallzall vergleichbar
gute mittelfristige Ergebnisse gezeigt [77]
[78].
Relativ neu ist die extraluminale
Valvuloplastie, ein Verfahren zur Wiederherstellung der Funktion der
Schleusenklappe im Bereich der Krosse der V. saphena magna. Dabei macht man
sich zunutze, dass die Klappeninsuffizienz der Schleusenklappe oft nur durch
eine Lumenerweiterung der Vena bei intakten Klappensegeln ausgelöst wird.
Wird nun das Lumen durch eine Dacron-Ummantelung der Vene ausreichend
eingeengt, ist eine Wiederherstellung der normalen Klappenfunktion
möglich. Das Verfahren ist besonders bei Patienten mit einer
Stammvarikosis der V. saphena magna Grad I in Betracht zu ziehen
[79]
Zusammenfassung
Für die Behandlung der Varikosis stehen unterschiedliche
Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die nach umfassender
Diagnostik individuell auf das jeweilige Krankheitsbild abgestimmt werden
können. Insbesondere haben neue technische Entwicklungen wie die
Duplexsonografie als nicht invasives bildgebendes Verfahren viel zum
Verständnis der venösen Anatomie und Pathophysiologie beigetragen.
Neue operative Verfahren sind bei vergleichbarer Effektivität weitaus
weniger invasiv als die klassischen Methoden und werden darüber hinaus
unter sonografischer Kontrolle durchgeführt.