Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2003; 38(5): 341-348
DOI: 10.1055/s-2003-38948
Originalie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Reanimieren oder nicht?
Die notärztliche Entscheidung im Rettungsdienst

To Resuscitate or Not? The Emergency Physician’s Decision in the Prehospital
Setting
M.  Mohr1 , M.  Busch1 , J.  Bahr1 , D.  Kettler1
  • 1Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Göttingen
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Publication Date:
24 April 2003 (online)

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Zusammenfassung

Ziel der Studie: Bei einem präklinischen Herz-Kreislaufstillstand muss der Notarzt entscheiden, wann ein Wiederbelebungsversuch nicht mehr indiziert ist oder die Bemühungen eingestellt werden. Ziel der Untersuchung war die Erfassung der Kriterien, die diese notärztliche Entscheidung beeinflussen. Methodik: Mittels standardisierter Interviews wurden Notärzte innerhalb von 24 Stunden nach einem Einsatz mit Herz-Kreislaufstillstand zu ihrer Entscheidung befragt. Ergebnisse: Über einen Zeitraum von einem Jahr wurden 170 präklinische Kreislaufstillstände ausgewertet. In 47 Fällen (28 %) wurden keine Wiederbelebungsversuche begonnen. In 32 dieser Einsätze beruhte die Entscheidung auf dem Vorliegen sicherer Todeszeichen, bei 8 Patienten war der Kreislaufstillstand durch schwere, mit dem Leben nicht zu vereinbarende Verletzungen bedingt. Bei 4 Patienten wurde das Endstadium einer lebensbedrohlichen Erkrankung als Begründung für den Reanimationsverzicht angeführt. In 3 Fällen nannten die Notärzte eine lange Hilfsfrist von mehr als 10 Minuten, jeweils in Verbindung mit dem Vorliegen einer Asystolie oder einer elektromechanischen Entkopplung als initialem Rhythmus und zusätzlichen Angaben des Hausarztes. Bei 72 (59 %) von 123 Wiederbelebungsversuchen konnte keine Rückkehr der Spontanzirkulation und Stabilisierung des Kreislaufs erreicht werden. Bei 58 dieser Patienten beruhte die Entscheidung zum Einstellen der Bemühungen primär auf der Feststellung eines therapeutisch nicht mehr zu beeinflussenden Herzstillstandes. Zusätzliche Kriterien waren die Dauer der Wiederbelebungsmaßnahmen, eine lange Hilfsfrist, Vorerkrankungen, das Alter, der Pupillenstatus, fehlende Hirnstammreflexe, die Ursache des Herzstillstandes, Informationen durch Angehörige oder den Hausarzt sowie das sekundäre Auftreten von sicheren Todeszeichen. Bei 14 Patienten wurden ausschließlich diese Faktoren als Begründung für den Abbruch der Maßnahmen genannt, der therapierefraktäre Herztod stand hier nicht im Vordergrund der Entscheidung. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass die notärztliche Entscheidung, keinen Wiederbelebungsversuch durchzuführen oder diesen bei Erfolglosigkeit zu beenden, in der Regel auf eindeutigen Kriterien beruht, wie sichere Todeszeichen, tödliche Verletzungen oder ein therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer Herztod. In Einzelfällen weichen Notärzte von dieser Regel ab und ihre Entscheidung basiert auf anderen, eher individuell zu bewertenden Kriterien.

Abstract

Objective: To identify factors affecting the decision to withhold resuscitative attempts or to terminate cardiopulmonary resuscitation (CPR) in the prehospital setting. Methods: In a physician-based emergency medical system (EMS) standardised interviews with the emergency physicians were performed within 24 hours after unsuccessful or withheld CPR-efforts. Results: Over a period of one year 170 prehospital cardiac arrests were evaluated. 47 patients (28 %) were declared dead on arrival by the emergency physician. The decision to withhold CPR was based on obvious clinical signs of death (32 patients) or the diagnosis of cardiac arrest due to severe trauma (8 patients). In 4 cases the terminal state of a fatal illness was the emergency physician’s criterion not to initiate resuscitative efforts. In 3 patients an extended response time (more than 10 minutes) was mentioned, in combination with a primary rhythm of either asystole or electromechanical dissociation and additional information given by the family doctor. In 123 patients CPR was attempted. In 72 cases (59 %) resuscitative efforts were terminated as no return and stabilisation of spontaneous circulation was achieved. In 58 patients the decision to stop CPR was based on the evidence of cardiac death. Additional criteria for the termination of the resuscitation attempt were the duration of CPR, an extended response time, pre-existing diseases, age, pupillary status, missing brain stem reflexes, the reason of cardiac arrest, information given by the family or the family doctor and secondarily evolving signs of death. In 14 patients the emergency physicians reported that their decision to terminate CPR was primarily based on these co-factors, the evidence of cardiac death was not explicitly mentioned in these cases. Conclusion: In the pre-hospital setting the decision to withhold or to withdraw CPR is mostly based on reliable criteria such as obvious clinical signs of death, fatal trauma or evidence of cardiac death. Nevertheless, in a small but considerable number of cases exceptions to this rule are made by emergency physicians.