Zusammenfassung
Ziel der Studie: Die
Härtefallregelungen innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)
sollen einkommensschwache bzw. durch Zuzahlungen stark belastete Versicherte
vor „sozialen Härten” schützen. Die Studie zielt darauf
ab, den Bekanntheitsgrad der Härtefallregelungen unter den Versicherten zu
erfassen sowie die Gründe herauszufinden, warum diese Regelungen ggf.
nicht in Anspruch genommen werden. Ein weiteres Ziel des Projekts besteht
darin, die Zahl der Versicherten zu schätzen, die einerseits
härtefallberechtigt sind, die andererseits aber die Befreiung nicht in
Anspruch nehmen. Es bestehen große Forschungslücken in diesem
Themenbereich; den Autoren ist bislang keine deutschsprachige oder
internationale Untersuchung bekannt, die sich mit diesem Thema eingehender
befasst.
Methoden: Durch eine erste schriftliche
Befragung im Mai 2000 von 18 238 AOK-Versicherten wurde die Zahl
potenziell härtefallberechtigter Personen durch Fragen nach dem
Haushaltseinkommen, der Zahl der Haushaltsmitglieder und der Höhe der
geleisteten Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Zahnersatz und anderen medizinischen
Leistungen geschätzt. Mit 1 002 Versicherten, die die Befreiung
nicht in Anspruch nehmen (darunter Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger
sowie eine Kontrollgruppe mit 202 Befragten), wurde im Herbst 2000 eine
CATI-(Computer assisted telephone interviewing-)Befragung durchgeführt.
Die Probanden wurden dabei ausführlich zu härtefallrelevanten Themen
befragt.
Ergebnisse: Die Härtefallregelungen
sind bei den CATI-Befragten nur eingeschränkt bekannt. Knapp zwei Drittel
der CATI-Befragten (61,58 %) kennen die
Überforderungsklausel (Rückerstattung der geleisteten Zuzahlungen)
nicht, 27,78 % der Befragten ist die Sozialklausel (Befreiung von
den Zuzahlungen) kein Begriff. Die meisten Befragten haben von Freunden,
Bekannten und Verwandten von diesen Regelungen erfahren, an letzter Stelle
stehen Informationen durch Ärzte und andere Gesundheitsprofessionen. Unter
den Gründen, warum eine Befreiung nicht in Anspruch genommen wurde, wird
am häufigsten das vermutlich zu hohe Einkommen genannt. Seltener werden
Ursachen angeführt, die auf der Komplexität des Antrags beruhen oder
sich auf mögliche Schamgefühle bei der Antragstellung beziehen.
Schlussfolgerung: Der Bekanntheitsgrad der
Härtefallklauseln sollte noch erhöht werden, um auf diese Weise allen
einkommensschwachen und/oder durch Zuzahlungen stark belasteten Versicherten
die Möglichkeit einer Befreiung von Zuzahlungen zu bieten. Da die meisten
Befragten über den Freundes- und Bekanntenkreis von den Klauseln erfahren
haben, ist offenbar eine bessere Information der Patienten durch Ärzte und
medizinisches Personal wichtig. Die drei meistgenannten Gründe, warum kein
Antrag gestellt wurde, beziehen sich auf finanzielle Aspekte. Auch hier
könnte eine bessere Informationspolitik im Sinne von vereinfachten
Beispielen zur Berechnung der Einkommensgrenzen Abhilfe schaffen. Nur so kann
durchgesetzt werden, dass die Möglichkeit zur Inanspruchnahme der
Härtefallregelungen allen anspruchsberechtigten Versicherten offen
steht.
Abstract
Objectives: The German Statutory Sickness
Fund comprises about 90 % of the total population. There are
special relief or ‘hardship’ regulations in the Statutory Sickness
Fund (the ‘Härtefallregelungen’) exempting those insured
persons from co-payment for whom the co-payments would be an undue financial
burden. The most important research questions are: How many of the insured
persons do actually know about the possibility of being exempted? How did this
group learn about the possibility? How many insured are not exempted from
co-payment although they are entitled to be exempted? Why didn’t they
apply? According to our knowledge there is no comparable national or
international study in this field of research.
Methods: The data for the empirical study
are collected in a Statutory Sickness Fund in the city of Augsburg (Southern
Germany). 18 238 insured (pre-selected as not being exempted from
co-payments, but probably entitled to be exempted) were addressed with a very
short questionnaire in September 2000. They were asked about their household
income, the number of the household members and the money spent for co-payments
for medicaments, dental prostheses and other health-related services, in order
to identify those entitled to be exempted, and a control group. Among those who
responded 1.002 persons were interviewed by CATI (Computer Assisted Telephone
Interview).
Results: Within the study group interviewed
by CATI there was only limited knowledge about the
„Härtefallregelungen”. About two-thirds of the respondents
(61.58 %) were unfamiliar with the possibility of getting an
annual reimbursement of the co-payments. Less than one-third
(27.78 %) knew nothing about the regulation of being totally
exempted from co-payments. Most persons learnt about the regulations from
friends and relatives, but few from physicians and other health professionals.
One of the reasons most frequently mentioned for not applying for the
„Härtefallregelungen” was a presumably too high income.
Reasons which lie within the formalities of the application or refer to the
potentially embarrassing situation were reported less often.
Conclusion: Knowledge about the
possibilities of being exempted from co-payments for medicaments and other
health-related services and goods should be increased. With most of the
respondents having learnt about the „Härtefallregelungen”
from friends and relatives, patients could get relevant information from
physicians and other health professionals more frequently. As financial aspects
are the reasons reported most for not applying for the
„Härtefallregelungen”, the information policy could be
enhanced e. g. by simplified examples for calculating the relevant
income for being entitled. This way there is a chance that all insured persons
who are entitled will actually benefit from the
„Härtefallregelungen”.
Schlüsselwörter
Härtefallregelungen - Gesetzliche
Krankenversicherung - Zuzahlungen - gesundheitliche
Ungleichheit
Key words
Hardship
provision - co-payment - exemption from
co-payment - statutory sickness funds - health inequality