Dtsch Med Wochenschr 2014; 139(48): 2439
DOI: 10.1055/s-0034-1387413
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hypertonie in Zeiten des Umbruchs

Hypertension on the move
T. Unger
1   CARIM – School for Cardio- vascular Diseases, Maastricht University, Maastricht
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Publication Date:
19 November 2014 (online)

Hypertonie, ist das heute überhaupt noch ein relevantes Thema? Sind die Probleme des hohen Blutdrucks nicht gelöst, und wir können uns anderen, dringlicheren medizinischen Themen zuwenden? Wenn dem so ist, wozu noch wissenschaftliche Kongresse zum Thema Hypertonie wie jetzt in Berlin zum 38.  Male? Rhetorische Fragen, gewiss, aber Hand aufs Herz, sind sie so abwegig? Am Beispiel der arteriellen Hypertonie lässt sich auch ablesen, wie eng der medizinisch-therapeutische Fortschritt an denjenigen der entsprechenden Medikamentenentwicklung gekoppelt sein kann.

In der Rückschau stellt sich eine Periode von etwa 60 Jahren dar, gekennzeichnet durch außergewöhnliche Erfolge in der Entwicklung von blutdrucksenkenden (und meist auch weit darüber hinaus im Herz-Kreislauf- und metabolischen Gebiet erfolgreich einsetzbaren) Medikamenten, vom Reserpin, eingeführt im Jahre 1949, über die Diuretika, die Betablocker und Kalziumantagonisten bis hin zu den Hemmstoffen des Renin-Angiotensin-Systems, deren „Goldenes Zeitalter“ in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann. Als gegen Ende der letzten Dekade sich die Patentlaufzeit der Angiotensin-Rezeptorantagonisten dem Ende zuneigte, direkte Inhibitoren des Renins den erhofften Erfolg nicht zeigten und die „Pipelines“ der großen pharmazeutischen Firmen im Bereich der Antihypertensiva ausdörrten, da hatte das Thema „Hypertonie“ mit einem Schlage seinen Glanz verloren. Gewiss, es fanden noch wissenschaftliche Kongresse zum Thema Hypertonie statt, hier und da auch noch industriegesponserte Fortbildungsveranstaltungen, zum Beispiel wie man vorhandene Therapeutika am besten kombinieren könnte, aber der Druck schien erst einmal heraus aus dem Ventil und die pharmazeutische Industrie hatte sich anderen Themen zugewandt, etwa dem der oral wirksamen Antikoagulanzien.

Doch wie das so geht, wenn ein König stirbt, dann folgt ein anderer. Vor 5 Jahren ließ eine Publikation in der Zeitschrift „The Lancet“ aufhorchen. Eine internationale Forschergruppe berichtete über 50 Patienten mit „therapierefraktärer“ Hypertonie, deren Blutdruck durch eine nicht-medikamentöse Prozedur gesenkt werden konnte: die renale sympathische Denervation. In der Folge entwickelte sich ein kaum für möglich gehaltener Rummel um diese Prozedur, angefeuert von interventionell tätigen Medizinern, unterstützt von einer Gruppe von Firmen, welche die notwenigen Geräte produzierten. Weltweit, aber besonders auch in Deutschland, wurde renal denerviert, und das dazu gehörige wissenschaftliche Material wurde in einer Flut von Publikationen zum Thema geliefert, bis in einer randomisierten klinischen Studie (Symplicity-HTN3) kein signifikanter Unterschied im Blutdruck zwischen Patienten mit und ohne renale Denervation gefunden wurde. Selten hat eine einzige klinische Studie derart wie der Blitz eingeschlagen. Man rieb sich verwundert die Augen und suchte nach Gründen, wie z. B. den sicher vorhandenen Schwächen in der Methodik der Studie, aber auch hier war der Dampf fürs Erste abgelassen. Das heißt nicht, dass die renale Denervation keine therapeutische Option für Patienten mit echter Therapieresistenz ist, wohl aber, dass diese Patienten viel sorgfältiger ausgewählt und definiert werden müssen, als in der ersten Begeisterung geschehen.

Gleichzeitig hat eine andere, längst bekannte nicht-medikamentöse Prozedur in aller Stille eine Renaissance erfahren: die Barorezepor (BRR)-Stimulation. Bei Hypertonikern kommt es im allgemeinen zu einer Abschwächung dieses über das vegetative Nervensystem vermittelten Reflexes, sodass ein Anstieg des Blutdrucks nicht mehr ausreichend mit physiologischen Gegenmaßnahmen beantwortet werden kann. Durch Implantation eines dem Schrittmacher vergleichbaren „Device“ kann der BRR permanent stimuliert und damit der erhöhte Blutdruck gesenkt werden. Technische Verbesserungen haben das Interesse an dieser Methode zur Blutdrucksenkung wieder geweckt, sicher auch bedingt durch den Mangel an neuen Medikamenten. Die BRR-Stimulation wird sich aus begreiflichen Gründen nicht zu einer globalen therapeutischen Strategie für eine Volkskrankheit entwickeln, aber sie kann, wie auch die renale Denervation, hilfreich sein bei Patienten, die nicht ausreichend auf antihypertensive Medikamente reagieren.

Trotz allem, die Hypertonie als wissenschaftliches und klinisch-therapeutisches Thema ist noch längst nicht gestorben. Gerade in vermeintlich dürren Zeiten, wenn die Geldströme in andere Richtungen fließen, gilt es, die Hypertonieforschung mit originellen Ideen neu zu beflügeln, die komplexen genetischen Grundlagen dieser Krankheit weiter zu entziffern (erste hoffnungsvolle Ansätze gibt es durchaus), die arterielle Hypertonie in ihrer Beziehung zu kardialen, renalen und vaskulären pathologischen Prozessen besser zu verstehen, neue Medikamente zu entwickeln, die diesem erweiterten Verständnis Rechnung tragen, und nicht zuletzt „the global burden“, das ungeheure globale Gewicht dieser Volkskrankheit im Auge zu behalten. Denken wir einfach daran, wie viele Schlaganfälle durch eine konsequente Therapie des hohen Blutdrucks verhindert werden könnten.