Der Klinikarzt 2007; 36(9): 495
DOI: 10.1055/s-2007-991558
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Fehldiagnosen

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Publication Date:
08 October 2007 (online)

Insbesondere im apparativ-technischen Bereich stehen heute immer mehr und immer bessere diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung. Dementsprechend sollte nach Abschluss des diagnostischen Entscheidungsprozesses die Rate an Fehldiagnosen, die eine falsche Therapie und eine konsekutive Verschlechterung der Prognose des Patienten nach sich ziehen, stetig sinken. Dennoch liegt ihre Prävalenz in Großkrankenhäusern und Universitätskliniken Mitteleuropas und Nordamerikas laut aktuellen Studiendaten unverändert bei etwa 10 %.

Eine Ursache für diesen Widerspruch findet sich in unserem täglichen klinischen Alltag: Denn eine Diagnose wird aufgrund bestimmter Symptome und Befunde gestellt, wobei eigene Erfahrungen, die geltende Lehrmeinung, die Auswertung von Zusatzuntersuchungen, die Verlaufsbeobachtung sowie die spezielle Situation des Patienten mit in die Entscheidung einfließen. All dies erscheint selbstverständlich, doch können in den Turbulenzen des täglichen Routinebetriebs nur allzu leicht einzelne Gesichtspunkte zu kurz kommen, woraus Fehlinterpretationen resultieren können.

Zudem zeigen bei der Erstdiagnostik nur 10-20 % der Erkrankungen der Inneren Medizin das aus dem Lehrbuch bekannte charakteristische klinische Bild. Insbesondere zu Beginn präsentieren sich viele Krankheiten mono- bzw. oligosymptomatisch. Daher ist es verständlich, dass in der Regel nicht seltene Krankheitsbilder, sondern atypische Verlaufsformen und Manifestationen geläufiger Erkrankungen fehlerhaft interpretiert werden. Gerade im höheren Lebensalter kann die Krankheitssymptomatik stark variieren und mitigiert sein. Sich überlagernde Beschwerden verschiedener Erkrankungen erschweren eine korrekte Diagnose in dieser Situation noch zusätzlich. Dazu kommt die oftmals kaum mehr zu überschauende Pharmakotherapie, die sowohl die Symptomkonstellation als auch den Krankheitsverlauf beeinflussen bzw. verändern und damit Anlass zu diagnostischen Schwierigkeiten geben kann.

Aber auch psychosomatische und neuropsychiatrische Erkrankungen können mit uncharakteristischen bzw. diffusen Beschwerden einhergehen. So kann zum Beispiel eine depressive Verstimmung Ursache somatischer Beschwerden sein, die ihrerseits zu einer aufwendigen, oftmals ergebnislos verlaufenden oder irreführenden Diagnostik Anlass geben können. Andererseits können bestimmten Malignomen (z. B. dem Pankreaskarzinom) oder auch anderen internistischen Erkrankungen (etwa der perniziösen Anämie) sogenannte „Psychosyndrome” vorausgehen, die erst nach Wochen oder Monaten die eigentliche organische Ursache der Symptome erkennen lassen.

Die wichtigsten Ursachen von Fehldiagnosen dürften jedoch die Vernachlässigung der klassischen klinischen Untersuchungsmethoden, die inadäquate Gewichtung und Fehlinterpretation von Befunden apparativ-technischer Diagnoseverfahren und der erhebliche Rückgang der Obduktionsfrequenz in unseren Krankenhäusern sein.

'Fehldiagnosen' und der Umgang mit solchen Fehlern sind derzeit also unverändert Bestandteil unseres klinischen Alltags, weshalb wir dieses Thema in dieser Ausgabe des klinikarzt ausführlich beleuchten wollen. Wir präsentieren daher interessante Fälle aus der Kardiologie sowie der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie mit klassischen, zum Teil aber dennoch verblüffend-überraschenden Fehl- oder Differenzialdiagnosen, widmen uns aber auch Fehlern bei der Arzneitherapie. Schließlich diskutieren wir auch den richtigen Umgang mit Fehlern und das Thema Patientensicherheit. So bleibt mir nur noch, Ihnen eine anregende Lektüre zu wünschen!

Prof. Dr. Wilhelm Kirch
Prof. Dr. Matthias Schrappe

Dresden


Frankfurt am Main