Einführung
Unter den Kindern von abhängigkeitserkrankten Eltern nehmen
Kinder opiatabhängiger Mütter eine Sonderstellung ein. Dies betrifft
die spezifische psychosoziale Lebenssituation der Mütter, die mit dem
intravenösen Drogenkonsum verbundenen gesundheitlichen Risiken und die
Tatsache, dass das Leben des Kindes bereits intrauterin mit einem
unfreiwilligen Opiatkonsum und körperlicher Abhängigkeitsentwicklung
beginnt [1].
Der alleinige Konsum von Opiaten stellt sowohl in der nationalen als
auch internationalen Drogenszene eher die Ausnahme denn die Regel dar. In einer
deutschen epidemiologischen Untersuchung fand sich bei den Personen mit
Opiatmissbrauch/-abhängigkeit am häufigsten ein gleichzeitiger
Missbrauch von Kokain in 66 %, gefolgt von Cannabis und
Amphetaminen [2]. Daher sind, wenn nicht speziell
erwähnt, auch mehrfach abhängige Mütter und ihre Kinder in die
folgende Literaturübersicht mit einbezogen, sofern Opiate die Hauptdroge
darstellen.
Historischer Exkurs
„Eine Frau, die seit mehreren Jahren täglich
10-20 cg Morphium brauchte, wurde schwanger. Unmittelbar nach der Geburt
fing das Kind zu schreien an und war dauernd, Tag und Nacht, sehr unruhig und
verstört. Es trank begierig die Flasche, brach aber immer wieder alles
aus. Im Verlauf von etwa 60 Stunden war das Kind sehr elend. Nach Verabreichung
von 2mal tägl. ¿ Tropfen Tinct. Thebaica hörte das Erbrechen
auf. Das Kind war ruhig, fing an zu schlafen und hat sich später normal
entwickelt.”
Diese Beschreibung ist der Zeitschrift „Medizinische
Klinik” aus dem Jahre 1930 entnommen, in welcher Langstein aus Berlin
[3] mehrere Fälle von Kindern
morphiumsüchtiger Frauen („Morphinistinnen”) schilderte, die
post partum hochgradige Unruhe und Krampfanfälle, anhaltendes Erbrechen
und Dystrophie gezeigt hatten mit Besserung der Symptomatik unter Gabe einer
opiumhaltigen Tinktur. In seinem Beitrag in demselben Jahrgang dieser
Zeitschrift interpretierte Weiss [4] die vorgenannten
Schilderungen dergestalt, „dass bei Neugeborenen morphiumsüchtiger
Frauen richtige und hochgradige Abstinenzerscheinungen auftreten können,
die nach den für Erwachsene geltenden Regeln zu behandeln sind”. Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts war Opium ein weit verbreitetes Heilmittel. In der
Frauenheilkunde und Geburtshilfe spielte es eine große Rolle und gerade
in den unteren sozialen Schichten war es gang und gäbe, Neugeborene und
Kleinkinder mit Opiumsäften zu beruhigen [5].
Zum Konstrukt der „Risikofaktoren”
Kinder opiatabhängiger Mütter sind während ihrer
prä- und postnatalen Entwicklung potenziell einer Reihe von Risiken
ausgesetzt [6], die sich entweder direkt aus dem
Drogenkonsum der Mutter ableiten oder indirekt verursacht sind. Groeneweg et
al. [7] unterscheiden hierbei primäre von
sekundären Risikofaktoren: Zu den primären Risiken zählen die
transplazentare Drogenexposition, Mangelernährung und eine hohe
Prävalenz von Infektionskrankheiten (Hepatitis, Geschlechtskrankheiten,
HIV) bei der Mutter. Als sekundäre Risikofaktoren kommen die besonders
ungünstigen bzw. drogenmilieuspezifischen psychosozialen Bedingungen
hinzu. Viele dieser Risiken sind bis heute nur unzureichend erforscht.
Teratogene und toxikologische Schäden konnten, im Gegensatz zu Alkohol,
bei reinem Opiatkonsum bis jetzt nicht festgestellt werden [8 10].
Empirische Befunde
Epidemiologie
Bislang liegen in der internationalen Literatur keine
epidemiologisch gesicherten Angaben zur Prävalenz von Kindern
opiatabhängiger Mütter vor, daher sind wir auf grobe Schätzungen
angewiesen. Das Bundesministerium für Gesundheit [11] gab 1997 die Zahlen der Konsumenten so genannter
„harter” Drogen (Opiate, Kokain, Amphetamine), die mit hoher
Intensität konsumieren, mit 100 000-150 000 an. 1994
wurde die Anzahl der Kinder opiatabhängiger Eltern in Deutschland auf
30 000 geschätzt [12].
Bei Untersuchungen von Kleiber und Pant [13] in der Berliner Drogenszene waren ca.
30 % aller i. v. Opiatabhängigen weiblichen
Geschlechts, davon 80 % im gebärfähigen Alter. Ein
Drittel dieser Frauen hatte bereits ein Kind geboren, ein Viertel der
männlichen Opiatabhängigen waren Väter. Relativ aktuelle Daten
aus ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen für Suchtkranke in
Deutschland, der EBIS-Jahresstatistik 1999, [14]
zeigen, dass von den Klienten mit der Hauptdiagnose „Opiate”
31 % der Männer und 45 % der Frauen mindestens
ein Kind hatten.
Eine Schweizer Screeninguntersuchung [15]
fand im Mekonium von Neugeborenen in 7 % einen Nachweis für
illegale Drogen. Wolstein u. Mitarb. berichten aus Essen, dass an der dortigen
Universitätsfrauenklinik 2,2 % der entbundenen Frauen nach
eigenen Angaben opiatabhängig waren [16]; in der
psychiatrischen Ambulanz der Rheinischen Kliniken hatten 56 % der
wegen Drogenabhängigkeit behandelten Frauen eigene Kinder
[16].
Beeinflussung der Mutterrolle durch Psychopathologie und
Suchtverhalten
Nach Davis [17] sind vier Aspekte
charakteristisch für substanzabhängige Mütter:
Kindheitstraumata, psychische Störungen, niedriger sozioökonomischer
Status und ambivalente Auseinandersetzung mit der Mutterrolle.
Kindheitstraumata
In ihrem eigenen Elternhaus hatten die Frauen oft kein Modell
für adäquate elterliche Fürsorge, eine stabile Familie hat oft
nicht existiert [17]. In einer qualitativen
Interview-Untersuchung fand Coyer [18] bei
kokainabhängigen Müttern geringes Selbstwertgefühl,
Schwierigkeiten, eine eigene mütterliche Identität zu entwickeln,
Isolation von Freunden und Familie und chronische Stressbelastung. Die Mehrzahl
der Frauen hat wiederholt Erfahrungen von Trauma und Verlust durchgemacht, was
Gefühle von Depression, Angst, Minderwertigkeit und unkontrollierter Panik
zur Folge hat [19]. Im Einzelnen tauchen immer wieder
Tod der Eltern, Scheidung, Gewalt in der Familie, körperlicher und
sexueller Missbrauch [20], Deprivation und
Heimaufenthalte in der Lebensgeschichte von Substanzabhängigen auf
[13]
[21 24] mit
nachweislichen Auswirkungen auf die Erziehungskompetenz und häufigeren
Fremdunterbringungen der Kinder [24].
Psychiatrische Komorbidität
Bei drogenabhängigen Müttern ist mit einer hohen
Prävalenz von weiteren psychischen Störungen zu rechnen: In einer
Übersichtsarbeit nennt Salloum [25] Raten für
psychiatrische Komorbidität von 53,1 %. Eine rund doppelt so
hohe psychiatrische Symptombelastung der weiblichen im Vergleich zu den
männlichen Klienten in verschiedenen Drogen-Therapieeinrichtungen in
Großbritannien fanden Marsden et al. [26]:
Angstsymptomatik in 32,3 vs. 17,5 %, Depressivität in 29,7
vs. 14,9 %.
Bei Methadonsubstituierten in Basel betrug die psychiatrische
Komorbidität 75,2 %, am häufigsten
Persönlichkeitsstörungen, gefolgt von depressiven und schizophrenen
Störungen [27]. Bei Patienten, die sich zur
Entgiftung in der psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen
befanden, fand sich eine Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen
von 55 %, dabei vorherrschend Angst- und Zwangsstörungen und
affektive Störungen [28]. In verschiedenen Studien
[21]
[17]
[29]
[30] werden die Frauen als
sozial isoliert, depressiv, unsicher, ohne Selbstwertgefühl und mit
Schuldgefühlen behaftet beschrieben.
Beobachtungen zum Erziehungsverhalten
Zu dieser gerade angeführten mütterlichen Problematik
kommt hinzu, dass das Kind durch entzugsbedingtes untypisches Verhalten den
hohen Erwartungen der Mutter oft nicht gerecht wird [31], was zur Belastung der Mutter-Kind-Beziehung
führt. Bernstein et al. [32] beobachteten, dass
methadonsubstituierte Mütter weniger häufig auf die
Interaktionswünsche ihrer Kinder eingingen und auch weniger häufig
zur Kommunikation anregten. Van Baar [33] sah bei den
abhängigen Müttern weniger Einfühlungsvermögen und stellte
fest, dass Mütter in der drogenfreien Kontrollgruppe mehr und angemessener
mit ihren Kindern spielten. Auch vermehrt aversives Verhalten der Mütter
ihren 2- bis 6-jährigen Kindern gegenüber in Form von Provokationen,
Drohungen und Befehlen wurde beobachtet [34].
Psychosoziale Bedingungen
Opiatabhängige Mütter gehören überwiegend
unteren sozialen Schichten an; typischerweise sind die Mütter allein
stehend, ohne stabile Partnerbeziehung und die Wohnverhältnisse sind oft
unzureichend. 15-24 % der Drogenkonsumenten sind
wohnungslos [13]. Der Bildungsstand ist niedrig, der
Lebensunterhalt wird überwiegend durch staatliche
Unterstützungsgelder, Beschaffungskriminalität und Prostitution
finanziert. 50-70 % der Abhängigen in dem untersuchten
Kollektiv hatten Hafterfahrungen. Bei fortgesetzter Polytoxikomanie wird der
überwiegende Teil der verfügbaren zeitlichen und finanziellen Mittel
für die Drogenbeschaffung/Beschaffungskriminalität eingesetzt und
steht dann nicht mehr für die Versorgung des Kindes zur Verfügung
[35]; je länger die Suchterkrankung besteht, desto
größer wird die Verschuldung; fast die Hälfte der
„Langzeitfixer” (> 10 Jahre) hat Schulden von mehr als
DM 10 000 [13].
Die Partnerbeziehungen drogenabhängiger Frauen sind instabil,
nur jeder zehnte Drogenkonsument war in der o. g. Untersuchung
verheiratet, aber fast ein Drittel der Frauen hatte mindestens ein Kind. Dabei
sind weibliche Drogenabhängige häufiger mit gleichfalls
drogenabhängigen Partnern zusammen als männliche [36], was gleichzeitig die biologischen und die
psychosozialen Risiken für die Kinder dieser Mütter
vergrößert.
Die Schwangerschaft
Für viele der Frauen ist die Schwangerschaft ein unerwartetes
und ungeplantes Ereignis [21]. Nur 6 %
der an der Ambulanz der Rheinischen Kliniken in Essen befragten
Drogenabhängigen gaben an, regelmäßig Verhütungsmittel zu
verwenden; eine Schwangerschaft wird aufgrund der unter fortgesetztem
Opiatkonsum häufigen Amenorrhö bzw.
Zyklusunregelmäßigkeiten erst spät bemerkt [16]. Die Mehrzahl der Frauen setzt den Opiatkonsum in der
Schwangerschaft und auch nach der Geburt fort [37]
[38].
Die Gefühle dem Kind gegenüber sind oft ambivalent; auf
der einen Seite wird die Geburt des Kindes mit Hoffnung auf Ausstieg aus dem
Drogenmilieu verbunden, auf der anderen Seite kann jedoch das Kind auch dazu
dienen, eine gewisse innere Leere auszufüllen und damit zu einem Substitut
für eigene unerfüllte Wünsche werden [21]. Aus dem Konflikt des Wissens um die Drogenexposition
des ungeborenen Kindes und die eigene Unfähigkeit, den Drogenkonsum zu
beenden, resultieren Schuld- und Versagensgefühle [17].
Die meisten substanzabhängigen Frauen vernachlässigen
ihre Gesundheit und bemühen sich kaum um eine adäquate
Schwangerschaftsvorsorge [39 41].
Die meisten Autoren beschreiben eine erhöhte Rate an
Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen [42]
[43]. Hervorzuheben ist das zunehmende Problem der
HIV-Infektion. Kleiber und Pant [13] geben die
HIV-Antikörperprävalenz in der Gruppe der Drogenabhängigen mit
12-30 % an, Lejeune et al. [41]
fanden bei 59 polytoxikomanen Müttern 21 % HIV-positive. In
unseren eigenen Erhebungen [44] an der neonatologischen
Abteilung des Universitätsklinikums Frankfurt war der Anteil der
HIV-positiven unter den opiatabhängigen Müttern von
10 % im Jahre 1988 auf 60 % im Jahre 1995
angestiegen. In der Folge besteht die Gefahr der Weitergabe des Virus an das
Kind, entweder transplazentar oder postnatal durch Stillen. Diese sog.
vertikale Transmissionsrate wird mit 20-40 % angegeben
[45]
[46].
Die kindliche Entwicklung bis zum Alter von 3 Jahren
Neonatales Abstinenzsyndrom (NAS)
Konsumiert die Mutter während der Schwangerschaft Opiate
- in Form des fortgesetzten Abusus oder im Rahmen einer Substitution
- tritt innerhalb der ersten 4 bis 6 Wochen post partum bei der Mehrheit
der Kinder (zwischen 50 und 95 % [47]
[48], siehe Tab. 2 ein sog.
„Neonatales Abstinenzsyndrom” (NAS) auf, das eine eindeutige
Dosis-Wirkungs-Beziehung aufweist: Die Höhe der während der
Schwangerschaft konsumierten Opiatdosis ist entscheidend für das Auftreten
bzw. den Schweregrad der Entzugssymptomatik bei dem Neugeborenen
[48]
[49]. Loretta Finnegan
[50] entwickelte eine Skala zur Einschätzung des
NAS, in der die 21 häufigsten Symptome erfasst werden. Dazu gehören
exzessives, hochfrequentes Schreien, übersteigerte Reflexe, Tremor,
gesteigerter Muskeltonus, Anfälle, Schwitzen und weitere respiratorische
und gastrointestinale Störungen; therapeutisch wird die Gabe von
Phenobarbital empfohlen, womit in abgestufter Dosierung der Entzug erfolgt.
Der Entzug beginnt meist innerhalb der ersten Lebenstage (im
Durchschnitt am 2. Tag, am häufigsten am 3. Tag pp. [51]), in einem Zeitraum von 6 Tagen bis zu 8 Wochen
können noch Symptome beobachtet werden. Selbst nach medikamentöser
Behandlung kann Übererregbarkeit noch bis zu 3 Monaten nach Entlassung
vorkommen. Eine vergleichbare Entzugssymptomatik lässt sich auch
tierexperimentell bei neugeborenen Ratten erzeugen, deren Mütter in den
letzten zwei Wochen der Gestation Methadon erhalten hatten [52]. Der Methadonentzug ist, aufgrund der weitaus
längeren Halbwertszeit der Substanz, schwerer und langwieriger als der
reine Heroinentzug [53]
[54].
In der Literatur wird das Auftreten des neonatalen
Abstinenzsyndroms mit 20-90 % angegeben, bei einem
Mittelwert von ca. 70 %. Tab. 1
gibt eine Übersicht über die häufigsten Symptome des NAS
[55]. Die zentralnervösen Störungen
(außer Krampfanfälle) stehen mit 75-100 % an der
Spitze der Häufigkeitsverteilung. Die Angaben zur Häufigkeit
zerebraler Krampfanfälle sind, wie aus Tab. 2
ersichtlich, sehr unterschiedlich; es werden zwischen 3 und 65 %
entzugsbedingter Anfälle beschrieben.
Tab. 1 Häufigkeit der
einzelnen Entzugssymptome bei 138 Neugeborenen mit NAS (nach Finnegan &
Kandall [55])
Symptom | rel.
Häufigkeit |
Tremor | 96 % |
schrilles Schreien | 95 % |
Schnupfen | 83 % |
erhöhter Muskeltonus | 82 % |
Erbrechen | 74 % |
Atemfrequenz > 60/min | 66 % |
Fütterstörung | 65 % |
hyperaktiver Mororeflex | 62 % |
anhaltendes schrilles Schreien | 54 % |
dünner Stuhl | 51 % |
Schwitzen | 49 % |
Fieber < 38,2
°C | 29 % |
wässriger Stuhl | 12 % |
Fieber > 38,2
°C | 3 % |
generalisierte Krampfanfälle | 1 % |
Dehydratation | 1 % |
Wachstum/Reife
Einen Überblick über die Parameter Geburtsgewicht und
Gestation bietet Tab. 2.
Tab. 2 Häufigkeit
postpartaler Komplikationen bei Kindern von Opiatabhängigen
| Jahr | Ref. | N | NAS | Krampfanfälle | Frühgeb. vor 34. SSW | Geb.-Gew. < 2 500 g | „small for date” | perinat.
Komplikationen |
Stimmel & Adamsons, New York | 1976 |
[53]
| | | | | | | |
Methadon
| | | 31 | 58 % | | | 23 % | | 16 % |
Heroin
| | | 57 | 51 % | | | 26 % | | 40 % |
Sardemann et al., Kopenhagen | 1976 |
[61]
| 19 | 84 % | | 25 % | 37 % | | |
Olofsson et al., Kopenhagen | 1983 |
[10]
| 89 | 85 % | 12 % | | | | |
Lifschitz, Houston Methadon
| 1985 |
[59]
| 26 | 88 % | | | | | |
Heroin
| | | 25 | 68 % | | | | | |
Klenka, GB | 1986 |
[94]
| 25 | 76 % | | | | 32 % | |
van
Baar, Amsterdam | 1989 |
[95]
| 35 | 94 % | 3 % | 26 % | | 12 % | |
Little et al., Dallas | 1991 |
[8]
| 47 | 43 % | | | | | |
Vering, Seeger et al., Frankfurt/M. | 1992 |
[49]
| 20 | 95 %
| 65 % | 20 % | 45 % | 15 % | |
Bode et al., Basel
| 1992 |
[48]
| 21 | 95 % | 29 % | 29 % | | 38 % | |
Schneider et al., Wien | 1996 |
[77]
| 17 | 87 % | | 18 % | 30 % | | |
Agarwal et al., Singapur | 1999 |
[51]
| 38 | 47 % | 2,6 % | 5,3 % | | 42 % | |
Kelly et al., Melbourne | 2000 |
[38]
| 96 | 30 % | | | | | |
Übereinstimmend kann festgestellt werden, dass das mittlere
Geburtsgewicht niedriger ausfällt. Der Anteil der Neugeborenen mit
niedrigem Geburtsgewicht liegt ungefähr zwischen 20 und
40 %. Ebenso erhöht ist der
„Small-for-date”-Anteil.
Nach Abklingen der Entzugserscheinungen scheinen sich die
Neugeborenen weitgehend normal zu entwickeln. Trotzdem wirkt das gestörte
Verhalten auf die Mutter-Kind-Interaktion ein und stellt potenziell einen
prädisponierenden Faktor für spätere Psychopathologie dar
[56].
Eine Gesamtübersicht der Literatur zu
Längsschnittuntersuchungen von Kindern drogenabhängiger Mütter,
überwiegend aus den USA und Skandinavien, findet sich in Tab.
3. Die Forscher kommen zu unterschiedlichen
Schlüssen. Manche Autoren [57] konnten bei ihrer
Untersuchung von Kindern bis zu zwei Jahren keine signifikanten
Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungen feststellen und berichteten
von einer weitgehenden Normalisierung der anfangs gefundenen
Auffälligkeiten [58]. Lifschitz et al.
[59] hingegen konnten keine Normalisierung feststellen.
In ihrem Kollektiv von Kindern bis zu 4 Jahren blieben die intellektuellen
Leistungen signifikant unter den Werten der Kontrollgruppe. Diese Ergebnisse
bestätigte auch van Baar [33], die insbesondere
eine verzögerte Sprachentwicklung beschreibt.
Weitgehend Übereinstimmung herrscht bei den Forschern
darüber, dass die Familiensituation, in der das Kind aufwächst, mehr
Aussagekraft über die weitere Entwicklung des Kindes besitzt als das
Ausmaß des Opiatkonsums der Mutter während der Schwangerschaft
[59].
Tab. 3 Literaturübersicht
zur Entwicklung von Kindern opiatabhängiger
Mütter
Untersuchung | Jahr | Drogen | N | Alter | Motorik | Intelligenz | Psychopathologie |
Fanshel | 1975 [96]
| verschiedene | 44 | | k. A. | Differenz | Leistungs- und Verhaltensprobleme in der
Schule |
Sardemann
et al., Kopenhagen | 1976
[61]
| Heroin/Methad. | 19 | bis
2,8 |
Auf-fälligkt. | durchschnittl.,
aber Sprachentwicklungs-verzögerungen | k. A. |
Wilson et al., Houston | 1979 [62]
| Heroin/Methad. | 22 | 3-6 4,5 | k. A. | ges. IQ,
Sprache ↓ Wahrnehmung ↓, | Impulsivität, Aggressivität, Störungen des
Sozialverhaltens |
Strauss et al. | 1979
[97]
| Methadon | 33 | 5 | feinmotor. Koordina-tion ↓ | Differenz | hypermotorisches Verhalten „ungesteuerte
Aktivität” |
Sowder & Burt | 1980 [40]
| Heroin/Methad. | 34 | 3 -
7 | 42 %
neurolog./motor. auffällig | ges. IQ ↓ | ängstlicher, unsicherer, kürzere
Aufmerksamkeitsspanne |
| | | | 8-17 | k.
A. | k. A. | Schulschwänzen, Leistungs-/Verhaltensprobleme, Delinquenz,
Substanzmissbrauch |
Olofsson et al., Kopenhagen | 1983 [10]
| Methadon | 72 | 1-10 3,5 | 21 % psychom.
Entwicklungs-störungen | k.
A. | in 56 %
Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, Aggressivität,
fehlende soziale Hemmungen |
Kaltenbach & Finnegan | 1984 [57]
| Methadon | 35 | 4 | Differenz | Differenz | k.
A. |
Lifschitz et
al., Houston | 1985
[59]
| Heroin/Methad. | 30 | 3 | Differenz | Differenz | k.
A. |
Bauman &
Levine | 1986 [98]
| Methadon | 70 | 3-6 | schlechtere Werte | ges. IQ ↓, expressive Sprache ↓ | k. A. |
Groeneweg et al., Rotterdam | 1988 [7]
| Heroin/Methad. | 66 | 2-7 |
Auf-fälligkt. |
(durchschnittlich) |
CBCL: bei den 6- bis 7-Jährigen sig. ↓ Soc.
Competence und sig. ↑ Gesamtscore |
van Baar, Amsterdam | 1990 [63]
| Heroin/Methad. | 35 | 2¿ |
Auf-fälligkt. | nonverbal
unauff. Sprachentwicklungs-verzögerung |
Auffälligkeit |
| 1991
[33]
| Heroin/Methad. | 25 | 4¿ |
Auf-fälligkt. | ges. IQ
↓ | Aufmerksamkeitsstörungen, unkooperat.,
CBCL: sig. ↑ Gesamtscore, sig. ↑
Aggression |
de
Cubas & Field, Miami | 1993
[65]
| Methadon | 20 | 6-13 8,5 | Differenz | Differenz |
CBCL: sig. ↑ Gesamtscore, sowie
fast alle Subscores ↑ (int./ext.), ↑ Aufmerksamkeits- und
Schulschwierigkeiten |
Griffith et al., Chicago | 1994 [66]
| „Polydrug-user” | 75 | 3 | k. A., geringerer
Kopfumfang |
Differenzen |
CBCL: sig. ↑ external. Score, ↑ Aggression,
↑ Destruktivität |
Wilens et al., Boston | 1995 [67]
| Methadon | 44 | 4-18 10,4 | k. A. | k.
A. |
CBCL:
sig. ↓ Soc. Competence und sig. ↑ Gesamtscore, v. a.
Delinquenz ↑, Aufmerksamkeitsprobl.
↑ |
Merikangas
et al., New Haven | 1998
[71]
| „Polydrug-user” inkl.
Alkohol | 77 | 7-17 12,5 | k. A. | k. A. |
K-SADS: 20 %
Alkoholmissbr./-abhängigkt., 25 % Nikotinabusus,
10 % Drogenabusus |
Koren et al., Toronto | 1998 [64]
| Kokain, adoptiert | 23 | 2,8 | Diff.
geringerer Kopfumfang | ges. IQ
Differenz, Verbal-IQ ↓
| k.
A. |
Chasnoff et
al., Chicago | 1998
[68]
| Kokain +
„Polydrug-user” | 64 | 4-6 | k.
A. | sig.
Differenzen |
CBCL: sig. ↑ Gesamtscore, sowie fast alle Subscores
↑ (ext. > int.) |
Nurco et al., Baltimore | 1999 [72]
| „Polydrug-user” in
Substitution | 285 | 12-17 14,4 | k. A. | k. A. | 64 % mit 11 Jahren bereits erste Delikte,
21 % Drogenabusus, ↑
Feindseligkeit |
Vorschulalter und Schulalter (3-16 Jahre)
Auch hier kommen Forscher zu unterschiedlichen, aber in der
Tendenz konvergierenden Ergebnissen. In einer Untersuchung von van Baar et al.
[60] über Kinder bis zum Alter von 5,5 Jahren
ließen sich bei der motorischen Entwicklung keine Unterschiede zur
Kontrollgruppe feststellen. Sehr wohl konnten jedoch vermehrt
Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden, wie z. B. gesteigerte
Aggressivität, depressive Verstimmungen und Probleme beim Umgang mit
Gleichaltrigen und Erwachsenen. Ebenso gab es deutliche Defizite im kognitiven
Bereich, vor allem bei der Sprachentwicklung. Mehrheitlich fanden die
Untersuchungen keine Differenzen im Gesamt-IQ, jedoch zeigen mehrere Studien
[61 64], dass die Kinder drogenabhängiger
Mütter signifikant schlechtere Verbal-IQs aufwiesen als die jeweiligen
Kontrollgruppen. Milieubedingte Gruppenunterschiede kann dabei allerdings nur
die letztgenannte Studie von Koren et al. [64]
weitgehend ausschließen, da die untersuchten Kinder nach der Geburt von
Mittelschichtfamilien adoptiert worden waren.
Zur Einschätzung der Psychopathologie wurde in einem
großen Teil der Follow-up-Untersuchungen [7]
[33]
[65 68] die Child
Behavior Checklist (CBCL) von Achenbach [69]
eingesetzt, ein weit verbreiteter standardisierter Elternfragebogen zu
Verhaltens- und emotionalen Auffälligkeiten und somatischen Beschwerden
von Kindern und Jugendlichen, der mittlerweile in mehr als 50 Sprachen
übersetzt ist. Aus den Items werden u. a. zwei übergeordnete Skalen
„internalisierende” und „externalisierende”
Auffälligkeiten generiert. Wie Sie Tab. 3 entnehmen
können, werden die Kinder drogenabhängiger Mütter in allen mit
der CBCL durchgeführten Untersuchungen mit einem erhöhten Gesamtwert
als auffällig eingeschätzt [7]
[33]
[65 68]; die einzelnen
Problemskalen zeigen übereinstimmend erhöhte Aggressivität,
Aufmerksamkeitsprobleme, Delinquenz bei erniedrigter sozialer Kompetenz.
Das Vorkommen gesteigerter Aggressivität konnte mehrfach
bestätigt werden. Nur in einer Untersuchung [70]
wurde bisher ein Interviewverfahren (K-SADS) eingesetzt: 65 % von
40 Kindern drogenabhängiger Mütter im Grundschulalter zeigten
erhebliche Schwierigkeiten, den Schulanforderungen nachzukommen. Zu den
Problemen gehörten Unaufmerksamkeit, schlechte Selbstdisziplin und Mangel
an Beteiligung im Unterricht. Anpassungsschwierigkeiten in der Schule
bestätigten auch Sowder und Burt [40]. Ihnen fiel
unter den 8- bis 18-Jährigen eine erhöhte Neigung zum
Schulschwänzen und zu schulischem Fehlverhalten auf, außerdem wurden
die Kinder als aggressiver eingestuft, mit einer erhöhten Rate für
Delinquenz.
Zusätzlich zur erhöhten Delinquenz wurden in neueren
Untersuchungen [71]
[72]
auffällig hohe Raten von Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit
(20 %), Nikotinabusus und Drogenabusus gefunden.
64 % der Nachuntersuchten hatten mit 11 Jahren bereits erste
Delikte begangen, 21 % betrieben bereits Drogenabusus
[72].
Fremdunterbringung als Ausweg?
In Anbetracht dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, ob ein
Verbleib des Kindes bei der Mutter überhaupt sinnvoll ist. Während
bis zum Alter von einem Jahr 50-90 %, im Durchschnitt
73 %, der Kinder bei der Mutter aufwachsen, sind es nach dem
ersten Lebensjahr nur noch 25-64 %. Aus eigenen
Untersuchungen [44] geht hervor, dass von 101
Neugeborenen der Universitätsklinik Frankfurt 71 % zu ihren
Müttern entlassen wurden, 15 % kamen zu Pflegeeltern,
7 % zu Adoptiveltern und weitere 7 % in ein
Kinderheim. In einer dänischen Nachuntersuchung lebten nur noch
54 % der Kinder zwischen 1 und 10 Jahren bei ihrer
drogenabhängigen Mutter. Sie wechselten durchschnittlich sechsmal das
Milieu und fünfmal die Bezugsperson. Nur 25 % der Kinder
konnten als unauffällig eingestuft werden, 56 % waren
hyperaktiv, aggressiv und unkonzentriert [10]. Dieser
hohe Prozentsatz ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf den häufigen
Wechsel der Bezugsperson zurückzuführen. Diese Beobachtungen werden
von zwei Studien aus den Niederlanden bestätigt [7]
[73], die schlechtere
Entwicklungschancen für Kinder in Pflegefamilien als für Kinder mit
Verbleib bei der Mutter verzeichneten. Ornoy et al. [74] fanden in ihrer Studie hingegen keine Unterschiede
zwischen Kontrollgruppe und Pflegekindern, während die Kinder, die bei
ihren opiatabhängigen Müttern aufwuchsen,
Entwicklungsverzögerungen und vermehrt Verhaltensauffälligkeiten
zeigten.
Aus eigenen Erfahrungen [44] ist
hinzuzufügen, dass immer mehr Kinder mit HIV-Antikörpern geboren
werden. Obwohl bis zum Alter von ungefähr einem Jahr noch nicht eindeutig
festgestellt werden kann, ob diese Antikörper von der Mutter stammen oder
ob das Neugeborene selbst HIV-positiv ist, sind diese Kinder kaum in eine
Adoption zu vermitteln. Für die Hepatitis-Serologie gilt
Ähnliches.
Therapeutische Ansätze
Seit 1999 sieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung
[75] in den Richtlinien über die Einführung
neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB-Richtlinien) eine Indikation
zur Substitutionsbehandlung bei i. v. Heroinabhängigen in der
Schwangerschaft und bis sechs Monate nach der Geburt vor. Dies stellte einen
längst überfälligen Schritt dar, da durch die lange
Halbwertszeit des Methadons die für den Fetus gefährlichen starken
Schwankungen des Opiatspiegels vermieden werden können. Außerdem
zeigte sich in unserer Untersuchung an der Frankfurter Universitätsklinik
[76] deutlich, dass die methadonsubstituierten
Mütter in stabileren sozioökonomischen Verhältnissen lebten als
nicht substituierte Frauen und sich signifikant besser um ihre Kinder
kümmerten: 81,3 % der substituierten Frauen besuchten ihre
Kinder regelmäßig in der Neonatologie, das Zuwendungsverhalten war
bei 90,9 % angemessen. Allerdings hatten, wie bereits aus
früheren Untersuchungen bekannt [53]
[54], die Neugeborenen unter Methadon einen erheblich
schwereren Entzug mit häufigeren Krampfanfällen.
Eine Alternative bietet möglicherweise die Substitution mit
Buprenorphin (in Deutschland: Temgesic®), wie sie von einer
Arbeitsgruppe der Universitätsklinik in Wien bereits seit einigen Jahren
angewandt wird [77; Ortner et al. in diesem Heft]; in einer aktuellen
Publikation [78] beschreiben die Autoren Befunde von 15
Schwangeren und Neugeborenen unter Substitution mit 1-10 mg
Buprenorphin/Tag mit guter Verträglichkeit und milden bis
mäßigen Entzugssymptomen des Neugeborenen.
Schwangere Opiatabhängige benötigen ab dem
frühestmöglichen Zeitpunkt eine umfassende interdisziplinäre
Betreuung. Ab 1987 wurde beispielsweise am Maudsley Hospital London ein
spezieller Liaison-Service eingerichtet [47]. Das erste
deutsche Projekt „IGLU” für drogenabhängige Mütter
und ihre Kinder begann 1989 in Hamburg und wurde durch den Trägerverein
„Palette e. V.” initiiert mit dem Schwerpunkt Beratung und
stützende soziale Hilfen [79].
Evaluationen psychosozialer Betreuungsprogramme für
drogenabhängige Eltern und deren Kinder in Form aufsuchender
Interventionen zu Hause [80]
[81] oder stationärer Familienprogramme
[82] i. S. von Kompetenztraining konnten positive
Effekte auf die Erziehungskompetenz der drogenabhängigen Eltern
nachweisen.
Der 104. Deutsche Ärztetag forderte im Mai 2001 in einer
Entschließung ein Case-Management für Kinder von
Drogenabhängigen und deren Eltern. Hierzu wurde gefordert, „dass
Suchtmediziner, Hausärzte, Gynäkologen, Pädiater und Kinder- und
Jugendpsychiater entsprechende Kooperationsvereinbarungen mit ihren
Jugendämtern treffen” ... „Die anderweitige
‚Fremdunterbringung‘ dieser Kinder kann so vielfach verhindert
werden” [83].