Trägt der funktionelle Polymorphismus in der "5-HTT gene linked polymorphic region" (5-HTTLPR s-Allel), der zu einer verminderten Expression des Serotonintransporters (5-HTT) führt, bei chronischem Ecstasykonsum zu vermehrten emotionalen Verarbeitungsstörungen und Depression bei?
Einschlusskriterien: Fallgruppe A Ecstasykonsum zu mindestens 30 Gelegenheiten, Fallgruppe B mit Ecstasyabstinenz mindestens drei Wochen vor Studienbeginn
Kontrollgruppen: Probanden ohne Suchterkrankung, Cannabiskonsumenten und Probanden ohne Suchterkrankung mit Cannabiskonsum ohne bisherigen Ecstasykonsum
Ausschlusskriterien: Jeglicher Drogenkonsum am Tag der Studie. Ecstasy/Amphetaminnachweis im Plasma
Studiendesign: Fall-Kontroll-Studie, genetische Assoziationsstudie. N=66 in der Fallgruppe, N=58 (30 Cannabiskonsumenten, 28 ohne Drogenkonsum) in der Kontrollgruppe. Vor Beginn: Persönlichkeitstest (Impulsivität, Waghalsigkeit, Empathie), Intelligenzquotient, Suchtmittelanamnese
Studienort: University of Cambridge School of Clinical Medicine, UK
Neuropsychologische Tests: emotionale Verarbeitung und Depression. Anschließende Zuordnung der Ergebnisse zu dem jeweiligen Serotonintransporter-Genotyp
Outcome: Genotypisierung: Polymerase-Chain Reaction (PCR). Funktioneller Polymorphismus in 5-HTTLPR (Chr. 17q12): 44bp Insertion (long>l-Allel>>5-HTT↑) und/oder Deletion (short > s-Allel>>5-HTT↓). Allelkombinationen: l/l, s/l, s/s
Neuropsychologische Test: Emotionale Verarbeitungsprozesse: Affective Go/No-Go Test: Wortblöcke je zur Hälfte aus traurigen/ glücklichen Worten im Wechsel. Nach Vorgabe auf zu reagierende Emotion (Traurigkeit/Glücklichkeit) Reaktion durch Knopfdruck bei Erscheinen des zur Vorgabe passenden Wortes. Wechsel der Vorgabe alle 2 Blöcke (shift>nonshift>shift...). Erwartungsgemäß Fehlerreduktion beim Wechsel shift zu nonshift-Block, ausbleibende Fehlerreduktion als Hinweis für Störungen bei emotionalen Verarbeitungsprozessen
Affektive Störungen: Beck Depression Inventory (BDI) Cut-off: 9 Punkte (milde Depression). Scoremax: 63 Punkte
Resultat: Die Genotypverteilung unterscheidet sich nicht signifikant und entspricht der zu erwartenden in der Bevölkerung. Damit ist 5-HTTLPR wahrscheinlich kein Prädiktor für Ecstasykonsum
Störung der kognitiven emotionalen Verarbeitung bei ausbleibender Fehlerreduktion im Affective Go/No-Go-Test bei Ecstasykonsumenten mit s/l- und s/s-Genotyp, nicht mit l/l-Genotyp. Normales Verhalten bei Kontrollgruppen, kein Unterschied hinsichtlich des Genotyps. Keine signifikante Interaktion anderer Drogen
Signifikant höhere BDI-scores bei Ecstasykonsumenten mit s/l- oder s/s-Genotyp im Vergleich zu Kontrollen und Ecstasykonsumenten mit l/l-Genotyp. Höchste Anzahl an Depressiven (BDI>9) bei Ecstasykonsumenten mit s/s Genotyp
Kommentar: Erste Studie, die 5-HTTLPR und emotional-kognitive Defizite bei Ecstasykonsumenten untersucht
Bei experimentell alimentär verursachtem Serotoninentzug ähnliche Ergebnisse, wie in vorliegender Studie
Schluss: s-Allel führt vermutlich über niedrigere serotonerg vermittelte Neurotransmission zu erhöhter Vulnerabilität des serotonergen Transmittersystems bei und begünstigt dadurch das Auftreten emotional-kognitiver und affektiver Störungen
Nachteile dieser Studie: Familienanamnese (genetischer Hintergrund?) und Gen-Umweltinteraktion wurden nicht berücksichtigt. Kleine Fallzahl
Özgür Albayrak,
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Rheinische Kliniken Essen
Quelle: Assocation of a Functional Polymorphism in the Serotonin Transporter Gene With Abnormal Emotional Processing in Ecstasy Users. Roiser JP, Cook LJ, Cooper JD, Rubinsztein DC, Sahakian BJ. Am J Psychiatry 2005; 162: 609-612