Vorgetäuschte Störungen
Manchmal werden Symptome von Personen bewusst vorgetäuscht oder
hervorgerufen, um offensichtliche Ziele zu erreichen (z. B. sicherer
Aufenthalt, Frührente), dabei spricht man von Simulation. Resnick (1988,
S. 85) unterscheidet die reine Simulation, bei der eine Störung, die bei
der Person noch nie exisitiert hat, absichtlich vorgetäuscht wird; die
teilweise Simulation, bei der existierende leichte Beschwerden bewusst
übertrieben werden oder früher vorhandene Beschwerden, die
abgeklungen sind, als präsent angegeben werden; und die falsche
Zuschreibung, bei der tatsächlich bestehende Symptome als Folge eines
bestimmten Ereignisses beschrieben werden, obwohl bekannt ist, dass sie anders
verursacht wurden (z. B. wenn Schmerzen als Folge eines Unfalls
beschrieben werden, obwohl sie schon zuvor bestanden).[2]
Es gibt auch Menschen, die körperliche oder psychische
Erkrankungen absichtlich hervorrufen oder vortäuschen, ohne dass eine von
außen ersichtliche Motivation oder die Möglichkeit eines
offensichtlichen Nutzens vorliegt. Der sekundäre Gewinn der
vorgetäuschten Symptomatik ist hier ein rein psychischer, z. B.
Erhalten von Mitgefühl und Aufmerksamkeit. Beim Vortäuschen von
Erkrankungen zur Befriedigung psychischer Bedürfnisse spricht man von
einer Artifiziellen Störung (DSM-IV: 300.16 und 300.19; ICD-10: F68.1).
Hier sind sich die Patienten zwar bewusst, dass sie die Symptome absichtlich
vortäuschen, wissen aber nicht, warum sie dies tun. Oft bestehen
jahrelange Krankheitsgeschichten mit unterschiedlichsten Diagnosen,
wiederholten Klinikaufenthalten, invasiven Eingriffen etc. Szoke & Boillet
(1999) berichten den Fall eines 46-jährigen Mannes mit vorgetäuschter
depressiver Trauerreaktion, der sich seit seinem 26. Lebensjahr wegen
unterschiedlichster angeblicher Erkrankungen 32-mal in stationärer
Behandlung befunden hatte.[3] Neben den artifiziellen
Störungen werden oft zusätzlich Persönlichkeitsstörungen
und/oder Beziehungsstörungen beobachtet.
Für Menschen, die eine Erkrankung vortäuschen, ist es
schwierig, die Vortäuschung über einen längeren Zeitraum
aufrecht zu erhalten, ohne sich in grobe Widersprüche zu verstricken. Es
ist anzunehmen, dass Personen, die psychische Störungen fingieren, in
geringem Umfang dazu bereit sind, eine längere Psychotherapie in Anspruch
zu nehmen, da dies das Risiko, entlarvt zu werden, erhöht. So werden in
der Literatur mehrere Fälle berichtet, in denen Personen, die
zunächst eine PTBS vortäuschten, im Rahmen der Therapie zugaben, nie
das angebliche traumatische Ereignis erlitten zu haben (gleichwohl werden
manchmal andere bisher nicht benannte, weiter zurückliegende traumatische
Erfahrungen deutlich; Sparr & Pankratz, 1983; Lacoursiere, 1993)
[4]
[5].
Szoke & Boillet (1999) schlagen folgende Richtlinien für
die Diagnose artifizieller psychischer Störungen vor:
-
Die vorgetäuschte Symptomatik ist schwer und verhindert,
dass längerfristige Arbeitsverhältnisse, Familien- und
Freundesbeziehungen aufrecht erhalten werden können. Der Beginn der
Störung liegt meist im frühen Erwachsenenalter, meist mit chronischem
Verlauf.
-
Die vorgetäuschten Symptome sind dramatisch und tauchen in
ungewöhnlicher Art, Kombination und Vielzahl auf. Einzelne Symptome
können verschiedenen schweren psychiatrischen Störungen und nicht nur
einem Krankheitsbild zugeordnet werden. Die Beschwerden sind labil und wechseln
stark (häufig dann, wenn die Person sich beobachtet fühlt). Die
Veränderung der Symptomatik kann durch die Behandlung nicht erklärt
oder beeinflusst werden. Häufig bestehen neben der vorgetäuschten
psychischen Störung vorgetäuschte körperliche Symptome oder
Trauerreaktionen (angeblicher Tod von Angehörigen).
-
Angaben zur Biographie und Krankengeschichte sind schwer zu
erhalten, weil der Patient seine Beschwerden im Zusammenhang mit dramatischen
Lebensgeschichten berichtet, dabei bleiben wesentliche Details oft vage,
manchmal werden zur Erklärung ungewöhnliche
Gedächtnisstörungen beschrieben. Der Patient versucht zu verhindern,
dass aktuell behandelnde Ärzte oder Psychotherapeuten Kontakt mit
früheren Behandlern oder mit Familienmitgliedern aufnehmen. Es bestehen
kaum soziale Kontakte.
-
Externe Belege für die Störung fehlen oder das
Ausmaß der berichteten Beschwerden steht in keinem Verhältnis
dazu.
-
Die Kriterien einer Antisozialen
Persönlichkeitsstörung sind erfüllt, [3].
Rogers (1988, S. 251, S. 261ff) [6] nennt
zusätzlich folgende Hinweise für das Vortäuschen einer
psychischen Störung:
-
Der Diagnostiker erhält meist nur vage und unspezifische
Antworten, wenn er die Art, Intensität und Häufigkeit der angeblichen
Beschwerden präzisieren möchte.
-
Manche Symptome werden ungewöhnlich spezifisch beschrieben
(z. B. untypische Genauigkeit bei Häufigkeit und Dauer von
Beschwerden).
-
Die Symptomatik entwickelt sich sprunghaft oder heilt abrupt
wieder ab. Eine graduierte Veränderung der Symptomatik wird nicht
beobachtet. Das rasche Auftauchen und Verschwinden von Symptomen entspricht
dabei nicht den klinischen Erwartungen an den Verlauf der beschriebenen
Störung.
-
Es gibt Unterschiede zwischen beschriebener und beobachteter
Symptomatik.
-
Es überwiegt die Darstellung einer Positiv-Symptomatik
(z. B. Halluzinationen, wahnhafte Gedanken), nur wenige Negativ-Symptome
(z. B. Antriebsverlust) werden benannt.
-
Es werden wenig subtile Symptome beschrieben.
-
In mehreren Untersuchungen werden Beschwerden
widersprüchlich und inkonsistent beschrieben (Art, Intensität,
Häufigkeit etc.).
Erkennen einer vorgetäuschten PTBS
Es ist methodisch schwierig, Angaben zur Häufigkeit des
Vortäuschens von psychischen Störungen zu machen. Schätzungen
zur Häufigkeit des Vortäuschens von PTBS beziehen sich meist auf
Vietnam-Veteranen, Lacoursiere (1993) nennt dabei etwa 6 %. In
unserer Arbeit im Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (BZFO) sind
uns ebenfalls schon Fälle begegnet, bei denen sich die PTBS als
vorgetäuscht erwies. Sparr & Pankratz (1983) nehmen an, dass Personen,
die sich fälschlich als Vietnam-Veteranen ausgeben, eher allgemeine
niedergelassene Ärzte und Psychologen aufsuchen und spezialisierte
Einrichtungen meiden, da sie fürchten müssen, dort eher entlarvt zu
werden [4]
[5].
Mehrfach stellte sich eine PTBS als vorgetäuscht heraus, weil
nachgewiesen werden konnte, dass eine Person bei angeblichen traumatischen
Ereignissen gar nicht anwesend war (wobei keine anderen Traumata berichtet
wurden). So waren z. B. angebliche Vietnam-Veteranen gar nicht in
Vietnam gewesen [4]
[5].
Fingierte Fälle fielen auf, weil nicht nur Aussagen zu angeblichen
traumatischen Ereignissen in Kernbereichen grob inkonsistent waren, sondern
auch Angaben zur Lebensgeschichte starke Abweichungen aufwiesen (z. B.
unterschiedliche Anzahl von Geschwistern, Sparr & Pankratz, 1983). Nach
tatsächlich erlebten traumatischen Ereignissen sei die reine Simulation
von posttraumatischen Beschwerden selten, öfter komme es zur teilweisen
Simulation mit einer Übertreibung bestehender Symptome (Resnick, 1988, S.
87) [2].
Verschiedene Autoren empfehlen, Aussagen zu angeblich erlittenen
traumatischen Ereignissen durch externe Quellen zu überprüfen
(z. B. Militärakte) und eine PTBS-Diagnose solange als
vorläufig zu betrachten, bis diese das traumatische Ereignis
bestätigen (Sparr & Pankratz, 1983; Lacoursiere, 1993). Leider liegt
es in der Natur mancher traumatischer Ereignisse, dass sie nur schwer zu
beweisen sind. Etwa sind bei Gewalt innerhalb der Familie (z. B.
sexueller Missbrauch) oder bei Folter externe Belege selten, Geheimhaltung ist
hier Bestandteil des Verbrechens. Staaten geben Folter nicht freiwillig zu,
Folterer versuchen, keine eindeutigen Spuren zu hinterlassen (Graessner &
Wenk-Ansohn, 2000) [4]
[5]
[7]. In Terrorregimen geraten Ärzte, die Folter
attestieren, selbst in Gefahr.
Wenn keine externen Hinweise vorliegen, ist eine Methode zur
Beurteilung der Glaubhaftigkeit des Erlebens fraglicher Ereignisse die
kriteriumsorientierte Aussagenanalyse (Greuel et al, 1998; Birck, 2002).[8]
[9] Im BZFO erlauben uns unser
Behandlungsauftrag, unser Berufsverständnis und unsere begrenzten
Ressourcen nicht, die Aussagen unserer Patienten entsprechend der
kriteriumsorientierten Aussagenanalyse zu beurteilen. Wir überprüfen
aber, ob Kernaussagen konstant bleiben und ob externe Quellen Aussagen
bestätigen. Manchmal berichten uns unterschiedliche Patienten vom gleichen
traumatischen Ereignis (Zerstörung eines Dorfes, Inhaftierungen bei
Demonstrationen etc.) oder schildern das selbe Gefängnis mit den gleichen,
mitunter untypischen Details. Opfer von spezifischen Folterungen können
manchmal die dafür notwendigen Apparaturen und Vorgehensweisen schildern
(oft ist das wegen verbundener Augen, peritraumatischer Dissoziation und
posttraumatischer Vermeidung nicht möglich), dieses spezifische Wissen ist
ereignistypisch und nicht Allgemeingut und daher ein deutlicher Hinweis auf den
Erlebnisbezug.
Die Erkenntnis, dass eine PTBS vorgetäuscht werde, gelinge
häufiger durch die Entdeckung, dass die angeblichen traumatischen
Ereignisse von der Person gar nicht erlebt wurden, als durch das Erkennen, dass
die Symptome der Störung nicht echt seien. Wenn eine vorgetäuschte
PTBS anhand ihrer Symptome erkannt werde, liege das häufig am
ungewöhnlichen Charakter und Verlauf der einzelnen Symptome und ihrer
Beziehung zueinander (Szoke & Boillet, 1999) [3].
Bei den in der Literatur geschilderten Fällen von vorgetäuschter PTBS
bei angeblichen Vietnam-Veteranen fällt auf, dass die Personen, die sich
als traumatisiert präsentierten, oft zusätzlich eine Reihe anderer,
oft körperlicher Erkrankungen vortäuschten, für die auf
organischer Ebene keine Hinweise bestanden (z. B. Epilepsie, Diabetes;
Sparr & Pankratz, 1983; Lacoursiere, 1993), [4]
[5]. Zusätzlich zu den bereits beschriebenen
Indizien, die auf das Vortäuschen einer psychischen Störung
hinweisen, werden folgende spezifischen Merkmale genannt, in denen sich eine
vorgetäuschte von einer echten PTBS unterscheidet (Resnick, 1988)
[2]:
Typisch für fingierte Fälle von PTBS scheint, dass der
Symptomverlauf in keinem erkennbaren Zusammenhang zur Behandlung oder zu
äußeren Bedingungen steht, die Beschwerden sind stattdessen
unvorhersehbar wechselhaft und inkonsistent, ohne dass dies erklärt werden
könnte (Sparr & Pankratz, 1983) [4].
Umgekehrt ist eine Veränderung der Symptomatik, die dem erwarteten
Krankheitsverlauf entspricht, ein Hinweis auf das tatsächliche Vorliegen
der Erkrankung (bei PTBS z. B. eine Reaktivierung einzelner
Beschwerdenkomplexe oder der Gesamtsymptomatik durch äußere
Belastungen).
Vortäuschende Patienten haben häufig offensichtliche
Schwierigkeiten, in Untersuchungs- oder Behandlungssituationen zu kooperieren.
Die differenzierte Abklärung der Symptomatik ist aufgrund von
ausweichenden Antworten und Widersprüchen schwierig. Therapeutische
Maßnahmen oder empfohlene Medikamenteneinnahmen werden oft nicht befolgt.
Nach Resnick (1988, S. 91) vermeiden Menschen, die Beschwerden simulieren,
Untersuchungen und Behandlungen, sofern diese nicht Bedingung für das
Erreichen von Zielen sind. Wenn die offensichtlichen Ziele erreicht wurden,
bleiben Patienten weiteren Terminen meist fern. Allerdings gehört
mangelnde Kooperation manchmal auch zu einem tatsächlich vorhandenen
Störungsbild [2].
Einen weiteren Hinweis auf das Vortäuschen einer PTBS
können unterschiedliche Möglichkeiten des Patienten für
angenehme und unangenehme Aktivitäten geben. Dies kann der Fall sein, wenn
der Patient z. B. über Konzentrationsstörungen klagt, die
jedoch nur seine Arbeit, nicht aber Freizeitaktivitäten (z. B.
Karten spielen) beeinträchtigen, ohne dass dieser Unterschied erklärt
werden könnte. Auffällig ist, wenn der Patient über
generalisiertes Misstrauen und sozialen Rückzug klagt, sich aber seine
Familien- und Freundesbeziehungen seit dem Trauma unverändert und
unauffällig gestalten. Bei einer tatsächlich vorhandenen PTBS, vor
allem dann, wenn die Traumatisierung von Menschenhand ausging, werden
häufig Probleme in der Familie (z. B. mit Kindern, mit
Lebenspartnern) beschrieben oder beobachtet, dies ist bei vorgetäuschten
Störungen selten.
Tatsächliche PTBS-Patienten beschreiben das Erlittene meist mit
einer Vagheit und Ungenauigkeit für einzelne Aspekte des Traumas und mit
einer übergroßer Detailliertheit für andere Aspekte.
Erinnerungslücken einerseits und einzelne unzusammenhängende,
nebensächliche oder bizarre und überdeutliche Details andererseits
sind typisch. Dagegen schildern Menschen, die eine PTBS nur vortäuschen,
die traumatischen Ereignisse oft mit gleichmäßigem Detailreichtum
oder gleichförmig verschwommen und ohne Lücken (Resnick, 1988, S.
91). Für echte Traumatisierungen ist zudem ein beobachtbarer Bruch der
Lebensgeschichte zwischen dem Leben vor dem Trauma und der Zeit danach
charakteristisch [10].
Echte PTBS-Patienten tendierten häufig dazu, das traumatische
Ereignis oder ihre Beschwerden herunterzuspielen, z. B. indem sie sagen,
dass andere noch Schlimmeres erlebt haben, dass sie einzelne besonders schlimme
Ereignisse (z. B. Vergewaltigung) nicht erlitten haben und daher relativ
heil geblieben seien (Resnick, 1988, S. 101f) [2].
Tatsächliche Trauma-Überlebende haben manchmal Schwierigkeiten zu
erkennen, dass ihre aktuellen Beschwerden auf die traumatischen Ereignisse
zurückzuführen sind. Sie nennen mitunter andere Ursachen, um ihre
Symptome zu erklären (etwa aktuelle Belastungen), diese Ursachen
können in den Augen des Diagnostikers die bestehende Symptomatik jedoch
nicht vollständig erklären. Sie versuchen manchmal, ihre Symptome vor
anderen Menschen zu verbergen, weil sie sich schämen. Eine beobachtbare
Beschämung darüber, in der traumatischen Situation zum hilflosen
Opfer geworden zu sein und darüber, weiterhin an psychischen Beschwerden
zu leiden, ist bei Personen, die eine PTBS vortäuschen, nicht zu erwarten.
Die Bagatellisierung des Zusammenhangs zwischen dem traumatischen Ereignis und
der Symptomatik einerseits und der Stärke der Beschwerden andererseits ist
für tatsächliche Trauma-Überlebende oft intrapsychisch
notwendig, um ein einigermaßen positives Bild von sich selbst und der
Welt aufrecht zu erhalten und damit das Ausmaß der Zerstörung zu
minimieren. Dagegen versuchen Simulanten in der Regel, die traumatischen
Ereignisse besonders zu betonen, indem sie die eigene
„Zerstörung” in den Vordergrund rücken. Sie versuchen
damit, den Kliniker davon zu überzeugen, wie traumatisierend das
beschriebene Ereignis war. Gleichzeitig beschreiben Simulanten häufig ein
idealisiertes Funktionsniveau vor dem angeblichen traumatischen Ereignis und
führen alle ihre Probleme auf das angebliche Trauma zurück.
Widersprüche bei Angaben zu Beschwerden und angeblichen
traumatischen Ereignissen tauchen bei Personen, die eine PTBS vortäuschen,
gehäuft auf (Resnick, 1988, S. 97) [2]. Dabei
müsse der Diagnostiker zwischen Gedächtnisstörungen und
Erinnerungsschwierigkeiten, die aufgrund einer Traumatisierung zu erwarten
sind, und vorgetäuschten Erinnerungsproblemen unterscheiden. Brandt (1988)
gibt dazu folgende Hinweise: Personen, die einen dissoziativen
Gedächtnisverlust vortäuschen, können manche Anforderungen
(z. B. Tests) schlechter bewältigen als Personen, die
tatsächlich an Erinnerungsstörungen leiden. Bei der echten
dissoziativen Amnesie seien die Fähigkeiten, neutrales Faktenwissen zu
reproduzieren, früher erlernte Fertigkeiten auszuführen und neue
Informationen zu speichern, in der Regel nicht beeinträchtigt. Bei
Personen, die den Gedächtnisverlust simulieren, werden hier mitunter
Ausfälle in einem Ausmaß beobachtet, das selbst für Patienten
mit organischen Hirnschädigungen ungewöhnlich sei
[11].
Während Menschen, die eine PTBS vortäuschen, häufig
mit besonderer Vorliebe über die angeblichen traumatischen Ereignisse
sprechen und mit ihrer Schilderung offenbar nur wenig Schwierigkeiten haben,
fällt es tatsächlichen Trauma-Überlebenden oft schwer, das
Erlittene zu beschreiben. Echte PTBS-Patienten versuchen, die Erinnerung an das
traumatische Ereignis zu vermeiden und wollen deshalb oft nicht darüber
sprechen. Dieser Aspekt der Vermeidung kann bei Simulanten kaum beobachtet
werden (Resnick, 1988, S. 102) [2].
Menschen, die an PTBS leiden, versuchen Reize, die mit dem
ursprünglichen traumatischen Ereignis assoziiert sind, zu vermeiden. Die
Konfrontation mit Hinweisreizen ist für tatsächliche PTBS-Patienten
schmerzhaft und häufig von unwillkürlichen vegetativen Reaktionen
begleitet. Echte PTBS-Patienten fangen z. B. an zu schwitzen oder zu
zittern, wenn sie über das traumatische Ereignis sprechen oder daran
denken müssen. Sie berichten oft unangenehme körperliche Empfindungen
(Übelkeit, Druck auf der Brust), wenn sie mit Erinnerungen an das Trauma
konfrontiert werden, beim Darüber-Sprechen kann der Diagnostiker
gelegentlich beobachten, dass Nervosität und Schreckhaftigkeit sowie
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen zunehmen. PTBS-Patienten
wissen oft nicht, welche Reize sie gerade an das ursprüngliche Trauma
erinnert haben, manchmal wird der Auslöser erst nachträglich bewusst.
Z.B. reagierte eine Patientin verstört und mit plötzlichen
Intrusionen, als die Therapeutin das Schild „Bitte nicht
stören” vor das Behandlungszimmer legte. Erst später erinnerte
sich die Patientin daran, dass in dem Haus, in dem sie zur Prostitution
gezwungen wurde, ähnliche Schilder vor die Türen der Frauen gelegt
wurden, wenn Soldaten bei ihnen waren. Personen, die eine PTBS
vortäuschen, sind nicht in der Lage, vegetative Reaktionen, die das
unwillkürliche Wiedererleben begleiten, zu simulieren. Es ist ziemlich
schwer, eine erhöhte Schreckhaftigkeit auf einfache Umgebungsreize hin
vorzutäuschen. Wenn sich Personen einen hohen spezifischen Kenntnisstand
angeeignet haben, können sie PTBS-typische Symptome vielleicht genau
beschreiben, aber sich kaum entprechend verhalten. Simulanten können das
Vermeiden von spezifischen mit dem Trauma assoziierten Stimuli sowie die
unwillkürlichen Reaktionen (Übererregung, Intrusion, vegetative
Veränderungen), die darauf bei echten PTBS-Patienten folgen, kaum
vortäuschen.
Simulanten geben ungern unangenehme intime Beschwerden an, so sei es
recht unwahrscheinlich, dass sexuelle Dysfunktionen oder Alpträume
fingiert würden, wenn diese nicht als zentrale Bestandteile des
vorgetäuschten Störungsbildes bekannt seien (Resnick 1988, S. 96).
Wenn sich Personen über die PTBS informieren, werden sie erfahren, dass
Alpträume zu den typischen Symptomen der Störung gehören und
dann auch behaupten, darunter zu leiden, sie würden jedoch kaum von sich
aus Inhalte der angeblichen Alpträume ansprechen. Danach gefragt,
könnten sie konkrete Trauminhalte nur schlecht schildern oder berichteten
Träume mit unverändertem Inhalt: Angeblich tauche das traumatische
Ereignis in der selben Form, in der es erlebt worden war, unverändert und
gleichförmig Nacht für Nacht in Alpträumen auf (Resnick, 1988,
S. 96). Bei PTBS-Patienten dagegen beinhalten Alpträume zentrale Aspekte
des Traumas, manchmal werden einzelne Fragmente statisch und unverändert
in Träumen wiedererlebt, jedoch nicht das gesamte traumatische Geschehen
in seinem Ablauf. Es ist in der Regel so, dass verschiedene Aspekte des Traumas
in unterschiedlichen Alpträumen auftauchen und die Trauminhalte dadurch
variieren. Sehr selten werden traumatische Ereignisse genau so geträumt,
wie sie stattgefunden haben. Resnick (1988, S. 96) berichtet von einer Frau,
die vergewaltigt wurde: Sie träumte in einer Nacht, dass sie sich entsetzt
und hilflos fühlte und misshandelt wurde, ohne vergewaltigt zu werden. In
einer anderen Nacht tauchten Teile der Vergewaltigung auf, aber andere Elemente
der traumatischen Ereignisse fehlten. Bei PTBS-Patienten spielen Gefühle
von Ohnmacht, Entsetzen, Angst und Schuld eine zentrale Rolle in den
Alpträumen. Sie berichten oft spontan, aus den Träumen
schweißgebadet oder mit Herzklopfen zu erwachen und Angst vor dem
Einschlafen zu haben, weil sie fürchten, die Träume könnten
wiederkehren, oder Partner würden sagen, dass sie im Schlaf schrien.
Solche Angaben erfordern eigenes Erleben oder eine hohe spezifische
Fachkenntnis. Simulierte Alpträume beinhalten öfter Gefühle von
Wut und Ärger auf die angeblichen Täter oder Elemente, in denen die
eigene Macht und Furchtlosigkeit zum Ausdruck kommt (z. B. heldenhaftes
Verhalten, Resnick, 1988, S. 101) [2].
Menschen mit echter PTBS leiden oft an Schuldgefühlen, welche
die in der traumatischen Situation erlebte Ohnmacht abwehren. Manchmal wird ein
allgemeines Gefühl der Schuld dafür, überlebt zu haben,
beobachtet. Das Schuldgefühl resultiert dabei aus dem vermeintlichen
Versagen bei der Verhinderung der traumatischen Ereignisse (Janoff-Bulman,
1985, S. 28) [12]. Menschen mit echter PTBS
beschuldigen sich z. B., nicht genug unternommen zu haben, Vorzeichen
nicht richtig erkannt zu haben, sich nicht stark genug gewehrt zu haben etc.
Diese Selbstvorwürfe beziehen sich dabei auf konkrete Taten oder
Unterlassungen. Selbstanklagen dieser Art fehlen bei Menschen, die eine PTBS
nur vortäuschen, Simulanten drücken höchstens pauschale
Gefühle des Bedauerns (für den Krieg, die Toten etc.) oder auf
Nachfragen hin ein allgemein gehaltenes Gefühl von Schuld aus. Mit den
echten Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen von tatsächlichen
Trauma-Überlebenden hängen manchmal auch Äußerungen von
Wut zusammen, Menschen mit echter PTBS sind häufig wütend auf sich
selbst und auf die erlebte Erniedrigung und Hilflosigkeit. Solche Aussagen
fehlen bei Personen, die eine PTBS nur vortäuschen, sie beschreiben sich
öfter als Opfer der Umstände und beschuldigen ausschließlich
andere (Resnick, 1988, S. 101).
Resnick (1988, S. 94) empfiehlt, dem Patienten im
Anamnesegespräch zunächst keine Hinweise darüber zu geben,
welche Symptome für eine PTBS typisch sind und welche nicht. Allerdings
dürfe der Untersucher dem Patienten nicht mit deutlicher Skepsis begegnen,
dadurch wird eine Person, die tatsächlich an der PTBS leidet, in ihrem
Misstrauen gegenüber Menschen noch verstärkt. Wenn Menschen, die an
psychischen Störungen leiden, das Gefühl bekommen, dass der
Diagnostiker ihnen nicht glaube oder ihre Beschwerden nicht ernst nehme,
könne das dazu führen, dass wirklich vorhandene Symptome
übertrieben werden, um im tatsächlichen Leiden doch noch Gehör
zu finden. Der Diagnostiker sollte überprüfen, ob einzelne Symptome,
die im Rahmen einer PTBS vorhanden sein können, nicht schon vor dem
traumatischen Ereignis bestanden haben. Der Grad der Beeinträchtigung
durch die Symptomatik kann eingeschätzt werden, indem man sich vom
Patienten die üblichen Aktivitäten in einer ganz normalen Woche vor
und nach dem traumatischen Ereignis schildern lässt (Resnick, 1988, S.
94). Dabei ist eine mögliche Latenz der PTBS zu berücksichtigen
[2].
Um eine vorgetäuschte von einer echten psychischen Störung
zu unterscheiden, ist es hilfreich, Informationen über die Art der
Beschwerden in verschiedenen Kontexten und durch unterschiedliche Quellen zu
sammeln. Nach Bienenfeld (2001) führen vor allem längerfristige
direkte Beobachtungen über mehrere Untersuchungstermine hinweg dazu, dass
eine Vortäuschung von Symptomen entdeckt wird, da Personen fingierte
Angaben und Verhaltensweisen nicht über längere Zeiträume
aufrecht erhalten können, ohne sich in Widersprüche zu verstricken
[13]. Daher können wiederholte Untersuchungen
sehr hilfreich sein um festzustellen, ob ein Patient Störungen nur
vortäuscht.
Eine weitere Möglichkeit zur Absicherung der Diagnostik liegt
darin, unterschiedliche Daten miteinander zu kombinieren. So stützt sich
eine fundierte Diagnostik nicht nur auf Selbstbeschreibungen des Patienten,
sondern auch auf Beobachtungen des Diagnostikers in der Untersuchungssituation.
Wenn Symptome wie sozialer Rückzug, übersteigerte Schreckreaktionen,
Misstrauen und schwer zu simulierende vegetative Symptome auf bestimmte Reize
hin beobachtet werden können, spricht das für das tatsächliche
Vorliegen einer psychischen Störung. Zusätzliche Informationen
können standardisierte Instrumente und fremdanamnestische Angaben liefern.
Angehörige schildern manchmal Beziehungsprobleme, die sich direkt aus den
Verhaltensveränderungen des Patienten ergeben (z. B. aggressive
Durchbrüche).
Um weitere Hinweise über ein mögliches Vortäuschen
einer psychischen Störung zu erhalten, könne der Diagnostiker nach
Symptomen fragen, die normalerweise bei der Störung nicht auftreten
(z. B. reduziertes Schlafbedürfnis oder Rededrang bei PTBS). Wenn
der Patient solche ungewöhnlichen Symptome bejahe, könne das ein
weiterer Hinweis auf Simulation sein. Allerdings neigen auch neurotische
Patienten, die tatsächlich an Störungen neigen, dazu, diese
ungewöhnlichen Symptome zu bejahen (Resnick, 1988, S. 95)
[2].
Die Vortäuschung einer PTBS kann in regelmäßig
stattfindenden, längerfristigen Psychotherapien kaum aufrecht erhalten
werden, dies trifft umso mehr zu für Gruppenbehandlungen mit anderen
Menschen, die ähnliche traumatische Ereignisse erlebt haben. Resnick
(1988, S. 100) berichtet von vermeintlichen Vietnam-Veteranen, die in der Lage
waren, detaillierte Berichte von angeblichen Kriegserlebnissen zu schildern,
welche von Diagnostikern in Aufnahmeinterviews als glaubhaft beurteilt worden
waren. In der Gruppentherapie mit anderen Veteranen wurden die Simulanten von
den „echten” Veteranen jedoch in kürzester Zeit anhand von
fehlender Detailinformation über Örtlichkeiten, Ereignisse
u. a. erkannt [2].
Um unterscheiden zu können, ob es sich um eine echte oder um
eine vorgetäuschte PTBS handelt, benötigt der Diagnostiker
hinreichende klinische Erfahrung mit der zu beurteilenden Patientengruppe und
den zugrundeliegenden speziellen traumatischen Ereignissen. Ein ausreichendes
Sprachverständnis (ggf. professionelle Dolmetscher) muss
gewährleistet sein. Im Einzelfall kann die Diagnose auch dann nur durch
genaue Beobachtung und differenziertes Nachfragen in mehreren
Untersuchungsterminen (günstigenfalls an verschiedenen Tagen) festgestellt
werden.
Danksagung
Die Arbeit wurde finanziert von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.