Zusammenfassung
Hintergrund: Die Bestimmung der Sehschärfe im Vorschulalter ist eine wichtige und zugleich schwierige (kinder-)ophthalmologische Aufgabe. Ziel dieser Studie war ein Vergleich des etablierten Sheridan-Gardiner-Tests (SGT) mit dem vergleichsweise „neueren” Räder-Test (RT) bezüglich des Visusergebnisses und der jeweiligen Untersuchungsdauer. Patienten und Methoden: Der RT besteht aus 16 Karten mit den Visuswerten 0,16, 0,2, 0,25, 0,3, 0,5, 0,6, 0,8 und 1,0. Geprüft wird mit einem Kartenpaar, das ein Auto mit „ganzen Rädern” und ein Auto mit „kaputten Rädern” zeigt. Letzteres wird durch einen Landolt-Ring symbolisiert. Das Kind soll in 3 Meter Distanz jene Karte benennen/zeigen, die „kaputte Räder” aufweist. Der SGT besteht aus sieben Visusstufen: 5/60, 5/36, 5/24, 5/18, 5/12, 5/9 und 5/6. Jede Visusstufe wird mit einem Buchstaben geprüft und kann durch Darbietung eines weiteren Buchstabens (A, H, O, T, U, V, X) wiederholt werden. Die Untersuchungsdistanz beträgt 5 Meter. Anhand einer Karte, auf der diese sieben Symbole abgebildet sind, soll das Kind zeigen, auf welchen Buchstaben der Untersucher gerade deutet. Bei den 30 Kindern (20 Jungen, 10 Mädchen) im Vorschulalter (vom vollendeten 2. bis zum vollendeten 5. Lebensjahr, Mittelwert 3,4 Jahre ± 0,77 SD, Median 3,0 Jahre) haben wir beide Sehschärfentests in randomisierter Reihenfolge als Cross-over-Experiment durchgeführt. Bei jeder einzelnen Untersuchung wurde zuerst das rechte, anschließend das linke Auge geprüft. Während der Untersuchung wurde die Untersuchungsdauer seitengetrennt an jedem Auge mittels Stoppuhr erfasst und notiert. Dabei wurde die Erklärungszeit nicht berücksichtigt. Die möglichen Visuswerte beider Tests wurden durch einheitliche Visusstufen (von 1 bis 10) ersetzt, um sie vergleichbar zu machen. Als relevant wurden Ergebnisse angesehen, die um mindestens 2 Stufen differieren. Die Gleichheit der Untersuchungsergebnisse wurde mithilfe des Vorzeichentests zum Niveau 0,05 überprüft. Ergebnisse: Insbesondere bei höheren Visusstufen weichen die Ergebnisse deutlich voneinander ab: Der SGT misst höhere Visuswerte als der RT. Bei 11 von 29 Kindern hat der SGT an jedem der beiden Augen einen Visuswert bestimmt, der um mindestens 2 Stufen höher als beim RT liegt. Umgekehrt trat dieser Fall nie ein, d. h., es wurde in keinem Fall ein Ergebnis erzielt, bei dem der RT um mindestens 2 Stufen höher als der SGT angegeben wurde. Der Vorzeichentest klassifiziert den Unterschied als signifikant (p < 0,001). Auch bei den 22 von 30 Kindern, die an einem der beiden geprüften Augen einen mindestens 2 Stufen höheren Visuswert erreichten, zeigte der SGT höhere Visuswerte (p 0,001). Die durchschnittliche Untersuchungszeit für beide Augen betrug beim SGT zwischen 1,6 und 5,8 Minuten (Median: 3,0 Minuten) und beim RT zwischen 1,6 und 9,4 Minuten (Median: 4,6 Minuten) und wies somit keine bedeutenden Zeitvorteile des jeweils durchgeführten Tests auf. Schlussfolgerungen:
Mit dem RT werden niedrigere Visuswerte als mit dem SGT bestimmt. Während der Untersuchung mit dem RT wurde deutlich, dass viele Kinder (hauptsächlich zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr) Probleme mit der geforderten Richtungsentscheidung („Welches Auto zeigt die kaputten Räder?”) hatten. Diese führen zu Unsicherheiten bei der Visusbewertung und können Ergebnisse verfälschen.
Abstract
Purpose: To evaluate the comparability between the well-established Sheridan-Gardiner test (SGT) and a new type of visual acuity test, called the Räder test (RT = broken wheel test) in pre-school children, and to compare test durations of these infant visual acuity tests. Subjects and methods: The RT consists of 16 cards with visus values of 0.16, 0.2, 0.25, 0.3, 0.5, 0.6, 0.8 and 1.0. One pair of cards depicting a car is used for testing. On one of the cards the car has intact wheels, on the other the wheels are incomplete, symbolized by a Landolt ring. The child must indicate, at a viewing distance of 3 meters, which of the wheels is incomplete. The SGT consists of seven visus plates: 5/60, 5/36, 5/24, 5/18, 5/12, 5/9 and 5/6. Each level is tested with one letter and can be repeated by the presentation of a further letter (A, H, O, T, U, V, X). The examination distance is 5 meters. The child must indicate, with reference to a card depicting all seven symbols, which letter the examiner is showing. The SGT and RT were performed in a randomized cross-over sequence in 30 children (20male, 10 female) of pre-school age (from 2 years up to and including the age of 5 years, mean 3.4 years ± 0.77 SD, median 3.0 years). In all cases, the right eye was examined first. Examination duration was assessed for each acuity test, and for each eye separately with a stopwatch. The instruction time was not considered. The possible visual acuity values of both bests were replaced by a unified scale of visual acuity levels (ranging from 1 to 10). A difference of at least two levels was considered as relevant. The results were compared by means of the sign test at a significance level of 0.05. Results: In particular, for higher visual acuity levels there were considerable differences, with SGT generally showing better results than RT: in 11 of 29 children, in both eyes RT values turned out to be at least 2 lines better than those obtained with SGT. The contrary situation, i. e., favoring SGT by more than 2 lines compared to RT, never occurred. According to the sign test, these differences were significant (p < 0.001). SGT revealed also clearly better visual acuity levels in those 22 children out of the 30, who exhibited differences by 2 lines or more in at least one eye (p < 0.001). The examination procedure with RT revealed problems in making the required directional decisions, especially between 2 and 4 years of age. This might interfere with the test interpretation and lead to distortion of the RT results. Total examination duration did not differ considerably between SGT (1.6 to 5.8 minutes, median 3.0 minutes) and RT (1.6 to 9.4 minutes, median 4.6 minutes), respectively. Conclusions: The Sheridan-Gardiner test generally shows better results than the new Räder (RT = broken wheel) test in pre-school children. Problems in making the required directional decisions may interfere with RT in this age group.
Schlüsselwörter
Sehschärfe - Test - Kinder - Sheridan-Gardiner-Test - Vergleichsstudie
Key words
Visual acuity - testing - infant - Sheridan-Gardiner test - comparative study