Nervenheilkunde 2016; 35(06): 401-407
DOI: 10.1055/s-0037-1616398
Krieg und Psychiatrie
Schattauer GmbH

100 Jahre Kriegstraumata

Haben wir aus der Vergangenheit gelernt?A century of war traumaShell shock and its lesson s for today
S. Linden
1   Institute of Psychological Medicine and Clinical Neurosciences, Cardiff University, Großbritannien
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Publikationsverlauf

eingegangen am: 01. Februar 2016

angenommen am: 15. Februar 2016

Publikationsdatum:
10. Januar 2018 (online)

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Zusammenfassung

Die psychologischen Reaktionen auf die traumatischen Fronterlebnisse des Ersten Weltkrieges erreichten epidemische Ausmaße, wie sie in keinem früheren Krieg beobachtet worden waren. Diese „Shell-shock“-Epidemie hatte einen profunden Einfluss auf das Leben der Soldaten in und hinter den Schützengräben und auf die Kampfmoral auf beiden Seiten der Front. Dieser Artikel analysiert auf der Grundlage von Krankenakten aus London und Berlin die unter den Begriffen „shell shock“ oder „Kriegsneurose“ zusammengefassten Krankheitsbilder. Die Dokumentation der klinischen Präsentationen zeigt die große Bandbreite der Symptome und Syndrome, aber auch klare Unterschiede zwischen den beiden Ländern, z. B. das gehäufte Auftreten psychogener nicht epileptischer Anfälle in Deutschland. Des Weiteren werden die damaligen und heutigen Erklärungsmodelle für derartige traumatische Reaktionen diskutiert. Wie damals schwingt auch heute das Pendel zwischen den beiden Polen der organischen und psychischen Genese. Schließlich werden die wesentlichen Therapieverfahren der Militärpsychiatrie und -neurologie des Ersten Weltkrieges dargestellt. Sowohl die Frage des Erklärungsmodells als auch die Suche nach der angemessenen Therapie für funktionelle neurologische Störungen haben heute wieder eine große Aktualität.

Summary

Psychological reactions to traumatic experiences of combat in World War 1 reached an epidemic scale that surpassed anything known from previous armed conflicts. This “shell shock” epidemic deeply affected soldiers’ lives in and behind the trenches and morale on both sides of the frontline. This article is based on patient records from London and Berlin. It analyses the clinical phenomenology of the cases that were subsumed under labels such as “shell shock” or “war neurosis”. The documentation of clinical presentations reveals a broad range of symptoms and syndromes. Moreover it unveils some distinct differences between the two countries, for example the predominance of non-epileptic seizures in Germany. I furthermore discuss the models - past and present - that have been adduced to explain such traumatic reactions. I argue that then as today the pendulum swung back and forth between organic and psychological explanations. Finally, I describe the main therapeutic approaches of military psychiatry and neurology during World War 1. Both the quest for explanatory models and the search for the most appropriate therapy for functional neurological disorders are still of considerable clinical relevance.