B&G Bewegungstherapie und Gesundheitssport 2007; 23(2): 76
DOI: 10.1055/s-2007-960620
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M. Steinau1
  • 1Reha-Klinik Schwertbad, Aachen
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Publication Date:
10 April 2007 (online)

Ist ein Bandscheibenvorfall in jedem Fall eine Indikation für eine Operation?

Heinz S., Sporttherapeut aus Niederkassel-Ranzel

Es antwortet Dr. Martin Steinau, 1. Vorsitzender des DVGS:

Nein. Zu einer operativen Entfernung von Bandscheibengewebe wird geraten bei akuter Blasen- und Mastdarmlähmung oder bei manifesten neurologischen Ausfallerscheinungen. Neuere amerikanische Studien haben bestätigt, dass in der Langzeitbetrachtung Patienten ohne operative, sondern mit konservativer Versorgung im Durchschnitt bessere Aussichten haben. Damit wird der seit einiger Zeit bestehende Trend, seltener zu operieren, bestätigt. Auch wird das Postdiskotomiesyndrom, die Bildung von Narbengewebe innerhalb des Heilungsvorgangs, das dann seinerseits raumverdrängend Beschwerden auslösen kann, vermieden.

In der akuten Phase helfen z. B. entzündungshemmende Medikamente die durchaus intensive Schmerzphase zu überbrücken. Unterstützt wird dies durch physikalische TherapiemaÞnahmen im Zusammenhang mit der Bewegungs- und Physiotherapie (Entlastung und Mobilisation der Neurostrukturen, Erhaltung der Grundmobilität). Hohe Bedeutung kommt der Aufklärung und Führung des Patienten zu, was eine pädagogische Grundqualifikation der betreuenden Teammitglieder voraussetzt. Zu starke Bewegungsintensität in der frühen Phase kann zur Symptomverschlimmerung führen und die Angst vor (zukünftiger) Belastung verstärken. Langsames Herantasten an die individuellen Grenzen ist von Nöten.

Gleichzeitig muss der Patient über die (Selbst-) Heilungsvorgänge des Körpers, wie z. B. Volumenreduzierung des vorgefallenen Gewebes, dadurch Nachlassen der Bedrängungssituation des Nervs, dadurch Reduzierung der Entzündungstendenz usw. aufgeklärt werden (Wissensvermittlung). Ganz wichtig ist, dem Patienten eine positive Perspektive zu vermitteln, ihn zu beruhigen und mit positiven, verkraftbaren Belastungssituationen mögliche Ängste zu nehmen. Ist die akute Phase überwunden, erfolgen innerhalb der Bewegungs- und Sporttherapie die aufbauenden Reizsetzungen im Sinne der Stoffwechselförderung, der Koordinationsverbesserung (u. a. Innervationsverbesserung) und des Muskelaufbaus. Die Gruppentherapie hilft mit, psycho-soziale Schutzfaktoren aufzubauen. Für die weitere Bewältigung und Sekundärprävention sind langfristig Bewegungs- und Sportformen zu vermitteln (Walking, Jogging, Schwimmen, Radfahren usw.), Selbstmanagementprozesse beim Betroffenen zu initiieren und ihm innerhalb eines Netzwerkes Ansprechpartner zu geben. Auf immer mal wiederkehrende Rückenschmerzen sollte hingewiesen werden. Der Betroffene sollte vorbereitet sein und mit Sorgfalt und Besonnenheit auf ein erneutes Schmerzereignis reagieren, das auf dem Boden degenerativer Prozesse immer wieder entstehen kann und in aller Regel nicht auf demjenigen eines erneuten Bandscheibenvorfalls beruht.

Korrespondenzadresse

Dr. M. Steinau

Reha-Klinik Schwertbad

Benediktinerstr. 23

52066 Aachen