Fortschr Neurol Psychiatr 2014; 82(3): 127
DOI: 10.1055/s-0034-1366168
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Verbesserung kognitiver Defizite als Ziel neuer Behandlungsansätze bei der Schizophrenie

Improvement of Cognitive Deficits in the Focus of New Treatment Strategies in Schizophrenia
P. Falkai
,
A. Schmitt
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Publication Date:
10 March 2014 (online)

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Kognitive Defizite und Negativsymptomatik sind schon häufig als Prodromalsymptome der Schizophrenie vorhanden und bilden den Hauptteil der residualen Symptomatik, an der über die Hälfte der Patienten leidet. Sie beeinträchtigen die Rehabilitation und führen zu sozialen Beeinträchtigungen, die sich in einem verminderten Anteil an stabilen Partnerschaften, sozialer Teilhabe und beruflicher Reintegration äußern [1]. Besonders das Vorhandensein von kognitiven Defiziten zum Beispiel des Arbeitsgedächtnisses, verbalen Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit ist ein Prädiktor für einen Rückfall und einen schlechten Krankheitsverlauf [2]. So zeigten Hoff et al. [3] bei schizophrenen Patienten in einer Verlaufsstudie über 10 Jahre die Bedeutung initial vorhandener kognitiver Funktionseinbußen für den Krankheitsverlauf und ein stabiles Defizit neuropsychologischer Funktion über den gesamten Beobachtungszeitraum.

Dabei sind kognitive Defizite durch bisherige psychopharmakologische und psychotherapeutische Behandlungsmethoden nur unzureichend behandelbar. In einer Übersichtsarbeit dieser Ausgabe fassen Weisbrod et al. [4] den aktuellen Stand psychologischer Interventionen zur Verbesserung kognitiver Leistungsfähigkeit und Alltagsfunktion zusammen. Dabei zeigt er sowohl die Bedeutung von kognitiven Fähigkeiten für die Alltagsfunktion als auch den aktuellen Stand der Literatur bezüglich kognitiver Remediation im Rahmen psychiatrischer Rehabilitation. Dabei scheint besonders die Übersetzung des Trainings in Alltagsfunktionen mit der Vermittlung strategischer Ansätze dem reinen Üben kognitiver Fähigkeiten überlegen zu sein.

Die Wirkung bisheriger Pharmakotherapie mit Antipsychotika wird als nur begrenzt eingeschätzt und neue Substanzen sollten auf ihre Wirkung bezüglich kognitiver Symptomatik geprüft werden. Infrage kommen als Zusatztherapie aufgrund der Glutamathypothese der Schizophrenie Modulatoren des glutamatergen Systems oder des glutamatergen N-methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptors [5] oder auch Agonisten des α7-nikotinergen Acetylcholin-Rezeptors [6], die hinsichtlich neurokognitiver Funktionsverbesserung geprüft werden sollten.

Die Schizophrenie ist eine Erkrankung mit hoher Heritabilität von 60 – 80 %. In neueren, auch genomweiten Assoziationsstudien wurde eine Vielzahl von Risikogenen mit jeweils nur kleinem Effekt auf das Risiko, eine Schizophrenie zu entwickeln, gefunden [7]. Darunter finden sich Gene, die die Kalzium-Signalkaskade (zum Beispiel CACNA1C), Transkription (TCF4) und Konnektivität (NRG1) im Gehirn beeinflussen. Sie zeigten in Magnetresonanztomographie-Studien jedoch größere Effekte auf Gehirnaktivierung und -struktur als auf kognitive Funktionstests [8]. Dabei sind die biologischen Funktionen, die durch diese Gene beeinflusst werden, jedoch noch weitgehend unbekannt. Ihre Identifizierung könnte zum Aufspüren neuer Substanzen führen, die zunächst in Tiermodellen auf Schizophrenie-ähnliche kognitive Funktionsverluste geprüft werden können. Da bei der Schizophrenie auch Gen-Umwelt-Interaktionen eine Rolle spielen, kann die Entwicklung valider Tiermodelle mit zum Beispiel Gen-Stress-Interaktion letztendlich als Hilfestellung bei der Entwicklung verbesserter Therapiemöglichkeiten dienen. Auch ein verbesserter Lebensstil wie das sogenannte „enriched environment“ mit sportlicher Aktivität und kognitiver Anregung wurde in solchen Modellen bereits als vorteilhaft nachgewiesen. So erwies sich auch ein sportliches Ausdauertraining über 3 Monate als wirksam hinsichtlich Verbesserungen im verbalen Gedächtnis und der Negativsymptomatik [9]. Körperliches Ausdauertraining kann heute schon unseren Patienten als nebenwirkungsarme Zusatztherapie empfohlen werden.

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Prof. Dr. med. P. Falkai
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Prof. Dr. med. A. Schmitt