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DOI: 10.1055/s-2002-35142
Karl F. Haug Verlag, in: MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG
Prostatakarzinom: psychoonkologische Aspekte
Publication History
Publication Date:
30 October 2002 (online)

Die Inzidenz des Prostatakarzinoms nimmt ein epidemisches Niveau ein. Die US-Gesundheitsbehörde CDC in Atlanta/USA prognostiziert in den nächsten 30 Jahren eine Verdoppelung der Erkrankungsfälle, wobei Hauptgrund die wachsende Zahl der Senioren sein wird. In den letzten 15 Jahren erhöhte sich die Zahl der Erkrankten in den USA um das 4-fache. In Deutschland erkrankten 1995 etwa 20000 Männer, zur Zeit rechnet man mit ca. 35000 Männern/Jahr (Hölzel 1995) [[1]]. Das kumulative Risiko eines deutschen Mannes, im Laufe seines Lebens an einem Prostatakarzinom zu erkranken, liegt bei 25%. 10000 Männer sterben in Folge eines Prostatakarzinoms pro Jahr, vergleichend mit dem Jahr 1979 nahm damit die Mortalität um 16% zu, während die Mortalitätsrate in den USA im gleichen Zeitraum um 92%, fast 6-mal so schnell wie in Deutschland, anstieg.
Eine Besonderheit des Prostatakarzinoms ist der latente Tumor, der als inzidentes (englisch: „incidental”) Prostatakarzinom im Rahmen einer Adenomektomie, transurethrale Resektion (TUR-P) oder beim Screening durch Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) evident wird (Altwein 2001) [[2]].
Fast jeder zweite Mann über 50 Jahre trägt in der Prostata prämaligne Läsionen, sogenannte PIN (postatische intraepitheliale Neoplasie), wobei je nach Schweregrad der Atypie zwischen PIN-Grad 1 und PIN-Grad 3 unterschieden wird. Es ist zur Zeit ungeklärt, wie häufig und aus welchem Grund sich aus der prämalignen PIN-Läsion ein klinisches Prostatakarzinom entwickelt. Bis zu 80% der 80-jährigen weisen diese Atypien auf, so dass zwangsläufig bei älter werdender Gesellschaft dem Prostatakarzinom vermehrt Augemerk hinsichtlich Erkennung, Therapie und vor allen Dingen Prävention geschenkt werden muss.
Die zunehmende Bedeutung psychosozialer Faktoren für die Entstehung, den Verlauf und die Bewältigung von Krebserkrankungen ist in den letzten Jahren Gegenstand intensiver, hauptsächlich psychosomatischer Forschung geworden (Holland, J.F.) [[3]]. Dabei hat sich die psychoonkologische Forschung in den letzten Jahren im Wesentlichen in drei Richtungen aufgegliedert (Buddeberg 1992) [[4]].
Die Ätiologieforschung befasst sich mit psychosozialen Faktoren und bestimmten biographischen Ereignissen in Bezug der Entstehung einer Krebserkrankung. Die Coping-Forschung versucht, die Fragen der Krankheitsverarbeitung und Krankheitsbewältigung zu klären. Die Verlaufsforschung richtet ihr Interesse auf den Einfluss psychischer und sozialer Faktoren auf den Verlauf von Krebserkrankungen. Die Optimierung der psychosozialen Betreuung Krebskranker gewinnt zunehmend Interesse in zahlreichen politischen Gesundheitssystemen, da die erhoffte Verbesserung der Krebsheilungsraten, wie Anfang der 80er Jahre prophezeit, nicht eingetreten sind.
Die Psychoonkologie erfasst die Krebskrankheit als ein multifaktorielles Geschehen. Dass Krebs kein ausschließlich zellulärer Vorgang ist, sondern dass physiologische Prozesse und psychosomatische Faktoren auf die Entstehung und den Verlauf von Krebserkrankungen Einfluss nehmen, ist heute ein weitgehend anerkannter Konsensus. Nach Meerwein [[5]] spielt sich das Krebsleiden aus psychologischer Sicht im „Selbst” des Patienten ab. Damit bezeichnet er die teils bewusste, teils unbewusste innere Vorstellung, die sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens von sich selbst gebildet hat. Sie beinhaltet positive als auch negative Erfahrungen, die seit frühester Kindheit im Umgang mit dem eigenen Körper, der eigenen Person, aber auch näheren Bezugspersonen und Familienangehörigen entstanden sind. Er hebt damit die ganzheitliche Sichtweise der Krankheit hervor.
Die Psychoonkologie beschäftigt sich mit den Störungen „des Selbst” und der Selbstachtung durch die Erkrankung und gleichermaßen mit den Maßnahmen zur Wiederherstellung des gestörten Selbstwertgefühls. Die psychische Verarbeitung der Krebserkrankung hat Einfluss auf deren weiteren Verlauf. So konnte in Untersuchungen über sogenannte „Spontanremissionen” gezeigt werden, dass beispielsweise der „Glaube des Patienten an die Wirksamkeit der ihm gewährten Hilfe” deutliche Zusammenhänge zu solchen positiven Verläufen aufwies (Bahnson 1986 [[5]], Siegel 1988 [[6]]).
Die Krankheitsbewältigung von Krebskranken ist ein ebenfalls multifaktorieller Prozess, der von krankheitsspezifischen, interpersonellen und intrapsychischen Faktoren bestimmt wird.
Auch soziale Ressourcen, wie Verarbeitungsfähigkeiten des Patienten, spielen eine Rolle, ebenso soziodemographische Variablen wie Alter, Beruf und Lebensinhalt sowie Befindlichkeit und emotionale Stabilität zu Behandlungsbeginn (Beutel 1988) [[8]].
Es gibt kaum eine Krankheit, die derart mystifiziert worden ist und den Charakter einer Metapher aufweist wie die Krebserkrankung (Sontag 1992) [[9]].
Literatur
- 01 Hölzel D.. Prostatakarzinom: Ist die Früherkennung in einer Sackgasse?. Dt. Ärzteblatt. 92 1995; 1353-1363
- 02 Altwein J.. Prostatakarzinom. In Uro-Onkologie: Hrsg. H. Rübben Springer Verlag 2001
- 03 Holland J. F.. Psychological aspects of Cancer. In: Holland, J.F., Frei, E. (Hrsg.): Cancer medicine: Lea and Febiger Philadelphia; 1982
- 04 Biddeberg C.. Brustkrebs: Psychische Verarbeitung und somatischer Verlauf. Schattauer Verlag Stuttgart; 1992
- 05 Meerwein F.. Einführung in die Psychoonkologie. Verlag Hans Huber Bern, Stuttgart, Wien; 1981
- 06 Bahnson C. B.. Emotional and personality characteristics of cancer patients. In: Sutnick, A., Eyström, P. (Hrsg.): Oncologie Medicine. University Park Press Baltimore; 1976
- 07 Siegel B.. Prognose Hoffnung. Econ Verlag 2. Auflage Düsseldorf, Wien, New York; 1988
- 08 Beutel M.. Bewältigungsprognose bei chronischen Erkrankungen. (Hrsg. Koch, U.) VCH: ED Medizin Weinheim; 1988
- 09 Sontag S.. Krankheit als Metapher. Fischer Verlag Frankfurt; 1992
- 10 Dahlke R.. Krankheit als Symbol. Handbuch der Psychosomatik, Seite 412, C. 2. Aufl. Bertelsmann Verlag 1966
- 11 Schmidt H.. „Somatopsychische Störungen”. In: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Hrsg.: Rudolf, G Thieme Verlag 2000
- 12 Aaronson N. K., Ahmedzai S., Bergmann B., Brillinger M.. The European Organisation for Research and treatment of Cancer QLQ-30: A quality-of-life instrument for unse in international clinical trials in oncology. J. Natl. Cancer Inst.. 85 (5) 1993; 365-376
- 13 Bongers D.. Das Körperselbstbild von Männern. In: Brähler, E. (Hrsg.): Körpererleben: Ein subjektiver Ausdruck von Leib und Seele. Springer Verlag Berlin, Heidelberg, New York; 1986: 137-146
- 14 Spengler A.. Psychische und sexuelle Situation von Patienten nach radikaler Prostatektomie. Münch. Med. Wschr.. 124 (9) 1982; 221-225
- 15 Verres R.. Wie beeinflusst Angst vor Krebs die Motivation zur Krebsvorsorge?. MMG. 3 1978;
- 16 Schover L. R.. Sexual rehabilitation after treatment for prostate cancer. Cancer. 71 (3 Supp.) 1993; 1024-1030
- 17 Weißbach J. H., Flechtner H., Bursar-Maatz R.. Aspekte der Lebensqualität bei Patienten mit urologischen Tumoren. In: Schwarz, R. et al. (Hrsg.): Lebensqualität in der Onkologie Zuckschwerdt Verlag München, Bern, Wien, San Francisco; 1991: 125-129
- 18 Waltz M., Schneider M.. Leben mit Krebs. Schrift der Brendan-Schmittmann Stiftung Köln; 1993
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Karl Friedrich Klippel
Urologische Klinik Allgemeines Krankenhaus
Siemensplatz 4
29223 Celle