Z Geburtshilfe Neonatol 2006; 210(3): 107-117
DOI: 10.1055/s-2006-941555
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Schmerzverhalten und Bewältigungsformen von Frühgeborenen (< 1500g) im korrigierten Alter von 36 Monaten - Einflüsse neonataler Erfahrungen und mütterlicher Ängste

Pain Management and Coping Behaviour in Premature Babies (< 1500 g) at Corrected Age of 36 Months - Influence of Neonatal Experience and Maternal AnxietyC. Ganseforth1 , D. Rödder1 , R. Klein2 , A. Kribs2 , F. Pillekamp2 , Ch. Hünseler2 , A. von Gontard3 , B. Roth2
  • 1Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
  • 2Klinik und Poliklinik für Allgemeine Kinderheilkunde, Bereich Neonatologie
  • 3Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Universitätskliniken des Saarlandes, Homburg/Saar
Further Information

Publication History

Eingereicht: 31.8.2005

Angenommen nach Überarbeitung: 6.3.2006

Publication Date:
22 June 2006 (online)

Zoom Image

Zusammenfassung

Hintergrund: Bei Frühgeborenen wird vermutet, dass neonatale Schmerz- und Distresserfahrungen neurologische Entwicklungsstörungen auslösen, die neben dem Einfluss elterlichen Erziehungsverhaltens langfristig zu Verhaltensauffälligkeiten und sozial-emotionalen Problemen der Kinder führen. Ziel dieser Studie war, Auswirkungen früher Schmerzerfahrungen und mütterlicher Ängste auf die Schmerzreaktion und Bewältigung von Schmerzsituationen bei Frühgeborenen zu untersuchen. Methoden: In einer prospektiven Studie wurden von 69 Frühgeborenen (< 1500g) neonatale Basisdaten, Angaben über schmerzhafte Maßnahmen, Analgosedierung und den medizinischen Zustand (Nursery Neurobiological Risk Score; NBRS) erhoben. Im (korrigierten) Alter von 3 Jahren wurde für 53 Frühgeborene und 23 Reifgeborene das Schmerz- und Bewältigungsverhalten über einen Schmerzerhebungsbogen ermittelt. Mütterliche Ängste um den kindlichen Gesundheitszustand wurden für die Frühgeborenengruppe im korrigierten Alter von 3, 12 und 36 Monaten mittels Interviews erfasst. Ergebnisse: Das mittlere Gestationsalter der Frühgeborenen betrug 29 + 0 SSW (23 + 3 - 34 + 1), das mittlere Geburtsgewicht 1058 g (380 - 1480), das der Kontrollkinder 39 + 3 SSW (37 + 0 - 42 + 0) und 3379 g (2400 - 4130). Das Geschlechterverhältnis war annähernd gleich. 45,3 % der Frühgeborenen waren Mehrlinge (Kontrollgruppe: 34,8 %). In der Frühgeborenengruppe ergaben sich für alle Schmerzsituationen lediglich deskriptiv höhere Schmerzscores. Das Geburtsgewicht korrelierte nach Auspartialisierung aller weiteren Hintergrundvariablen als einziger neonataler Einflussfaktor negativ mit späterem Schmerzverhalten in medizinischen Schmerzsituationen. Bei alltäglichen Verletzungssituationen zeigte die Frühgeborenen- gegenüber der Reifgeborenengruppe ein ungünstigeres Bewältigungsverhalten. Neonatal war ein kürzerer Klinikaufenthalt auch nach Auspartialisierung aller möglichen Hintergrundvariablen mit einem stärkeren Rückzugsverhalten assoziiert. Mütterliche Ängste im korrigierten Alter von 12 und 36 Monaten waren mit ungünstigeren Bewältigungsformen von alltäglichen Verletzungssituationen korreliert. Schlussfolgerung: Frühgeborene (< 1500g) zeigen als Gesamtgruppe keine erhöhte Schmerzempfindlichkeit; für die Teilgruppe der extrem unreifen Kinder besteht jedoch ein Risiko für eine spätere Schmerzproblematik. Frühgeborene setzen ungünstigere Bewältigungsformen bei alltäglichen Verletzungssituationen ein, an deren Entstehung mütterliche Ängste um das Kind beteiligt zu sein scheinen. Zur Untersuchung der Schmerzproblematik bei Frühgeburtlichkeit gilt es künftig, nicht nur unmittelbares Schmerzverhalten, sondern ebenso Bewältigungsstrategien und moderierende psychosoziale Einflussfaktoren zu fokussieren, da es sich hierbei möglicherweise um frühe Vorboten späterer internalisierender Verhaltensauffälligkeiten handeln könnte, wie sie im Schulalter nachweisbar sind.

Abstract

Introduction: Neonatal experience of pain and distress can lead to developmental problems, which can be associated with long-term emotional and behavioural disorders. The aim of the study was to analyse the effects of early experiences of pain and maternal reactions on the pain and coping behaviour of preterm infants. Methods: In a prospective longitudinal study of 69 very low birth weight (VLBW) preterm infants, neonatal data regarding painful manipulations, analgesics and sedatives, and general medical condition (Nursery Neurobiological Risk Score; NBRS) were assessed. At the (corrected) age of 36 months, 53 preterm infants and a control group of 23 full-term infants were re-examined. Pain and coping behaviour were estimated by a questionnaire. Maternal anxiety was assessed in semi-structured interviews at the age of 3, 12 and 36 months in the preterm group. Results: The mean gestational age was 29 + 0 weeks (23 + 3 to 34 + 1), the mean birth weight 1058 g (380 to 1480 g) in preterms and 39 + 3 weeks (37 + 0 to 42 + 0) and 3379 g (2400 to 4130 g), respectively, for the full-terms. The sex ratio was equal, 45.3 % of the preterms were multiples (controls 34.8 %). Preterms had higher descriptive scores for all types of pain situations. After controlling for other associated factors, a negative correlation between birth weight and later pain behaviour in medical situations remained. Preterms had a more negative coping behaviour during every day injuries. In terms of coping behaviour, only a shorter inpatient treatment in the neonatal period was associated with social withdrawal after controlling for other associated factors. Maternal anxiety at the age of 12 and 36 months was associated with negative coping behaviour following simple injuries. Conclusions: While preterms do not have a higher pain threshold in general, a subgroup does have a higher risk for later sensation to pain. Preterms use more unfavourable coping strategies in simple injuries which, in turn, seem to be decisively mediated by maternal anxiety. Future research should focus on psycho-social factors involved in the development of pain reactions, as these can predispose towards behavioural disorders.