Sehr geehrte Frau Ministerin, sehr verehrte Frau Senatorin, Herr Dr.
Imeyer,
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Die Wucht der traumatischen Ereignisse
vom 11. September hat die Welt verändert. Wie durch einen grellen Blitz
wurden die Schwachstellen unserer Zivilisation beleuchtet. Jetzt wissen wir
nicht nur, wie störanfällig unsere hochtechnisierte
Industriegesellschaft ist, sondern auch, wie verletzlich unser seelisches
Gleichgewicht und wie bedroht unser lebensnotwendiger Glaube an die
prinzipielle Gutartigkeit des Menschen und des Schicksals sind. Besonders
verunsichert sind unsere Kinder, die oft ungefiltert
alle Schreckensmeldungen aus den USA, Afghanistan und anderen Ländern in
sich aufnehmen müssen. Wie soll jetzt das Vertrauen in eine prinzipiell
berechenbare, gutartige Welt, die Hoffnung auf eine friedliche, alle
Anstrengungen lohnende Zukunft wieder aufgebaut werden?
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Wieder einmal ist es den Erwachsenen nicht gelungen, Kinder vor
seelischen Traumatisierungen zu schützen. Es gibt
ein altes afrikanisches Sprichwort, das heißt: „Wenn die Elefanten
streiten, werden die Blumen zertrampelt.”
Solche seelischen Verletzungen gibt es seit Menschengedenken
durch Krieg und Verfolgung, von den Kinderkreuzzügen bis zu den traurigen
Höhepunkten im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege,
ungezählte Bürgerkriege und den Holocaust, der auch ein
Massenverbrechen an Kindern war. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind
Kinder wieder die Hauptleidtragenden, die Waisen in New York, Washington und in
Afghanistan. Aus den Lebensgeschichten afghanischer Flüchtlingskinder, die
wir seit 10 Jahren in unserer Klinik in Hamburg behandeln, sind wir über
das Ausmaß des Leidens afghanischer Familien wohl informiert.
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Positiv zu vermerken ist, dass -
wie noch nie vorher - das seelische Leid der traumatisierten Kinder in
New York und Washington, aber auch in Afghanistan selbst und in den
Flüchtlingslagern z. B. in Pakistan, zur Sprache kommt. Diese
Kinder leiden nicht mehr stumm, sondern ihr Elend wird durch die Medien und
UNICEF weltweit bekannt. Dies bedeutet bei allem Elend die Chance, dass sich die Weltöffentlichkeit, besonders in
den reichen Industrieländern, verstärkt für die seelischen
Gefährdungen und Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen
sensibilisieren lässt.
Zunehmen sollte auch unsere Sensibilität gegenüber
Traumatisierungen, die nicht von
außen kommen, sondern innerhalb der Familie
stattfinden, zum Beispiel, wenn die elterliche Schutzperson erkrankt, stirbt
oder sogar selbst zum Aggressor wird, indem sie ihre Schutzbefohlenen
vernachlässigt, misshandelt oder sexuell
missbraucht. Aus unseren klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen wissen
wir von der Gefahr, dass Kinder, die Opfer waren,
später zu Tätern werden
- sei es als delinquente, destruktive Jugendliche oder als später
selbst misshandelnde Eltern, sei es als politische Terroristen, welche die
selbst erfahrenen sichtbaren und unsichtbaren Verletzungen weitergeben,
aufgeladen durch gesellschaftliche Ideologien, die ihnen
im Falle fundamentalistischer Glaubenssysteme jegliches Mitleid mit den
unschuldigen Opfern und entsprechende Schuldgefühle nehmen. Religiöse
Ideologien überwinden sogar die natürliche Todesangst durch das
Versprechen, sofort in den Himmel zu kommen. Solche Phänomene sind uns
auch aus der Geschichte des christlichen Abendlandes, z. B. vom Kampf
der Kreuzritter gegen die Heiden, der Heiligen Inquisiton etc. nur zu gut
bekannt.
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Wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich die
Fähigkeit zur Empathie, zum Mitleid, aber auch zur
Rücksichtslosigkeit, Unversöhnlichkeit,
Skrupellosigkeit und die Anfälligkeit für
Militarisierungsbereitschaft und destruktive Ideologien schon in der
Kindheit entwickeln, dann ist Kinderschutz nicht nur
eine karitative Aufgabe von freundlichen Frauen und psychosozialen Softies und
Gutmenschen, sondern wird zu einer zentralen politischen
und ökonomischen Aufgabe. Jugendliche Gewalt,
Drogenabhängigkeit, Anfälligkeit für militante religiöse
und politische Ideologien werden zu einem nur global zu lösenden Problem.
Der hohe und weiter steigende Gewaltpegel auch in
amerikanischen Großstädten hat einen Kollegen aus Los Angeles
veranlasst, ein Buch mit dem Titel: „War in the Cities” (Krieg in
den Städten) zu schreiben. Für Kinder kann das Leben unter solchen
Umständen, in Armut und Perspektivlosigkeit, im täglichen
Familienkrieg, zu hoher Gewaltbereitschaft führen, was sich Blitzableiter
sucht.
Auch wenn wir die Feinheiten der Biografien von Selbstmordattentätern und den sogenannten Sleepern noch
nicht genügend kennen, muss doch davon ausgegangen werden, dass diese
nicht vom Himmel fallen, sondern eine individuelle familiäre und soziale
Vorgeschichte haben, die sie verführbar macht
für mörderische und selbstmörderische Ideologien. Diese
Biografie muss geprägt sein von hohem destruktivem
Potential, sonst wäre eine so rücksichtslose, zielgerichtete
mörderische Planung nicht möglich. Wer eine wirklich gute Kindheit
hatte, ist immun gegen die Verführung zum ideologisch motivierten
Selbstmordattentat.
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So schließt sich, aufgerüttelt durch den 11.
September, der Kreis der Argumentation:
Kinderschutz ist nicht nur eine
humanitäre Pflicht und Vorbeugung von seelischem Leid, sondern auch
Prävention von Kriminalität, Drogenmissbrauch,
politischem und religiösen Terrorismus und damit auch Schutz von Wohlstand
und Demokratie. Trauma-Prävention ist Terror-Prävention, Kinderschutz wird zu einer zentralen
Voraussetzung für die Sicherung von Demokratie und ökonomischer
Nachhaltigkeit. Der Kinderschutz bei uns wird so zu einem regionalen
Standortfaktor, in globaler Perspektive zur Basis für eine friedliche
Zukunft ohne Angst vor dem Damoklesschwert von Terrorismus und Krieg.
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Was bedeutet dies für unser Handeln?
Wir müssen, statt gelähmt zu resignieren und in
hilfloser Angst vor der terroristischen Bedrohung zu verharren, uns gemeinsam
engagieren, damit die Lebensbedingungen für Kinder
und Jugendliche weltweit rasch und konsequent verbessert werden. Nur dadurch
wird den terroristischen Rattenfängern der Nährboden für die
Rekrutierung von Nachwuchs jetzt und in der nächsten Generation entzogen.
Dazu ist im Zeitalter der Globalisierung des Terrors und der Angst eine
gewaltige globale Anstrengung erforderlich. Wir
können hier bei uns damit beginnen, dass wir explizit als
Ziel proklamieren, dass Deutschland, das im 20.
Jahrhundert durch den Nazismus zum kinderfeindlichsten Land der Welt geworden
war, jetzt im 21. Jahrhundert das kinderfreundlichste
Land der Welt werden soll, nach innen und nach außen. Eine solche
Proklamation wäre ein bedeutendes positives Signal im In- und Ausland und
hätte viele erfreuliche Folgen; es würde z. B. bedeuten, dass
wir bei drohendem Zerfall sozialer Netze Eltern zum frühest möglichen
Zeitpunkt helfen, gute Eltern zu sein und liebevoll
gelingende Beziehungen zu ihren Kindern aufzunehmen, damit diese
Urvertrauen und Optimismus entwickeln als Puffer gegen
die unvermeidlichen Krisen und Gefahren des späteren Lebens, übrigens
auch als Panikprophylaxe. Besonders bei Risikokonstellationen gilt es, die empathische Kompetenz der
Eltern systematisch zu unterstützen und, wenn diese gefährdet oder
schon beschädigt ist, beim Wiederaufbau zu helfen, z. B. schon bei
Risikoschwangerschaften, Frühgeburtlichkeit, bei sogenannten Schreibabys,
chronischer Krankheit oder Behinderung, bei Vernachlässigungs- und
Misshandlungsgefahr infolge völliger Überlastung der oft jungen,
unerfahrenen Eltern.
Das Verbot demütigender körperlicher
Bestrafung von Kindern ist ein historisch überfälliger,
richtiger Schritt in die richtige Richtung; Ihnen, Frau Ministerin Bergmann und
Frau Senatorin Peschl-Gutzeit, gebührt dafür unser Dank, zumal er
auch zu der richtigen Konsequenz führt, die Angebote qualifizierter
Erziehungsberatung, d. h. besser gesagt:
„Beziehungsberatung”, für hilflose Eltern von hilflosen
Kindern auszubauen.
Ein Deutschland als kinderfreundlichstes Land
der Welt würde aber auch Schrittmacher sein
für einen globalen Marshallplan für die Kinder Osteuropas und der
Dritten Welt mit dem Ziel eines konsequenten Abbaus der skandalösen
Diskrepanz zwischen den materiellen Lebensbedingungen in den reichen
Industrieländern und der Verelendung von hunderten Millionen Kindern in
Osteuropa und in der Dritten Welt. Die Gleichgültigkeit in den reichen
Ländern ist auch eine Form von unmenschlicher Härte und grenzt an
unterlassene Hilfeleistung, die spätere Generationen uns zu Recht
vorwerfen würden.
Ich komme zum Schluss und fasse
zusammen:
Je mehr Kinder bei uns und weltweit vernachlässigt,
geschlagen, gedemütigt werden und in Hoffnungslosigkeit und Hass
abgleiten, desto höher ist das destruktive
Potential in unserem eigenen Land und weltweit.
Vor diesem Hintergrund ist Kinderschutz zu einer Frage des
Überlebens geworden. Weltweiter Kinderschutz ist
der Königsweg zur Prävention nicht nur von seelischem Leid, sondern auch
von Kriminalität, Militarismus und Terrorismus. Er sichert die Demokratie
und den friedlichen kulturellen und ökonomischen Austausch.
Unsere gesamte Kreativität und Entschlossenheit ist
gefragt, dies zu realisieren. Wenn wir alle dies wollten in einem einzigartigen
solidarischen Akt, hätten wir dafür auch das Wissen und die
Mittel.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.