Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2012; 47(1): 8-13
DOI: 10.1055/s-0032-1301374
Fachwissen
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Dekompressionskraniektomie bei ischämischen Hirninfarkten – Die chirurgische Perspektive

Decompressive craniectomy in acute stroke – The different perspective
Oliver P Gautschi
,
Dieter Cadosch
,
Martin N Stienen
,
Luzius A Steiner
,
Karl Schaller
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Publication History

Publication Date:
27 January 2012 (online)

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Zusammenfassung

Ausgeprägte hemisphärische Hirninfarkte kommen bei 1–10% der Patienten mit supratentoriellen ischämischen Infarkten vor. Da die erhöhte Mortalität und Morbidität dabei hauptsächlich durch das entstehende Hirnödem verursacht werden, liegt das primäre Behandlungsziel in der Kontrolle des Hirnödems und des konsekutiv ansteigenden Hirndrucks. Wenn der Hirndruck mit konservativen Therapieoptionen nicht mehr kontrolliert werden kann, muss eine dekompressive Kraniektomie (DK) in Erwägung gezogen werden. Diese Übersichtsarbeit beschreibt aus der Perspektive des Chirurgen, welche Patienten mit supra- und infratentoriellen Hirninfarkten von einer DK profitieren können und zu welchem Zeitpunkt dieser Eingriff durchgeführt werden sollte.

Abstract

Extensive space occupying strokes occur in about 1-10% of all ischaemic supratentorial infarctions. Both the high mortality and morbidity primarily result from secondary brain damage due to an accompanying brain edema. Therefore, the primary therapeutic target in patients with space occupying strokes is the control of the brain edema and the consecutively elevated intracranial pressure. If intracranial pressure cannot be controlled by conservative treatment methods, a decompressive craniectomy (DC) is a possible treatment option in selected patients to reduce intracranial pressure. In this review recommendations from the surgeon's perspective are given concerning the indication and timing of DC in patients with space occupying supra- and infratentorial cerebral infarctions.

Kernaussagen

  • Das Management von Patienten mit ischämischen Hirninfarkten sollte so rasch wie möglich in einem Zentrum mit Stroke-Unit oder interdisziplinärer Intensivstation erfolgen.

  • Die Ziele standardisierter intensivmedizinischer Behandlungskonzepte der Akutphase liegen in der Prävention möglicher systemischer Komplikationen und sekundärer Hirnschäden nach ischämischem Hirninfarkt.

  • Eine dekompressive Kraniektomie bei Patienten mit ischämischen Hirninfarkten hat 3 Ziele:

    • Reduktion des intrakraniellen Drucks

    • Prävention einer Hirngewebsherniation mit möglicher konsekutiver fataler Hirnstammkompression

    • Reduktion der Mortalität und Morbidität

  • Eine dekompressive Kraniektomie kann die Mortalitätsrate signifikant senken (gemäß Literatur 40–50 %) und ist mit einer niedrigen Inzidenz intraoperativer Komplikationen vergesellschaftet.

  • Patienten haben nach einer dekompressiven Kraniektomie ein erhöhtes Thromboserisiko. Deshalb sollten frühzeitig prophylaktische Maßnahmen initialisiert werden (Frühmobilisation und niedrigdosiertes Heparin).

  • In die interdisziplinäre Therapieentscheidung bei Patienten mit ischämischen Hirninfarkten sollten immer prognostische Faktoren wie junges Alter, vorbestehende Behinderungen oder schwere Komorbiditäten und der Patientenwille sowie die Unterstützung durch die Angehörigen miteinbezogen werden.

Ergänzendes Material