Einleitung
Einleitung
Das Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Saar blickt
heute auf eine 100-jährige Geschichte zurück. Zwischen dem
Gründungsjahr 1909 und heute liegt ein bewegtes Jahrhundert, welches im
Saarland im Zuge zweier Weltkriege und zweier leidenschaftlich diskutierter
Volksabstimmungen, 1935 und 1955, vor allem auch durch den Wechsel
verschiedener politischer Systeme geprägt war: das Ende des
Wilhelminischen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg, die Zeit der 15-jährigen
Völkerbundverwaltung, zehn Jahre NS-Diktatur mit dem Zweiten Weltkrieg,
der Aufbruch zum teilautonomen Saarland nach dem Krieg und schließlich
1957 der politische Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. In diese
turbulente Zeit Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts fielen der Aufbau
und die frühe Entwicklung der Klinik für Haut- und
Geschlechtskrankheiten der Universität des Saarlandes und zeitgleich die
Entfaltung der Universität des Saarlandes selbst.
Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt und Landeskrankenhaus
Homburg (1909 – 1947)
Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt und Landeskrankenhaus
Homburg (1909 – 1947)
1909 wurde auf dem heutigen Campus des Klinikums nach Frankenthal
und Klingenmünster die dritte Kreisirrenanstalt auf dem Boden der
Bayerischen Pfalz als „Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt”
eröffnet. Nach den Plänen des Regierungs- und Bauassessors Heinrich
Ullmann entstand auf einer Fläche von 400 Hektar das bis heute im Grunde
erhalten gebliebene Pavillonsystem mit damals zunächst 49 Gebäuden
mit vielen Elementen des Jugendstils ([Abb. 1],
[2]).
Abb. 1 Die Pfälzische
Heil- und Pflegeanstalt Homburg, Festsaalgebäude. Heute befindet sich hier
die Universitätsbibliothek der Medizinischen Fakultät.
Abb. 2 Die Abbildung zeigt auf
der linken Bildhälfte das spätere Gebäude 35 der Homburger
Hautklinik zu Zeiten der Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt.
Die 24 Krankenpavillons waren für die Aufnahme von bis zu 1000
„geisteskranken” Patienten konzipiert. Quellen zur inneren
Organisation und Administration der Einrichtung, zum Profil der
Ärzteschaft, zu Zahl, regionaler und sozialer Herkunft und zu den
Krankheitsbildern der Patienten sowie zu angewandten Therapieverfahren sind
leider nicht erhalten geblieben. Mit Ausnahme der belegbaren Umnutzung für
Lazarette im Ersten Weltkrieg lässt sich die Entwicklung der Heil- und
Pflegeanstalt Homburg während der Kriegsjahre, der anschließenden
französischen Besatzung und der territorialen Veränderungen mit einem
neu geschaffenen „Saargebiet” unter Völkerbundverwaltung bis
zu Beginn der 1920er-Jahre ebenfalls nur schwer rekonstruieren
[1].
Infolge der politischen Veränderungen nach 1918 und des
Versailler Vertrages mit der Gründung des „Saargebiets”
unter Völkerbundverwaltung (1920 – 1935) wurde die
Heil- und Pflegeanstalt auf Beschluss der Regierungskommission des Saargebietes
in ein Landeskrankenhaus ([Abb. 3]) umgewandelt,
welches künftig die medizinische Versorgung der Region gewährleisten
sollte.
Abb. 3 Übersicht über
das Gelände des Landeskrankenhauses Homburg.
Im Herbst 1921 wurden die ca. 450 verbliebenen
„geisteskranken” Patienten aus der Pfalz in die pfälzische
Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster und die aus dem neuen Saargebiet
stammenden Patienten in die ehemals preußische Anstalt Merzig
überwiesen.
Mit der Einrichtung des Landeskrankenhauses 1922 begann somit die
neue Ära der medizinischen Entwicklung zum universitären Klinikum des
Saarlandes. Primär wurden Fachabteilungen für
Chirurgie/Gynäkologie, Orthopädie, Innere Medizin, Abteilungen
für Lungenkranke, Nervenkranke, eine Säuglings- und Kinderabteilung
und eine geburtshilfliche Abteilung mit insgesamt 680 Betten etabliert. Unter
der ärztlichen Leitung von Prof. Oskar Orth, der diese Funktion von 1922
bis zu seiner Emeritierung 1947 innehatte, wurden hier bereits
regelmäßig wissenschaftliche Fortbildungen und medizinische
Demonstrationen veranstaltet.
Nach der Volksabstimmung vom 13. 1. 1935 wurde das
Saargebiet in das nationalsozialistische Deutschland eingegliedert.
Während der Zeit des NS-Regimes wurden auf der Basis der Rassenideologie
der NSDAP im Zeitraum 1935 – 1939 Zwangssterilisationen von
„Erbkranken” auch im Landeskrankenhaus Homburg durchgeführt.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges erfolgte dann die „kriegsbedingte
Räumung” des Landeskrankenhauses zugunsten einer militärischen
Nutzung. Es ist belegt, dass im Zuge dieser Räumung ein großer Teil
der psychiatrischen Patienten dem Euthanasieprogramm des NS-Regimes zum Opfer
fiel. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Landeskrankenhaus in
erster Linie als Reservelazarett. 1942 wurden zudem mehrere Baracken für
sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf dem Krankenhausgelände
errichtet. Für zivile Kranke standen nur noch 248 Betten zur
Verfügung, vor allem für Tuberkulosekranke, neurologische und
internistische Fälle [2]
[3].
Am 21. März 1945 erreichten die ersten amerikanischen Soldaten
das Homburger Klinikgelände, am 10. Juli 1945 wurde die amerikanische
Besatzung jedoch von der französischen Militärverwaltung des
Saargebiets abgelöst. Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde das
Saarland erneut wirtschaftlich an Frankreich angegliedert. Es bestand ein
dringender Bedarf an Krankenhausbetten für ausländische
Rückwanderer und zunehmend für erkrankte deutsche Heimkehrer aus den
Gefangenenlagern der Alliierten. Daher wurden die Abteilungen des ehemaligen
Landeskrankenhauses wieder in Betrieb genommen. 1945 wurde erstmals eine
eigenständige Abteilung für Haut- und Geschlechtskranke eingerichtet
und somit der Grundstein für die aktuelle Klinik für Dermatologie,
Venerologie und Allergologie gelegt ([Abb. 4]).
Abb. 4 Rückwärtige
Ansicht von Gebäude 35 (Bettenhaus und Direktorium) der Homburger
Hautklinik nach dem Zweiten Weltkrieg.
Das genaue Datum der Eröffnung der Hautklinik ist heute nicht
mehr bekannt, auch nicht die Namen der ersten Ärzte, die dort tätig
waren. Überliefert ist, dass die Hautklinik zu Beginn über 60 Betten
verfügte. Der erste namentlich bekannte leitende Dermatologe an der
Homburger Hautklinik war Professor Rudolf Strempel ([Abb. 5], [Tab. 1]).
Abb. 5 Rudolf Strempel
(1891 – 1981): Der erste Ordinarius für Dermatologie
und Venerologie an den Universitätskliniken des Saarlandes wirkte von
1946 – 1960.
Tab. 1 Direktoren der
Universitäts-Hautklinik in Homburg.
Rudolf Strempel
| (1945–1960)
|
Fritz Nödl
| (1960–1980)
|
Hansotto Zaun
| (1980–1996)
|
Wolfgang Tilgen
| (1996–2009)
|
Thomas Vogt
| (seit 2009)
|
Im Januar 1946 wurde durch die französische
Militärregierung mit maßgeblicher Unterstützung des Leiters der
Abteilung „Öffentliche Gesundheit” Medécin-Colonel
Dr. René Springer genehmigt, dass am Landeskrankenhaus Homburg
studienmäßig gegliederte Fortbildungskurse für aus dem Krieg
zurückgekehrte saarländische Medizinstudenten durchgeführt
werden konnten. Dies ergab sich einerseits aus dem damals erheblichen Mangel an
ärztlicher Versorgung und aus der Tatsache, dass die Studenten aus dem
Saargebiet an deutschen Hochschulen wegen der überall begrenzten Zahl an
Studienplätzen nicht aufgenommen wurden. Die fehlende Anerkennung der
Kurse in der französischen Besatzungszone durch deutsche
Universitäten führte unterstützt durch das Engagement des
französischen Militärgouverneurs Gilbert Grandval im März 1947
zum Anschluss des Landeskrankenhauses an die Universität Nancy.
Gründung der Universitätskliniken des Saarlandes
– Ära Prof. Strempel (1946 – 1960)
Gründung der Universitätskliniken des Saarlandes
– Ära Prof. Strempel (1946 – 1960)
Durch die Gründung des Homburger Hochschulinstituts als
„Institut d’Etudes Supérieures de l’Université
de Nancy en Territoire Sarrois” mit offizieller Einweihung am 8.
März 1947 wurde die Pfälzische Heil- und Pflegeanstalt Homburg
schließlich formal aufgelöst. Die Ausbildung in den vorklinischen
und theoretischen Fächern erfolgte zunächst durch Professoren aus
Nancy, während die klinischen Fächer durch die Leiter der Homburger
Kliniken in Deutsch gelesen wurden.
Ab Februar 1948 wurde im Saarland an vier Fakultäten gelehrt,
wobei die Medizinische Fakultät eben geschichtlich begründet weiter
im kleinstädtischen Homburg verblieb, während die Fakultäten der
Philosophie, Rechts- und Naturwissenschaften im Herbst 1948 bzw. 1950 in
Saarbrücken, der Landeshauptstadt, angesiedelt wurden. Am 1. Oktober 1948
erfolgte die Konstituierung der Medizinischen Fakultät. Dieses Datum gilt
heute auch als Gründungsdatum der Universität des Saarlandes.
Die Universitätskliniken erhielten das Nutzungsrecht für
Grundbesitz und Gebäude der früheren Heil- und Pflegeanstalt, blieben
jedoch als „Universitätskliniken im Landeskrankenhaus Homburg
(Saar)” ohne eigene Rechtspersönlichkeit und wurden später
– als einzige Universitätskliniken in Deutschland – nicht dem
Geschäftsbereich des Wissenschaftsministers zugeordnet, sondern verblieben
in der Zuständigkeit des Gesundheitsministers. Diese Regelung führte
in der Folgezeit bis 1994 dazu, dass der Krankenversorgung im Homburger
Universitätsklinikum – im Vergleich zu anderen deutschen
Universitätskliniken – stets ein höherer Stellenwert
eingeräumt wurde als den universitären Aufgaben.
Als das Saarland am 1. 1. 1957 in die Bundesrepublik
Deutschland eingegliedert wurde, entsprach das Fächerspektrum der
saarländischen Universitätskliniken mit insgesamt elf Einzelkliniken
bzw. Klinischen Abteilungen und neun Instituten der Theoretischen oder
Klinischen Medizin dem damaligen Stand anderer deutscher
Universitätskliniken [4]
[5].
Im Frühjahr 1946 übernahm Prof. Rudolf Strempel
(1891 – 1981) ([Abb. 5]) die
Leitung der neu errichteten Abteilung für Haut- und Geschlechtskranke des
Landeskrankenhauses Homburg, die er, als gebürtiger Saarländer, bis
zum Jahr 1960 leitete. Rudolf Strempel studierte in München und hatte
seine dermatologische Weiterbildung bei Erich Hoffmann in Bonn absolviert. 1925
habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Serologie der Syphilis.
1930 zum außerordentlichen Professor ernannt, übernahm er 1934 die
Leitung des Wehrmachtskrankenhauses Tempelhof in Berlin. Nach ärztlichem
Kriegseinsatz, zuletzt als stellvertretender Armeearzt, kehrte er 1946 in das
Saarland zurück.
Strempel trug unter den geschilderten schwierigen Bedingungen die
Lasten der Aufbauarbeit der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten in
Homburg. Unter seiner Leitung wurde die Hautklinik von 60 auf 160 Betten
erweitert und war damit nach der Inneren Medizin die zweitgrößte
Klinik am Campus. Mit einem Anteil von etwa 60 % wurden damals in
überwiegender Zahl venerologisch Kranke stationär behandelt
(Syphilis, Gonorrhoe), daneben auch ein bemerkenswerter Anteil an
Hauttuberkulosen. Strempels wissenschaftliche Tätigkeit konzentrierte sich
daher fast ausschließlich auf venerologische Fragestellungen.
Mit Gründung der Universität des Saarlandes wurde Strempel
1950 in den Lehrkörper aufgenommen und zum ersten Ordinarius für
Haut- und Geschlechtskrankheiten ernannt.
1957 erhielt die Hautklinik auf seine Bemühungen hin einen
eigenen Hörsaal sowie einen Labortrakt. Das ärztliche Kollegium der
Hautklinik umfasste bis zum Jahre 1958 nur 2 Assistentenstellen und ab 1951
eine zusätzliche Oberarztstelle.
Von 1956 – 1964 bekleidete Norbert Klüken
diese Oberarztfunktion und habilitierte 1957 als erster Dermatologe
während des Direktorats von Rudolf Strempel mit einer Arbeit
„Über akrale Gefäßreaktionen”. Klüken
übernahm 1964 den Aufbau der zunächst mit der Hautklinik verbundenen
Angiologischen Abteilung an der Universität Essen und wurde später
dort Direktor der eigenständigen Klinik und Poliklinik für Angiologie
und Phlebologie. Als Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft
für Angiologie (1965) und Vorstandsmitglied der noch jungen Deutschen
Gesellschaft für Phlebologie gehört Klüken zu den Protagonisten
der dermatologischen Angiologie [6]
[7]
[8].
Ära Prof. Nödl (1960 – 1980)
Ära Prof. Nödl (1960 – 1980)
Als Nachfolger von Rudolf Strempel übernahm im Sommersemester
1960 Professor Fritz Nödl (1912 – 1994) ([Abb. 6]) die Leitung der
Universitäts-Hautklinik.
Abb. 6 Fritz Nödl
(1912 – 1994): Zweiter Ordinarius der Homburger
Universitäts-Hautklinik, wirkte von 1960 – 1980.
Geboren in Brüx (Sudetenland) erhielt er seine dermatologische
Ausbildung an den Universitäts-Hautkliniken in Prag und später in
Breslau. Somit war Nödl in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg
Schüler von Heinrich Gottron, der zu diesem Zeitpunkt die Breslauer
Hautklinik leitete und damals als „ungekrönter König der
Dermatologie” angesehen wurde.
Während des Krieges diente Nödl als Regimentsarzt bei den
Fallschirmspringern (sportliches Fallschirmspringen soll bis ins hohe Alter
seine Leidenschaft geblieben sein). 1947 konnte er sich wieder dem Fach
Dermatologie widmen und wurde Oberarzt unter Horst-Günther Bode an der
Universitäts-Hautklinik Göttingen, wo er sich 1950 mit einer Arbeit
über den Morbus Kaposi habilitierte. Neben seiner wissenschaftlichen
Forschungsarbeit über Basaliome, neurogene Tumoren, Strahlenwirkungen an
der Haut, krankhaftem Haarausfall sowie über das maligne Melanom und das
Problem der lymphogenen Metastasierung, galt er als einer der besten
Dermatohistologen seiner Zeit.
Verglichen mit der damals hochmodernen Göttinger Klinik war die
Homburger Hautklinik sehr bescheiden ausgestattet. Nödl soll es als
Herausforderung angesehen haben, die Homburger Hautklinik dem ihm gewohnten
Standard anzupassen. Innerhalb kurzer Zeit nach Übernahme der Klinik
gelang ihm die Einrichtung eines Histologischen Labors und einer Poliklinik.
Daneben verdanken wir ihm die Einrichtung eines mykologischen Labors, einer
Abteilung für Strahlentherapie und die Etablierung der Allergologie in der
Hautklinik. Zu erwähnen bleiben dabei auch die durch ihn erreichten
besseren Bedingungen für Patienten und Personal durch Umbau der
Krankensäle in überschaubare Krankenzimmer sowie durch Schaffung von
Sozialräumen und den Anbau von Aufzügen [6]
[7]
[8].
Gefördert wurde der Ausbau sicherlich durch den generellen
Innovationsschub der Universitätskliniken in den 70er-Jahren,
währenddessen es zur Aufteilung von größeren Kliniken in
mehrere Abteilungen bzw. zu Neugründungen kam, was sich nur mit
entsprechenden Baumaßnahmen und Geräteausstattungen verwirklichen
ließ. Diese Bautätigkeit war wiederum gefördert durch das am
1. 9. 1969 beschlossene „Hochschulbauförderungsgesetz
(HBFG)”, das Bund und Länder zu gleichen Anteilen zur
Übernahme der Kosten für Hochschulbau und Großgeräte
verpflichtete [4]
[5].
Neben dem Ausbau der Hautklinik konnte auch deren ärztliches
Kollegium erweitert werden. Dabei kam 1961 Albert Schimpf neben Norbert
Klüken als zweiter Oberarzt hinzu. Habilitiert 1960 in Leipzig mit einer
Arbeit über die Pathogenese des Berufsekzems, ist Albert Schimpf die
Einrichtung eines leistungsfähigen Labors für Allergologie- und
Hautfunktionsdiagnostik an der Homburger Hautklinik zu verdanken und damit war
auch der erste Schritt in Richtung des Schwerpunktes der Berufsdermatologie
erfolgt. Insgesamt verlagerte sich das stationär behandelte Patientengut
in den 60er-Jahren von den Infektionskrankheiten hin zu den chronisch
entzündlichen Erkrankungen der Haut [6]
[7]
[8].
Ära Prof. Zaun (1980 – 1996)
Ära Prof. Zaun (1980 – 1996)
Die Leitung der Hautklinik wurde im Wintersemester 1980/81 von
Nödl an seinen ehemaligen Assistenz- und späteren Oberarzt Professor
Hansotto Zaun (geb. 1930) übergeben ([Abb. 7]).
Abb. 7 Hansotto Zaun (Jg.
1930). Dritter Ordinarius der Homburger Universitäts-Hautklinik
(1980 – 1996) in Mitten Ehepaar Landthaler (li), Vogt (re)
und seiner Gattin ganz rechts anlässlich der Antrittsvorlesung Prof. Vogts
am 30. Juni 2010.
Nach Examen und Promotion wechselte Zaun 1958 von Marburg als
Medizinalassistent an die Göttinger Hautklinik, wo Nödl noch als
Oberarzt tätig war. 1962 folgte Zaun dann nach Homburg und wurde, nachdem
Klüken 1964 die Homburger Hautklinik verließ, Oberarzt unter
Nödl. Er habilitierte sich 1967 mit einer Arbeit über Pathologische
Reaktionen am Haarfollikel als zweiter Dermatologe in Homburg. Ziele seiner
Forschungstätigkeit waren die Pathologie des Haarfollikels, die
Zusammenhänge zwischen Magenfunktion und Haut, Endokrinium und Haut sowie
die Wirkung von Kortikosteroiden auf Blutgefäße. Sein damaliger
Doktorand Peter Altmeyer, heute Direktor der Klinik für Dermatologie der
Ruhr-Universität Bochum, war dabei maßgeblich an der Erforschung der
Wirkung von Steroiden auf die Haut beteiligt. 1974 verließ Zaun
zunächst die Homburger Hautklinik und übernahm die Leitung der
Städtischen Hautklinik Bremerhaven, hielt aber weiterhin
regelmäßig Vorlesungen in Homburg und kehrte 1980 als Ordinarius an
die Homburger Hautklinik zurück. In den Berufungsverhandlungen erreichte
er eine weitere Erhöhung der Mitarbeiterzahl und Mittelzusagen zur
Neueinrichtung von Laboren, welche durch Ausbau von Kellern und Speichern der
Klinik Platz fanden. Die Weiterentwicklung der Hautklinik unter seiner Leitung,
insbesondere im Bereich der Forschung und Erweiterung des therapeutischen
Repertoirs, ist sicherlich auch einer Reihe engagierter und kompetenter
Mitarbeiter ([Tab. 2]), unter ihnen insbesondere
Professor Friedrich Bahmer (heute Direktor der Klinik für Dermatologie und
Allergologie in Bremen), zu verdanken.
Tab. 2 Oberärzte der
Universitäts-Hautklinik (1980 – 2010).
Friedrich Bahmer
| (1981 – 1994)
|
Monika Kegel
| (1983 – 1989)
|
Heidelore Hofmann
| (1986 – 1992)
|
Hans-Peter Baum
| (1992 – 1997)
|
Patrick Koch
| (1992 – 2006)
|
Dorothee Dill-Müller
| (1996 – 2008)
|
Uwe Reinhold
| (1997 – 2002)
|
Jörg Reichrath
| (seit 2000)
|
Knuth Rass
| (seit 2003)
|
Claudia Pföhler
| (seit 2005)
|
Hortensia Schimpf
| (seit 2008)
|
Cornelia Müller
| (seit 2009)
|
Alexander Rösch
| (seit 2010)
|
Forschungsschwerpunkte waren Hormonwirkungen auf Talgdrüsen und
Haarfollikel, Evaluierung von Spermienfunktionstests, quantitative Histologie,
Mechanismen der Tumormetastasierung, Expression von
Adhäsionsmolekülen auf Hauttumoren, molekulare Steuermechanismen des
Haarwachstums, Allergien auf Amalgam und Schwermetalle, molekulare Grundlagen
der therapeutischen Wirkungen von 1,25 Dihydroxy-Vitamin D3 und Retinsäure
in der Haut sowie der Vitamin D-Stoffwechsel bei Psoriasis. Unter Zauns Leitung
konnte die Hautklinik über 50 Dissertationen und 400 wissenschaftliche
Publikationen verzeichnen. Zu erwähnen sind als Neuerung ferner die
regelmäßig stattfindenden Fortbildungsnachmittage der Klinik
gemeinsam mit dem Berufsverband (Landesstellen Rheinland-Pfalz und Saar) und
Seminartagungen mit dem Ziel einer besseren Kooperation von Klinikern und
Praktikern [6]
[7]
[8].
Während der Amtszeit Zauns wurde der Krankenhausbetrieb der
Universitätskliniken auf massives Drängen des Wissenschaftsministers
des Saarlandes 1990 letztendlich dem Wissenschaftsministerium unterstellt,
sodass 1994 die Universitätskliniken in Gänze als
„Universitätskliniken des Saarlandes” in die
Universität des Saarlandes integriert werden konnten [4]
[5].
Ära Prof. Tilgen (1996 – 2009)
Ära Prof. Tilgen (1996 – 2009)
Am 17. Juni 1996 nahm Prof. Wolfgang Tilgen (geb. 1944) als neu
berufener Ordinarius der Haut- und Poliklinik der Universitätskliniken des
Saarlandes seine Tätigkeit auf ([Abb. 8]).
Abb. 8 Wolfgang Tilgen. Vierter
Ordinarius der Homburger Universitäts-Hautklinik
(1996 – 2009).
Als Schüler von Urs Schnyder und Detlef Petzoldt absolvierte
Tilgen seine dermatologische Facharztweiterbildung an der Heidelberger
Universitäts-Hautklinik, wurde dort Oberarzt und habilitierte sich 1989
zur Charakterisierung maligner Hauttumoren in vivo und in vitro. Im Zuge der
Berufungsverhandlungen konnte er die ehemalige operative Station der
Frauenklinik mit großzügigen Operationsräumen als
Hauptgebäude der Homburger Hautklinik übernehmen ([Abb. 9]).
Abb. 9 Aktuelles Gesicht der
Klinik. Die Klinik für Dermatologie ist aktuell noch an 3 Standorten in
den Gebäuden 35/36 und 18 untergebracht. Ein Umzug und teilweiser Neubau
ist für 2011 – 12 geplant.
Die dortige Installation des Haut-OPs mit angeschlossener operativer
Station und einer neuen Onkologischen Ambulanz reflektierte bereits die
klinischen Schwerpunkte, die Ausrichtung und Entwicklung der Hautklinik unter
Tilgen.
Als Vorstandsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft
Dermatologische Onkologie” (ADO) der Deutschen Dermatologischen
Gesellschaft (1994 – 2000) und Vorstandsmitglied der
Deutschen Krebsgesellschaft (2002 – 2008) forcierte er die
Dermato-Onkologie in Homburg z. B. durch die Etablierung einer
systematischen Nachsorgesprechstunde für Hauttumorpatienten und den Ausbau
der Hautklinik als Studienzentrum der ADO und für Arzneimittelstudien
insbesondere für Patienten mit malignem Melanom.
Das operative Spektrum wurde in diesen Jahren u. a. durch die
Aufnahme der Schildwächterlymphknoten-Biopsie und der Phlebochirurgie
maßgeblich erweitert. Neue diagnostische Verfahren, wie die digitale
Auflichtmikroskopie oder die Sonografie von Haut und Lymphknoten und
therapeutische Innovationen, wie die fotodynamische Therapie, die endoluminale
Lasertherapie der Varikosis und die extrakorporale Fotopherese wurden
implementiert bzw. ausgebaut.
Die 13-jährige Amtszeit Tilgens war auch gekennzeichnet durch
eine Vielzahl nationaler und internationaler Kongresse ([Tab. 3]), die die Forschungsschwerpunkte der Klinik
repräsentierten.
Tab. 3 Ausrichtung von
Jahrestagungen der Homburger Hautklinik.
3. – 4. Oktober 1970
| 99. Tagung der
Vereinigung Südwestdeutscher Dermatologen
|
4. – 6. Mai 1990
| 120. Tagung der
Vereinigung Südwestdeutscher Dermatologen (Saarbrücken)
|
2. – 3. Oktober 1998
| 8. Jahrestagung der
Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie
|
17. – 18. September 1999
| 1. Internationales
Symposium „Minimal Residual Disease in Melanoma: Biology, Detection and
Clinical Relevance of Micrometastases”
|
8. – 9. Oktober 1999
| 128. Jahrestagung
der Vereinigung Südwestdeutscher Dermatologen
|
14. – 15. September 2001
| 1. Internationales
Symposium der International Society for Chemosensitivity Testing in Oncology
|
3. – 4. Mai 2002
| 1. Internationales
Symposium „Vitamin D Analogs in Cancer Prevention and Therapy”
|
7. – 8. Mai 2005
| 2. Internationales
Symposium „Vitamin D Analogs in Cancer Prevention and Therapy”
(Homburg/Lübeck)
|
6. – 7. Juni 2008
| 4. Strategiesitzung
der Deutschen Gesellschaft für Dermatochirurgie
|
Bereits 1998 richtete die Homburger Hautklinik die 8. Jahrestagung
der ADO aus. Es folgten von 1999 bis 2002 international hochkarätig
besetzte Kongresse zur Mikrometastasierung des malignen Melanoms und zur
Chemosensitivitätstestung jeweils unter der Leitung von Uwe Reinhold, den
Tilgen 1997 als leitenden Oberarzt von Bonn nach Homburg holte, sowie zur
Bedeutung von Vitamin D-Analoga auf dem Gebiet der Onkologie unter der Leitung
von Jörg Reichrath, der im Jahr 2000 über dieses Thema in Homburg
habilitierte. Darüber hinaus war die Homburger Hautklinik durch den
Vorsitz der Saarländischen Krebsgesellschaft, den Tilgen von
2000 – 2007 innehatte, in diesem Zeitraum mehrfach an der
Ausrichtung des Saarländischen Krebskongresses beteiligt.
Unter dem Ordinariat von Prof. Tilgen wurde die klinische Kompetenz
der Homburger Hautklinik auch durch den Erwerb der Weiterbildungsbefugnisse
für Phlebologie, medikamentöse Tumortherapie und Dermatohistologie
deutlich gestärkt. Zum Ende seiner Amtszeit wurden noch Pläne zum
Ausbau der Dermatohistologie aufgenommen, die sein Nachfolger dann in die Tat
umsetzte.
Gegenwart und Ausblick
Gegenwart und Ausblick
Zum 1. Dezember 2009 wurde Herr Prof. Dr. med. Thomas Vogt auf den
Lehrstuhl für Dermatologie und Venerologie des Saarlandes berufen ([Abb. 10]).
Abb. 10 Ärztliches
Kollegium der Klinik für Dermatologie Homburg, November 2010.
Professor Vogts Ausbildung wurde geprägt von international
renommierten Dermatologen wie Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otto Braun-Falco
(em. Ordinarius der LMU München – einem gebürtigen
Saarländer!), Prof. Dr. Günther Burg (em. Ordinarius
Würzburg/Zürich, ehemals zeitweilig Assistenzarzt an der Homburger
Hautklinik), Prof. Dr. Wilhelm Stolz (akt. Direktor der Hautklinik München
Schwabing) und vor allem – über 15 Jahre – von Prof. Dr. med.
Dr. h. c. Michael Landthaler (Ordinarius Univ. Regensburg).
Forschungsaufenthalte in der Mitte der 90er-Jahre am Sydney Kimmel Cancer
Center und am California Institute for Biological Research, CA, USA, waren die
methodisch-wissenschaftlich prägenden Abschnitte im Werdegang Vogts
zielend auf die molekulare Krebsforschung. Diese brachten zudem grundlegende
Entdeckungen (RBBP2H1/JARID1B) für die aktuell fortgeführte
Forschungsrichtung in Homburg zu JARID1B/Melanomstammzellen (siehe unten).
Aktuelle klinische Schwerpunkte unter Prof. Vogt sind die
Dermato-Histologie und Dermato-Onkologie mit allen Optionen der
medikamentösen Tumortherapie einschließlich extrakorporaler
Fotopherese, die operative Dermatologie einschließlich innovativer
endoluminaler Therapieverfahren der Varikosis sowie die Allergologie,
Berufsdermatologie und Umweltmedizin.
Es konnte bereits zu Jahresbeginn eine enge dermato-histologische
Kooperation mit Luxemburg (Laboratoire National de Santé) etabliert
werden, was der weiteren Entfaltung der spezifischen Expertise in diesem Gebiet
dienlich sein wird und bereits vermehrt Patienten aus dem Nachbarland zur
Behandlung nach Homburg führt. Auch die Interaktion mit den
niedergelassenen Kollegen und Zuweisern steht im Fokus einerseits durch
attraktive Fortbildungsangebote (drei Veranstaltungen allein im laufenden
Jahr), andererseits durch intensivierte Zusammenarbeit in der Weiterbildung
junger Kolleginnen und Kollegen mit den Praxen im Lande sowie gemeinsame
prozessorientierte Arbeit zur Verbesserung der Abläufe gerade im Bereich
der Versorgung von Hautkrebspatienten.
Die weiteren Entwicklungen zielen auf die Etablierung eines
interdisziplinären Allergiezentrums gemeinsam mit den Kliniken für
Pädiatrie, Pulmologie, Arbeitsmedizin, HNO und Gastroenterologie sowie die
Gründung eines Handekzemzentrums in enger Assoziation mit der
Berufsdermatologie an diesem Standort.
Wissenschaftlich ist es ein vorrangiges Ziel der Hautklinik,
vorangetragen durch den leitenden Oberarzt der Klinik, Prof. Jörg
Reichrath, den Einfluss des endokrinen Vitamin D-Systems u. a. auf die
Hautkrebsentstehung (siehe Minireview in dieser Ausgabe) zu erforschen. Im Mai
2011 wird es in Homburg einen zweiten internationalen Kongress zur Vitamin
D-Forschung, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG,
geben (4th International Symposium: Vitamin D and Analogs in Cancer
Prevention and Therapy 20 – 21 Mai 2011, Schlossberg-Hotel
Homburg). Auch wurden aktuell zwei neue Forschungsvorhaben definiert und
befinden sich in der Antragsphase. Im Zuge der Neuberufung von Prof. Vogt
stehen erhebliche investive Mittel der Universität und Fakultät zur
Verfügung neben weiteren Drittmitteln (ca. 350 000 EUR), um
die Laborgeräteausstattung in der Hautklinik weiter abzurunden. Die
Stärke des Standorts ist jedoch neben einem räumlich und technisch
zureichenden Labor in der Hautklinik vor allem die Vernetzung und
unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Partnern in anderen Kliniken, dem
José Carreras-Zentrum, dem Institut für experimentelle Chirurgie
und den Instituten der theoretischen und vorklinischen Fächer mit einem
SFB-Schwerpunkt im Bereich der Erforschung membrannaher Prozesse und
Ionenkanäle. Die Hautklinik verfolgt auch hier in Kooperation innovative
Projekte im Bereich der Erforschung der Calcium-Ionenkanäle in
Melanomzellen. Unter diesen günstigen Voraussetzungen war es bereits im zu
Ende gehenden Jahr möglich auch ein ambitioniertes DFG-gefördertes
Projekt zur Melanomforschung (siehe Minireview zur Melanomstammzelle in dieser
Ausgabe) zu initiieren und aus den USA vom renommierten Wistar-Institut in
Philadelphia Herrn PD Alexander Rösch an die Hautklinik der
Universität des Saarlandes zu holen.
Das Team ist somit aktuell auf fünf Oberärzte und 12
Assistenten sowie vier Gastärzte bzw. Gastwissenschaftler angewachsen.
Drei Kollegen befinden sich auf „Habilitationskurs”, die Lehre
wurde in diesem Jahr exzellent evaluiert, zahlreiche Doktoranden rekrutiert,
nahezu alle PJ-Studenten der Hautklinik wollen auch hier ihre Ausbildung
fortsetzen und fühlen sich wohl. Die Assistenten waren in den
Weiterbildungsgesprächen durchweg motiviert und sehr zufrieden. Der
Nachwuchs an Jungdermatologen scheint für die Region auf einem guten Weg
zu sein.