Einführung
Einführung
Psoriasis und atopische Dermatitis (AD) sind die häufigsten chronischen Dermatosen
in Europa und haben daher eine hohe medizinische und sozioökonomische Bedeutung. Bei
beiden Erkrankungen handelt es sich um genetisch determinierte Krankheiten, die immunologisch
vermittelt werden.
In früheren Untersuchungen ist durch die erhöhte Frequenz bestimmter Marker bei Psoriasis
(besonders von Cw*06/Cw6 und DRB1*07/DR7) wie auch bei AD (B*35/B35, B*53/B53) eine
Beteiligung des HLA-Komplexes bei der Krankheitsdisposition nachgewiesen worden [1]
[2].
Noch bis vor wenigen Jahren galt, dass sich die AD und die Psoriasis aufgrund unterschiedlicher
pathogenetischer Mechanismen gegenseitig ausschließen [3]. Zunehmend deuten aber Studien auf immunologischer Ebene auf Gemeinsamkeiten hin
[4]
[5]
[6]
[7]
[8]
[9]. Auch diesbezügliche klinische Studien zeigen, dass die beiden Dermatosen durchaus
gemeinsam auftreten können, wobei die Koinzidenz der beiden Erkrankungen zwischen
1,7 und 16,7 % variiert [10]
[11]
[12]
[13]
[14].
Die vorliegende Arbeit stellt sich deshalb die Aufgabe, die Koexistenz von AD und
Psoriasis in einer repräsentativen Patientengruppe sowohl mit Psoriasis als auch mit
AD zu untersuchen. Zur Verifizierung der immunologischen Zusammenhänge zwischen den
beiden Dermatosen wurden der Gesamt-IgE-Wert und erstmalig die Verteilung der HLA-Merkmale
bei Patienten mit „Mischform” bestimmt.
Patienten/Material und Methoden
Patienten/Material und Methoden
In die Untersuchung wurden 1520 Patienten mit bereits vorbekannter Psoriasis oder
vorbekannter AD im Alter von 14 bis 75 Jahren einbezogen, die im Zeitraum von 15 Monaten
(12/95 - 3/97) in die TOMESA-Fachklinik/Bad Salzschlirf statio-när eingewiesen worden
waren. Alle Patienten wurden einheitlich sowohl klinisch als auch anamnestisch auf
das Vorliegen einer AD bzw. einer Psoriasis untersucht (Tab. [1]).
Tab. 1 Diagnose einer „Mischform”
AD-Kriterien: In Anlehnung an [4]
[9]
[18]
|
Bewertung |
Kriterien für Psoriasis: In Anlehnung an [4]
[5]
|
Bewertung |
Familienanamnese:
allergische Rhinitis, Asthma Ekzeme |
1 Punkt 2 Punkte |
Familienanamnese:
Psoriasis |
2 Punkte |
Atopische Eigenanamnese:
Allergische Rhinokonjunktivitis Asthma bronchiale sog. Milchschorf |
1 Punkt 1 Punkt 1 Punkt |
Psoriatische Eigenanamnese:
Manifestationsalter > 10. LJ Kopfschuppung Arthritiden |
1 Punkt 1 Punkt 1 Punkt |
Klinische Stigmata für AD:
unscharfe Begrenzung pityriasiforme Schuppung Lichenifikation Beugenbetonung Juckreiz bei Schwitzen Nickelunverträglichkeit Wolleunverträglichkeit Nahrungsmittelunverträglichkeit Photophobie Xerosis sog. Dyshidrosis Pityriasis alba Perlèche, Cheilitis Keratosis pilaris Palmare Hyperlinearität Hertoghe-Zeichen Dennie-Morgan-Zeichen Dermographismus albus |
1 Punkt 1 Punkt 2 Punkte 2 Punkte 3 Punkte 1 Punkt 3 Punkte 1 Punkt 1 Punkt 3 Punkte 1 Punkt 2 Punkte 1 Punkt 1 Punkt 2 Punkte 2 Punkte 1 Punkt 3 Punkte |
Klinische Stigmata für Psoriasis:
scharfe Begrenzung der Läsionen groblamelläre/silbrige Schuppung Befall von Streckseiten d. Extremitäten Läsionen sakral Läsionen intertriginös, perianal Läsionen genital Schuppung in den Gehörgängen groblamelläre Kopfschuppung Schuppung palmoplantar Köbner-Phänomen Kerzenfleck-Phänomen Phänomen des letzten Häutchens Auspitz-Phänomen roter Dermographismus Nagelmatrixbefall: Tüpfel, Onychodystrophie Nagelbettbefall: Ölfleck, subunguale Keratosen Nagelfalzbefall: Paronychie |
2 Punkte 2 Punkte 2 Punkte 2 Punkte 2 Punkte 1 Punkt 1 Punkt 1 Punkt 1 Punkt 2 Punkte 1 Punkt 3 Punkte 1 Punkt 2 Punkte 2 Punkte 2 Punkte 1 Punkt |
Beurteilung der Gesamtpunktzahl:
0 - 9 Punkte AD-Kriterien ≥10 und Psoriasis-Kriterien ≥10 |
keine Mischform Mischform |
Kriterien für eine zusätzlich vorliegende atopische Dematitis
Für die Beurteilung der „AD-Zeichen” wurden die „Hauptkriterien nach Hanifin und Rajka”
zugrunde gelegt: Morphologie (unscharfe Begrenzung, pityriasiforme Schuppung, Lichenifikation)
und Verteilung der Läsionen (Beugenbetonung) sowie Pruritus. Nicht berücksichtigt
wurde das Kriterium „chronisch-rezidivierender Verlauf”, da dieses sowohl für AD als
auch Psoriasis zutreffend sein kann und somit keine spezifische Zuordnung erlaubt
[15]. Um die beiden Formen der AD („Extrinsic”-Form und „Intrinsic”-Form) erfassen zu
können, wurden bei den „AD-Kriterien” nicht nur die „Hauptkriterien nach Hanifin und
Rajka”, sondern auch die von Diepgen et al. modifizierten „Nebenkriterien nach Hanifin
und Rajka” (s. g. „Erlanger Atopiekriterien”) für die Diagnosestellung mit herangezogen
[16]. Berücksichtigt wurden hierbei nur die bedeutendsten dieser Kriterien, die bei den
atopischen Patienten am häufigsten beobachtet werden [17]. Damit werden die atopischen Minimalformen (Xerosis, Cheilitis, Dyshidrosis) sowie
die atopischen Stigmata (palmare Hyperlinearität, Denni-Morgan-Zeichen, Dermographismus
albus, Wolleunvertäglichkeit) erfasst. Die atopischen Minimalformen wurden anamnestisch
und/oder klinisch und die atopischen Stigmata ausschließlich klinisch beurteilt.
Kriterien für eine zusätzlich vorliegende Psoriasis
Hierfür wurden klinische Zeichen zugrunde gelegt, die in Anlehnung an die von Epstein
und Maibach für die ekzematöse Psoriasis erarbeiteten Kriterien [18] und an die „Erlanger Atopiekriterien” [16] speziell für die vorliegende Arbeit zusammengestellt worden sind. Berücksichtigt
wurden die Morphologie, wie scharfe Begrenzung, psoriasisforme Schuppung und Psoriasisphänomene,
sowie die Verteilung der Läsionen, wie Streckseitenbetonung, Kopf- und Intertriginesbefall,
palmoplantarer Befall und Nagelveränderungen. Als „Psoriasis-Zeichen” diente auch
die spätere Manifestation der Erkrankung. Die Diagnose einer Arthritis psoriatica
basierte auf klinischen und radiologischen Kriterien.
Diagnosestellung einer „Mischform”
Zu diesem Zweck wurde, je nach Relevanz der klinischen Kriterien, eine Punktbewertung
vorgenommen. Ein gleichzeitiges Vorkommen beider Dermatosen („Mischform”) bei ein
und derselben Person galt nur in dem Fall als gesichert, wenn sowohl die o. g. „AD-Kriterien”
als auch die hier definierten „Psoriasis-Kriterien” jeweils mindestens 10 Punkte aufgewiesen
haben.
Außerdem wurden diese Patienten immunologisch anhand einer Gesamt-IgE-Bestimmung (Immuno-Radiometrischer-Assay,
ITMC, Marburg/Lahn) und einer molekulargenetischen HLA-Typisierung mittels niedrig
auflösender PCR-SSP-Technik (Primerkits von BAG, Lich und Deutsche Dynal AG, Hamburg)
charakterisiert. Als Vergleichsgruppe dienten 157 Blutspender (99 Frauen, 58 Männer)
aus Sachsen-Anhalt im Alter von 18 bis 85 Jahren, die anamnestisch keine dieser beiden
Erkrankungen aufwiesen. Die statistische Bewertung erfolgte mit dem Programm SPSS
am Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Medizinische Informatik
der Martin-Luther-Universität Halle.
Ergebnisse
Ergebnisse
Ein gemeinsames Vorkommen beider Erkrankungen konnte bei 5,3 % (80/1520) der stationär
in die TOMESA-Fachklinik/Bad Salzschlirf aufgenommenen Patienten mit vorbekannter
Psoriasis oder vorbekannter AD diagnostiziert werden und wurde nachfolgend als „Mischform”
bezeichnet (Abb. [1]). Die in der vorliegenden Studie festgestellte Koinzidenz bezieht sich also nicht
nur auf Psoriatikern, sondern auch auf Patienten mit vorbekannter AD. Ausschließlich
auf die Patienten mit der Einweisungsdiagnose „Psoriasis” bezogen, konnte in 2,4 %
(29/1216) der Fälle eine Koexistenz mit AD ermittelt werden, während die Patienten
mit der Einweisungsdiagnose „AD” in 6,3 % der Fälle (15/237) zusätzlich eine Psoriasis
aufwiesen. Bei der Anamneseerhebung konnte eruiert werden, dass bei 16 Patienten der
gegenwärtig vorhandenen Dermatose die jeweils andere vorausgegangen war. Daraus ergab
sich die Häufigkeit eines nacheinander folgenden Auftretens („Wechselform”) von 1,1
% (16/1520).
Abb. 1 Diagnoseverteilung der 1520 Patienten.
Unter den Patienten mit „Mischform” waren Frauen wie Männern annähernd gleich häufig
vertreten (52 % Frauen, 48 % Männer). Das Durchschnittsalter betrug 45 Jahre. Der
Zeitpunkt des Erstauftretens der Dermatosen konnte in 78,8 % der Fälle (63/80) eruiert
werden. Jeweils bei etwa einem Drittel der Patienten traten entweder die AD oder die
Psoriasis zuerst auf, in 23 % der Fälle manifestierten sich beide Erkrankungen gleichzeitig.
Das mittlere Manifestationsalter bei AD betrug 28 Jahre, das bei Psoriasis 27 Jahre.
Dabei traten keine signifikanten Unterschiede auf. Daraus ableitend läßt sich vermuten,
dass sich die AD beim gemeinsamen Auftreten mit einer Psoriasis offenbar später manifestiert.
Das hohe mittlere Manifestationsalter der AD könnte außerdem damit zusammenhängen,
dass in die Untersuchung nur die Patienten ab dem 14 Lebensjahr einbezogen wurden.
Klinische Charakteristika
Bei den Patienten mit „Mischform” waren einige für die AD typische klinische Merkmale
häufig anzutreffen. Ebenfalls häufig wurde eine respiratorische Atopie gefunden (Tab.
[2]). Andererseits fanden sich bei über der Hälfte der Patienten (51,3 %; 41/80) innerhalb
der Hautläsionen Psoriasisphänomene, in 43,7 % der Fälle (35/80) psoriatische Nagelveränderungen
und in 7,5 % (6/80) eine Psoriasisarthritis.
Tab. 2 Atopische/psoriatische Stigmata und respiratorische Atopie bei Patienten mit „Mischform”
(gleichzeitiges Vorkommen von AD und Psoriasis)
| Symptome |
Patienten (n) |
Patienten (%) |
| Pruritus |
79 |
98,8 |
| Juckreiz beim Schwitzen |
32 |
40,0 |
| Xerosis |
74 |
92,5 |
| Dermographismus albus |
61 |
76,3 |
| Dyshidrosis |
50 |
62,5 |
| Wolleunverträglichkeit |
36 |
45,0 |
| Palmare Hyperlinearität |
31 |
38,8 |
| Cheilitis sicca |
30 |
37,5 |
| Milchschorf |
21 |
26,3 |
| Lichenifikation |
19 |
23,8 |
| Hertoghe-Zeichen |
15 |
18,8 |
| Pulpitis sicca |
10 |
12,5 |
| Pityriasis alba |
2 |
2,5 |
| Rhinitis allergica |
25 |
31,2 |
| Asthma bronchiale |
6 |
7,5 |
| Asthma u. Rhinitis |
7 |
8,8 |
| Psoriasisphänomene |
41 |
51,3 |
| Arthritis psoriatica |
6 |
7,5 |
| Nagelveränderungen |
35 |
43,8 |
Bei 27,5 % (22/80) der Patienten mit „Mischform” dominierten ekzematöse Hauterscheinungen,
die der AD zugeordnet waren, bei 26,3 % (21/80) psoriatische Läsionen, und in 8,8
% (7/80) der Fälle waren beide Hauterkrankungen im klinischen Erscheinungsbild gleichermaßen
vertreten. In 37,5 % der Fälle (30/80) konnte bezüglich der Dominanz der einen oder
der anderen Erkrankung keine Differenzierung vorgenommen werden, da bei diesen die
Hauterscheinungen klinisch sowohl durch psoriasiforme als auch durch ekzematöse Aspekte
gekennzeichnet waren.
Im Verteilungsmuster der psoriatischen Hauterscheinungen ergab sich eine Dominanz
der Gelenkstreckseiten mit 84 %, gefolgt von der auriculären/retroauriculären Region
(74 %), der Kopfhaut (72 %) und den Intertrigines (52 %). Die atopischen Läsionen
waren am häufigsten im Gesicht (66 %), an den Gelenkbeugen (48 %) und an den Palmae
et Plantae (44 %) zu finden.
Familienanamnese
In der Familienanamnese dieser Patienten (Abb. [2]) war auffallend, dass sie sowohl eine AD (30 %) als auch ein Asthma bronchiale (23,8
%) oder eine allergische Rhinitis (20 %) fast gleich häufig wie die hier untersuchten
Patienten mit AD (AD: 35,4 %; Asthma 26,6 %; Rhinitis: 24 %) aufwiesen. Andererseits
war der Unterschied zu den Psoriasis-Patienten für die AD mit 5,1 %, für das Asthma
bronchiale mit 7,8 % und für die Rhinitis allergica mit 9,9 % signifikant (p < 0.05).
Abb. 2 Familienanamnese der Patienten mit „Mischform” im Vergleich zu Patienten mit einer
klassischen AD und Psoriasis.
Eigenanamnese
Ähnliche Relationen ergaben sich auch bei der Eigenanamnese (Abb. [3]). Bezüglich eines Asthma bronchiale und einer Rhinitis allergica fanden sich zwischen
den Patienten mit „Mischform” (Asthma: 21 %; Rhinitis: 42 %) und den Patienten mit
einer AD (Asthma: 17,3 %; Rhinitis: 39,2 %) ebenfalls keine signifikanten Unterschiede.
Dagegen war der Unterschied zu den Psoriasis-Patienten sowohl für das Asthma bronchiale
(21,0 % vs. 4,0 %) als auch für die Rhinitis allergica (42,0 % vs. 9,1 %) statistisch
signifikant (p < 0.05).
Abb. 3 Eigenanamnese der Patienten mit „Mischform” im Vergleich zu Patienten mit einer klassischen
AD und Psoriasis.
Immunologische Charakteristika
Bei fast der Hälfte der Patienten mit „Mischform” (42,5 %; 34/80) wurden erhöhte Gesamt-IgE-Werte
(> 120 kU/l) gefunden. Auffallend war hierbei, dass sie in 57,9 % der Fälle (22/38)
mit einer respiratorischen Atopie assoziiert waren, während der Unterschied zu den
Patienten mit „Mischform” ohne eine zusätzlich vorliegende respiratorische Atopie
mit 28,6 % (12/42; p < 0.05) statistisch signifikant war (Abb. [4]).
Abb. 4 Häufigkeit eines erhöhten Gesamt-IgE-Wertes in Bezug auf die Assoziation mit einer
respiratorischen Atopie.
Es zeigte sich außerdem, dass die Gesamt-IgE-Werte von über 120 kU/l bevorzugt bei
den Patienten (51,8 %) mit dem HLA-Supertyp DR52 (DR52,52 und DR52,blank) auftraten.
Im Gegensatz dazu wurde bei den Patienten mit dem HLA-Supertyp DR53 (DR53, DR53 und
DR 53,blank) nur in 28,6 % der Fälle eine Erhöhung des Gesamt-IgE beobachtet (Tab.
[3]).
Tab. 3 Gesamt-IgE-Werte und HLA-DR-Supertypen bei Patienten mit „Mischform”
IgE (kU/l) |
DR52,52/DR52,bl. (n = 27) |
DR53,53/ DR53,bl. (n = 14) |
|
n |
% |
n |
% |
| ≤ 120 |
13 |
48,2 |
10 |
71,6 |
| > 120 |
14 |
51,8 |
4 |
28,6 |
Die HLA-Merkmale B27 und B57 wurden bei frühem Manifestationsalter der Erkrankung
(≤ 40. Lebensjahr) signifikant häufiger als bei späterer Manifestation (> 40. Lebensjahr)
(16,4 %; 9/55 vs. 0 %; 0/25; p < 0,04) beobachtet (Tab. [4]). Ebenfalls statistisch signifikant erhöht waren bei diesen Patienten im Vergleich
zu den Kontrollprobanden die HLA-Merkmale Cw2 (20,0 %; 11/55 vs. 8,3 %; 13/157; py < 0,025) und Cw6 (40,0 %; 22/55 vs. 23,6 %; 37/157; py < 0,025).
Tab. 4 Manifestationsalterbezogene Unterschiede im HLA-Muster bei den Patienten mit „Mischform”
im Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen
| HLA-Merkmal |
Kontrollprobanden (n = 157) |
Patienten (n = 80) |
|
|
MA ≤ 40 (n = 55) |
MA > 40 (n = 25) |
| B27 |
7,6 % (12 Pat.) |
16,4 % ( 9 Pat.) |
0,0 % (0 Pat.) |
| B57 |
7,6 % (12 Pat.) |
16,4 % ( 9 Pat.) |
0,0 % (0 Pat.) |
| Cw2 |
8,3 % (13 Pat.) |
20,0 % (11 Pat.) |
8,0 % (2 Pat.) |
| Cw6 |
23,6 % (37 Pat.) |
40,0 % (22 Pat.) |
20,0 % (5 Pat.) |
Im HLA-Muster der „Mischformen” wurden weiterhin auch geschlechtsabhängige Unterschiede
beobachtet (Tab. [5]), indem Homozygotien der HLA-DRB4-Region (DR53,53) bei den Frauen signifikant häufiger
als bei den Männer (19,1 %; 8/42 vs. 2,6 %; 1/38; p < 0,025) und ebenfalls signifikant
häufiger als bei den weiblichen Kontrollpersonen (19,1 %; 8/42 vs. 7,5 %; 7/94; py < 0,005) auftraten.
Tab. 5 Geschlechtsbezogene Unterschiede im HLA-Muster bei den Patienten mit „Mischform” im
Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen
weibliche Patienten HLA-DR53,53 |
männliche Patienten HLA-DR53,53 |
weibliche Kontrollprobanden HLA-DR 53,53 |
| 19,1 % (8/42) |
2,6 % (1/38) |
7,5 % (7/94) |
Außerdem konnte festgestellt werden, dass die weiblichen Patienten mit Frühform der
Erkrankung (Manifestationsalter ≤ 40. Lebensjahr) neben einer signifikant erhöhten
Frequenz von DRB4(DR53)-Homozygotie auch eine HLA-DRB1(DR4,4 oder DR7,7)-Homozygotie
(19,1 %; 8/42 vs. 2,1 %; 2/94; py < 0,005) bei einem gleichzeitigen Auftreten der Kombination von gleichen HLA-B-Supertypen
(Bw4,4 oder Bw6,6) (19,1 %; 8/42 vs. 0 %; 0/94; py < 0,005) im Vergleich zu den weiblichen gesunden Kontrollpersonen aufweisen (Tab.
[6]).
Tab. 6 HLA-Homozygotie bei den Patientinnen mit Frühform der Erkrankung (Manifestationsalter
≤ 40. Lebensjahr) im Vergleich zu den gesunden weiblichen Kontrollprobanden
| HLA-Homozygotie |
DRB4(DR53): DRB1(DR4,4 & DR7,7) |
DRB4(DR53): Bw (Bw4,4 & Bw6,6) |
Patientinnen (Manifestationsalter ≤ 40. Lebensjahr) |
19,1 % (8/42) |
19,1 % (8/42) |
| Weibliche Kontrollprobanden |
2,1 % (2/94) |
0 % (0/94) |
Diskussion
Diskussion
Die in der vorliegenden Studie festgestellte Koexistenz von AD und Psoriasis liegt
bei 5,3 % (80/1520) und bezieht sich auf 1520 stationär aufgenommene Patienten mit
vorbekannter Psoriasis oder vorbekannter AD einer therapeutisch orientierten Rehabilitationsklinik
in Deutschland. Dabei wiesen die Patienten mit vorbekannter Psoriasis in 2,4 % (29/1216)
der Fälle und die Patienten mit der Einweisungsdiagnose „AD” in 6,3 % der Fälle (15/237)
zusätzlich eine AD bzw. Psoriasis auf. Welp et al. konnten eine Koexistenz beider
Krankheitsbilder bei 1,7 % von 1065 untersuchten Patienten mit Psoriasis, Geyer et
al. bei 2,3 % von 390 Psoriatikern, Lambert und Dalac bei 2,5 % Psoriasis-Patienten
und 2,7 % der Patienten mit AD [11]
[12]
[14] ermitteln. Eine höhere Koinzindenz wurde von Beer et al. [10] gefunden. So hatten 16,7 % der Patienten mit AD zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens
zusätzlich auch eine Psoriasis. Röcken et al. fanden bei 8 von 68 Psoriasis-Patienten
(11,8 %) eine Atopie [13]. Demzufolge liegt die in der vorliegenden Untersuchung gefundene Koexistenz von
AD und Psoriasis mit 5,3 % im Rahmen der aus der Literatur entnommenen Ergebnisse
[10]
[14].
Es muss jedoch erwähnt werden, dass das in der vorliegenden Studie untersuchte Patientenkollektiv
aus einem größeren Anteil an Patienten mit vorbekannter Psoriasis bestand (1216 Psoriatikern
gegen 237 Patienten mit der Einweisungsdiagnose „AD”). Das entspricht nicht der Prävalenzverteilung
dieser Dermatosen in der deutschen Normalbevölkerung, hängt aber mit dem Profil der
TOMESA-Fachklinik zusammen. Dieser Aspekt muss bei der Gesamtbeurteilung der Prävalenz
der Mischformen berücksichtigt werden.
Bei den Patienten mit „Mischform” wurden atopische Stigmata, wie Pruritus (99 %),
Xerosis (93 %), Dermographismus albus (76 %) und palmare Hyperlinearität (39 %), genauso
häufig wie bei den Patienten mit einer klassischen AD gefunden [16]
[17]. Manche Autoren nehmen an, dass Pruritus bei Psoriatikern ein erster Hinweis auf
die Koinzidenz mit einer atopischen Dermatitis ist [14]. Eine Dyshidrosis lag bei diesen Patienten mit 63 % doppelt so häufig vor [16]
[17]. Deshalb können dyshidrosiforme Bläschen als ein spezifisches Charakteristikum der
„Mischform” angesehen werden. Ebenfalls häufig, jedoch seltener als bei einer klassischen
AD, sind Juckreiz beim Schwitzen mit 40 % (Literatur: 71 - 77,6 %) [16]
[17] und Wolleunverträglichkeit mit 45 % (Literatur: 70 %) [16] angegeben worden. Bei 43 % der Patienten mit „Mischform” fanden sich erhöhte Gesamt-IgE-Werte
von über 120 kU/l. Im Vergleich zu anderen Untersuchungen war das seltener als bei
Patienten mit einer klassischen AD (52 - 75 %) [16]
[19], jedoch häufiger im Vergleich zu den Psoriatikern (33 %) [19]. Die Probanden mit dem HLA-Supertyp DR52 (DR52,DR52 oder DR52,blank) zeigten im
Gegensatz zu den Patienten mit dem Supertyp DR53 (DR53, DR53 oder DR53,blank) eine
größere Tendenz (>50 %) zu erhöhten Gesamt-IgE-Werten. Der Einfluss des HLA-Types
auf die Konzentration der Serum-Immunglobuline A, M und E ist bereits beschrieben
worden [20].
Die mit der hereditären Frühform der Psoriasis assoziierten HLA-Merkmale B27, B57,
Cw2 und Cw6 [21] waren auch bei den Patienten mit „Mischform” signifikant häufiger anzutreffen. Die
Assoziation der „Mischformen” mit diesen Markern spricht dafür, dass neben den atopischen
Komponenten auch ein stark der Psoriasis ähnlicher genetischer Hintergrund dieses
Krankheitsbildes auftritt. Bei den weiblichen Patienten mit Frühform der Erkrankung
(Manifestationsalter ≤ 40. Lebensjahr) wurde in der vorliegenden Untersuchung eine
Homozygotie des HLA-Klasse II-Supertypes DRB4(DR53) und der damit assoziierten HLA-DRB1-Merkmale
DRB1*04 bzw. DRB1*07 signifikant häufiger als bei den weiblichen Kontrollpersonen
gefunden. Außerdem wiesen diese Patientinnen ausschließlich Kombinationen gleicher
HLA-B-Supertypen (Bw4,Bw4 oder Bw6,Bw6) auf. Es könnte deshalb vermutet werden, dass
auch der Bereich zwischen HLA-B und HLA-DRB1:DRB4(DR53) homozygot ist. Bekannterweise
sind in diesem Bereich die HLA-Klasse-III-Merkmale determiniert, wie z. B. die Tumor-Nekrose-Faktoren
(TNF) α und β [22] und bestimmte Komplementfaktoren. Das könnte dahingehend von Bedeutung sein, dass
sowohl das Zytokin TNFα [6]
[23] als auch das Komplementsystem pathogenetisch an den Entzündungsreaktionen der beiden
Erkrankungen beteiligt sind. Des weiteren ist bekannt, dass eine Homozygotie der HLA-Region
auf die Entwicklung von Krankheiten einen fördernden Einfluss ausüben kann [24]. Es ist folglich zu vermuten, dass die Manifestation einer „Mischform” der beiden
Erkrankungen durch Homozygotie von rezessiv vererbten Krankheitsanfälligkeits-Merkmalen,
die mit diesen diskutierten HLA-Supertypen assoziiert sind, begünstigt wird.
Es kann geschlussfolgert werden, dass bei klinischen Erscheinungsformen, die nicht
sicher der einen oder der anderen Dermatose zuzuordnen sind, immer sowohl die für
AD als auch für Psoriasis definierten diagnostischen Kriterien zu prüfen sind. Für
die Erfassung dieser Krankheitsbilder („Mischform”) sind eigen- und familienanamnestische
Daten bezüglich AD, Psoriasis und respiratorischer Atopie sowie die hier ermittelten
klinisch charakteristischen Merkmale aussagefähig. Besonders bei untypisch erscheinenden
psoriatischen Läsionen wiesen klinische Zeichen, wie Pruritus, Xerosis, Dermographismus
albus, Dyshidrose, Wolleunverträglichkeit und palmare Hyperlinearität, auf das Vorliegen
einer „Mischform” hin. Auch die bei annähernd der Hälfte der Patienten (34/80) nachgewiesenen
erhöhten Gesamt-IgE-Werte tragen insbesondere bei Patienten mit klinisch ursprünglicher
Diagnose „Psoriasis” zu einer weiteren Charakterisierung der „Mischformen” bei.
Die bei den Patienten mit „Mischform” im HLA-System gefundenen Besonderheiten sprechen
dafür, dass dabei der genetische Hintergrund neben den atopischen Komponenten (erhöhte
IgE-Produktion) vor allem durch die für die hereditäre Frühform der Psoriasis typischen
HLA-Merkmale charakterisiert wird. Es zeigte sich weiterhin, dass die Entstehung von
„Mischformen” zumindenst bei den weiblichen Personen durch Homozygotie der Region
zwischen HLA-B und -DRB1:DRB4(DR53) begünstigt werden könnte.
Die Identifizierung der „überlagerten” Krankheitsbilder von AD und Psoriasis ist für
eine adäquate Therapiewahl wichtig: eine AD verlangt eine milde, rückfettende, antiinflammatorische
Lokalbehandlung, während bei Psoriasis eher eine aggressive, stark enzündungshemmende
und keratolytische topische Therapie erforderlich ist. Bei Behandlung der Mischformen
muss sichergestellt sein, dass es nicht zu Irritationen an der Haut kommt, in deren
Folge häufig ein verstärkter Pruritus und eine Verschlimmerung der Hauterscheinungen
auftreten. Außerdem könnte durch eine nicht adäquate Therapie nicht nur die Abheilung
verzögert, sondern auch ein neuer Krankheitsschub auslöst werden. Vor allem dithranolhaltige
Externa und systemische Medikation mit z. B. MTX, Acitretin oder Fumarsäure sollten
bei der Behandlung von Mischformen zurückhaltend eingesetzt werden.
Durch den Nachweis einer Koexistenz von Psoriasis und AD ergeben sich möglicherweise
auch weitere Ansatzpunkte für die Aufklärung der pathogenetischen Ursachen und Zusammenhänge
dieser beiden häufigen und sozial bedeutenden Dermatosen. Ein genaues Verständnis
der Zusammenhänge trägt letztlich dazu bei, dass in der Zukunft wirksamere Therapiemöglichkeiten
gefunden werden.
Danksagung
Danksagung
Hiermit sei den Medizinisch-techischen Assistentinnen des Interdisziplinären HLA-Labors
des Universitätsklinikums Halle, besonders aber der leitenden MTAA Frau Schaaf, für
die engagierte und exzellente Durchführung der HLA-Untersuchungen gedankt.