Bei der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse gibt es viel Licht, aber auch viel Schatten, dies zeigen die Ergebnisse der inzwischen drei Umfragen aus dem "Euro Heart Survey Programm". Insbesondere die Ärzte haben in den abgebildeten Jahren viel dazugelernt, wie Prof. David Wood, London (UK), anhand der erst in diesem Jahr beendeten dritten Umfrage (EUROASPIRE[1] III) dokumentierte.
Erhielten 1995/1996 in Deutschland mit 43,6 % nicht einmal die Hälfte der KHK-Patienten einen Betablocker, sind es heute 85 %. Ähnlich gut ist inzwischen die Versorgungssituation mit ACE-Hemmern bzw. Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten, die jetzt nicht mehr nur bei 31,4 sondern bei 72,8 % der Patienten eingesetzt werden. Besonders augenfällig sind die Veränderungen aber in Bezug auf die Lipidtherapie: Nahmen in EUROASPIRE I nur 31,1 % der Befragten ein Statin ein, hat sich ihre Zahl heute auf 85,4 % erhöht.
Auswirkungen sind durchwachsen
Auswirkungen sind durchwachsen
Die Blutfettwerte sind es dann auch, die heute besser kontrolliert sind als noch vor zehn Jahren. Statt 94,3 % der KHK-Patienten erreichen heute nur noch etwa die Hälfte nicht die geforderten Gesamtcholesterinwerte. Ähnlich positiv sieht es beim LDL-Cholesterin aus: Inzwischen liegen nur noch 54,2 % der Patienten über den Zielwerten. In der ersten Umfrage waren dies noch 96,8 %. Doch so gut die Zahlen auch klingen mögen: Im Umkehrschluss bedeutet es, dass noch immer jeder zweite Patient mit koronarer Herzkrankheit nicht einmal die Ziele der europäischen Leitlinie aus dem Jahr 2003 erreicht (LDL < 100 mg/dl).
Wenig getan hat sich dagegen beim Bluthochdruck berichtete Wood, trotz des deutlich besseren Einsatzes von Antihypertensiva, wobei sich Deutschland immerhin gegen den europäischen Trend bewegt. Generell hat sich die Lage nämlich sogar etwas verschlechtert, statt 41,0 % erreichen in allen acht Umfrageländern zusammengenommen noch 38, 7 % der Befragten die angestrebten Zielwerte. In Deutschland dagegen ist immerhin ein Trend zu einer besseren, leitliniengerechten Blutdruckkontrolle zu sehen (Steigerung von 39,7 auf 45,2 %).
Besonders katastrophal jedoch ist die Lage bei Diabetikern. Hier haben sich die Prävalenzen innerhalb der letzten gut zehn Jahre von 13,5 auf 22,6 % praktisch verdoppelt. Dazu kommt, dass heute nur noch 18,7 % der Diabetiker auf einen HbA1c-Wert unter 7 % eingestellt sind. In der letzten Umfrage waren dies immerhin noch 26,9 %.
Einfache Erklärung der Misere
Einfache Erklärung der Misere
Worauf diese alarmierende Entwicklung zurückzuführen ist, darauf hatten Wood und der Diskutant der Studie, Prof. Philip A. Poole-Wilson (London, UK), eine einfache Erklärung: So stieg der Anteil an Rauchern in Deutschland von 16,3 auf 18,4 % und der Prozentsatz der Dicken mit einem Body-Mass-Index über 25 kg/m2 von 82,4 auf 85,3 % immer weiter. Besonders alarmierend ist dabei der Anteil der extrem Übergewichtigen, der sich inzwischen praktisch verdoppelt hat und heute bei 41,1 % liegt.
Als einen Lösungsvorschlag für dieses Problem stellte Poole-Wilson die Einrichtung spezialisierter Kliniken mit speziellen Programmen zur Sekundärprävention zur Diskussion. Er sagte ganz klar: "Wir haben in Problem: Zwar verschreiben wir die Medikamente, versagen aber dabei, den Patienten die Auswirkungen ihres Lebensstils vor Augen zu halten!"
Quelle: Hotline Session I auf dem Kongress der European Society of Cardiology 2007