Von Johann Wolfgang von Goethe stammt der Satz „Man kann das Gegenwärtige nicht ohne
das Vergangene erkennen”, den er 1787 auf seiner Italienreise niedergeschrieben hat.
Im Auftrag des Vorstands hat sich die Arbeitsgruppe DGP-Chronik mit großer Motivation
an die Arbeit gemacht und die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie
und Beatmungsmedizin (DGP) mit ihren vielen Facetten in einem umfangreichen Buch zusammengestellt
[1].
Die DGP wurde 1910 am Anfang eines Jahrhunderts gegründet, das manche Historiker für
das schrecklichste in der Geschichte halten. In dieser bewegten Zeit vollzog sich
ihre Entwicklung von der Vereinigung der Lungenheilanstaltsärzte zu der heutigen wissenschaftlichen
Gesellschaft, von der Phthisiologie zur modernen Pneumologie mit ihrer bunten Vielfalt.
Standen die ersten 50 Jahre noch ganz im Zeichen der Tuberkulose, so vollzog sich
nach deren erfolgreicher Eindämmung in den zweiten 50 Jahren der DGP ein erheblicher
Wandel. Asthma, COPD, Lungenentzündung und Lungenkrebs zählen heute zu den Volkskrankheiten.
Enorme Fortschritte wurden in Diagnostik und Therapie aller Lungenkrankheiten erzielt:
in der Bildgebung stehen uns heute CT, HRCT, MRT, Szintigrafie inklusive PET zur Verfügung;
anfänglich gab es ja nur Röntgenbild und Durchleuchtung. Die Endoskopie hat durch
die Einführung des flexiblen Bronchoskops und durch die interventionellen Verfahren
enorm an Bedeutung gewonnen. Die molekularen Methoden der Mikrobiologie und Pathologie
ermöglichen gezieltere und raschere Diagnosestellungen. Neue Techniken erlauben die
nicht-invasive Beatmung bei akutem Atemversagen und die Heimbeatmung bei chronischer
respiratorischer Insuffizienz. Die Thoraxchirurgie ist dank video-assistierter Operationen
viel weniger invasiv und risikoärmer geworden; Lungentransplantationen gehören in
einigen deutschen Zentren zu Routine-Eingriffen. Die medikamentöse Therapie bei Asthma,
COPD, bakteriellen Pneumonien u. a. hat die Prognose dieser Patienten deutlich gebessert.
Erste Ansätze beim Lungenkrebs zeigen, dass die Behandlung sich in Zukunft individueller
gestalten wird. Die pulmonale arterielle Hypertonie lässt sich deutlich erfolgreicher
behandeln. Die Prognose von Patienten mit Mukoviszidose hat sich erheblich verbessert,
sodass der Transit aus der Kinderklinik in die Erwachsenen-Pneumologie zur Routine
geworden ist. Die Schlafmedizin ist ein äußerst wichtiges Teilgebiet der Pneumologie
und führt zu erheblich verbesserter Lebensqualität. Dies sind nur einige Beispiele
für Fortschritte in unserem Fachgebiet.
Heute ist die Pneumologie neben der Kardiologie und der Gastroenterologie eines der
drei großen Schwerpunktfächer der Inneren Medizin. Durch die rasante wissenschaftliche
Entwicklung und Ausweitung des Faches war und ist es geboten, die Struktur und Arbeitsweise
der Gesellschaft an diese Veränderungen anzupassen. Dies spiegelt sich auch in den
Namensänderungen im Laufe der hundert Jahre wider: von der „Vereinigung der Lungenheilanstaltsärzte”
1910 – wenige Monate nach dem Tod von Robert Koch – durch Erweiterung mit den Tuberkulosefürsorgeärzten
zur „Deutschen Tuberkulosegesellschaft” 1925, über die „Deutsche Gesellschaft für
Tuberkulose und Lungenkrankheiten” 1964, die „Deutsche Gesellschaft für Lungenkrankheiten
und Tuberkulose” 1972, die „Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Tuberkulose”
1980, die „Deutsche Gesellschaft für Pneumologie” 1990 schließlich zur heutigen „Deutschen
Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin” seit 2005.
Der zunehmenden Subspezialisierung des Faches trug die Einrichtung der insgesamt 15
wissenschaftlichen Sektionen Rechnung. Seit 1996 findet der wissenschaftliche Kongress
der DGP mit einem umfangreichen Programm und großen Teilnehmerzahlen jährlich statt.
Das Interesse und das Engagement der Mitglieder sind stark gestiegen, die Zahl der
Mitglieder hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht.
Als eine der ersten wissenschaftlichen Gesellschaften gab die DGP Empfehlungen und
Leitlinien zur Diagnostik und Therapie heraus. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde durch
die Gründung der „Deutschen Lungenstiftung” zusammen mit der „Deutschen Atemwegsliga”
verstärkt. Der alljährliche „Deutsche Lungentag” ruft in der Bevölkerung große Resonanz
hervor. Berufspolitisch kooperiert die DGP mit dem Bundesverband der Pneumologen als
vorwiegendem Vertreter der Niedergelassenen und mit dem Verband der pneumologischen
Kliniken, der die Interessen der stationären pneumologischen Einrichtungen wahrnimmt.
Beide gehören zusammen mit der DGP und der Atemwegsliga zu den Gründungsmitgliedern
des Instituts für Lungenforschung (ILF), das sich seit 2006 besonders der Versorgungsforschung
in unserem Fachgebiet widmen soll. Die regionalen pneumologischen Gesellschaften nehmen
sich intensiv der Fortbildung an. Um das so wichtige Thema der Tabakprävention kümmert
sich die DGP zusammen mit der Deutschen Lungenstiftung im Aktionsbündnis Nichtrauchen
(ABNR), dem weitere acht bedeutende nicht-staatliche Gesundheitsorganisationen in
Deutschland angehören.
Ein großes Defizit stellt immer noch die Repräsentanz der Pneumologie an den Universitäten
dar. Hier gehört Deutschland im Vergleich zu den westeuropäischen Ländern und den
USA zu den Schlusslichtern. Obwohl in den letzten Jahren einige Verbesserungen erzielt
werden konnten, muss es ein vornehmliches Ziel der DGP bleiben, diese mangelnde Repräsentanz,
die der inzwischen erreichten Bedeutung des Faches nicht gerecht wird, abzubauen.
Zu fordern ist, dass an jeder Universitätsklinik eine eigenständige Abteilung für
Pneumologie eingerichtet wird. Nur so können Lehre und Forschung und damit die Versorgung
der Patienten in Deutschland langfristig verbessert werden. Die Notwendigkeit wird
durch jüngste epidemiologische Studien untermauert: Diese prognostizieren bis zum
Jahre 2050 eine Zunahme von Pneumonien um zirka 200 %, von Lungenkrebs um 66 % und
von COPD um 44 % [2].
Neben dem historischen Rückblick unter Einbeziehung von Originalquellen, biografischen
Exkursen, Interviews von Zeitzeugen und Beiträgen von zahlreichen Autoren zeichnet
die in Buchform erstellte Chronik auch das umfassende Bild der aktuellen Situation
der DGP und ihrer vielfältigen Beziehungen zu assoziierten und benachbarten Organisationen
in Deutschland und im europäischen Ausland. Der Übersichtsartikel in diesem Heft der
Zeitschrift „Pneumologie” kann nur einen kursorischen Überblick verschaffen [3]. Es lohnt sich, das umfangreiche Buch, das interessante Beiträge zu verschiedensten,
die Pneumologie berührenden Themen enthält, zu lesen. Eine spannende Zeitreise!
Den Mitgliedern der Arbeitsgruppe DGP-Chronik – Rainer Dierkesmann, Nikolaus Konietzko,
Robert Kropp, Robert Loddenkemper, Vera Seehausen und Bernhard Wiesner – sind wir
für ihre sorgfältige und äußerst engagierte Arbeit zu großem Dank verpflichtet. Die
historische Analyse ermöglicht uns, auch einen Blick in die Zukunft zu werfen. Überlegungen
dazu sollen im März-Heft der Pneumologie, das zum Kongress in Hannover erscheint,
aufgezeigt werden. Dringend erwünscht und notwendig bei der Gestaltung der künftigen
Aufgaben sind die Mitglieder; wir sind froh, dass sich diese so aktiv engagieren.
So freuen wir uns auf die nächsten hundert Jahre und hoffen, dass DGP und deutsche
Pneumologie weiterhin blühen mögen.
Prof. Dr. Claus Vogelmeier
Präsident
Prof. Dr. Helmut Teschler
Past-Präsident