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DOI: 10.1055/a-1979-8887
Schall trifft Strahl seit 1972 – Fifty years of grey!
Sound meets ray since 1972 – fifty years of grey!
Der heute alltäglichen „side-by-side“ Beurteilung sonografischer und szintigrafischer Bilder der Schilddrüse widmete sich 1972 eine erste Veröffentlichung von Thijs et al. im Journal of Nuclear Medicine (JNM), sodass wir als Gastherausgeber des hier vorliegenden Heftes gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren der Beiträge, jedoch vor allem mit Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, auf 50 Jahre Ultraschallbildgebung im Fachgebiet Nuklearmedizin zurückblicken dürfen. Wir ([Abb. 1]) freuen uns, dass es gelungen ist, kompetente Autorinnen und Autoren zu gewinnen und ein breites sowie hoffentlich interessantes Themenspektrum rund um die Sonografie in der Nuklearmedizin abzudecken.
Schon seit vielen Jahren stellt Ultraschall die morphologische Basisbildgebung der Halsweichteile im Allgemeinen und der Schilddrüse im Besonderen dar. So stellte die interdisziplinär abgestimmte Leitlinie zur Schilddrüsendiagnostik der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin bereits 1999 fest, „bei jedem Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung“ sei die Ultraschallbildgebung indiziert.
Mittels früher sonografischer Techniken der 1950er- und 1960er-Jahre wurden mit großem Zeitaufwand unter Verwendung niedriger Sendefrequenzen transversale Schnittbilder des Halses angefertigt. Oft saßen die Patienten bis zum Kinn in einem Wasserbad, das als Koppelmedium und Vorlaufstrecke diente. Auch in den 1970er-Jahren waren Ultraschallaufnahmen noch mit großem Aufwand verbunden, wobei die Bildqualität weiterhin limitiert blieb, wie die Gegenüberstellung eines Compound-Scanner-Bildes (rechts in der Abbildung) aus dem vorgenannten JNM-Artikel im Vergleich zur aktuellen Bildqualität (auf dem Display des Gerätes) erkennen lässt.
Im Laufe der Jahrzehnte hat die Ultraschallbildgebung eine atemberaubende technische Entwicklung erfahren. Einigen wichtigen Innovationen der vergangenen 20 Jahre, die zu einer Verbesserung der Abbildungsqualität führten, haben wir den ersten Beitrag des Heftes gewidmet. Mit spezifischen Applikationstechniken befassen sich drei weitere dedizierte Artikel. Dazu zählt unter anderem die elastografische Bewertung von Schilddrüsenpathologien, die trotz bisher limitierten Einzugs in die klinische Praxis ein aktuell präsentes Thema der thyreologischen Fachliteratur darstellt. Darüber hinaus befasst sich ein Beitrag mit den derzeitigen Möglichkeiten und Grenzen nuklearmedizinisch-sonografischer Bildfusion, bei der zuvor aufgenommene PET(/CT)- und SPECT(/CT)-Bilder während der Ultraschalluntersuchung in Echtzeit überlagert werden. Zunehmenden klinischen Stellenwert erlangen sonografisch geführte lokalablative Verfahren, deren Bedeutung in einem weiteren Artikel der vorliegenden Ausgabe dargestellt wird.
Neben den technischen Innovationen und erweiterten Anwendungsgebieten der Sonografie, liegen uns als Gastherausgeber Aspekte der Standardisierung am Herzen. In frühen deutschsprachigen Fachbüchern der 70er Jahre findet noch der Begriff Ultraschalltomografie Verwendung, mit dem die Methode semantisch zutreffend als Schnittbildverfahren ausgewiesen wird. Allerdings ist im heutigen klinischen Alltag die Wahrnehmung des Ultraschalls als tomografische Untersuchungstechnik wenig präsent. Unseres Erachtens sollten die Sonografie analog zu radiologischen (CT, MRT) und nuklearmedizinischen (SPECT, PET) Modalitäten als genuine Schnittbildgebung begriffen und die daraus folgenden Implikationen sinnvoll auf die Ultraschallbildgebung übertragen werden. Daher schlagen wir nicht nur die standardisierte Durchführung im Sinne lückenloser Videosequenzaufnahmen, sondern auch die systematische digitale Archivierung des gesamten Bildmaterials vor, sodass spätere Nachbetrachtungen für Verlaufskontrollen, Supervision, Zweitmeinung, Begutachtung und Qualitätskontrollen möglich werden.
Darüber hinaus scheint auch die Standardisierung der Befundung unter Berücksichtigung von Risikosaspekten geboten, sodass sich ein Beitrag der wachsenden Bedeutung der TIRADS-Klassifikationen widmet. Die ultraschallbasierte Volumenbestimmung der Schilddrüse spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung thyreoidaler Erkrankungen. In einem kompakten Artikel wird den Ursprüngen der geschlechtsspezifischen oberen Volumengrenzwerte nachgegangen und ein differenzierter Umgang mit diesen vorgeschlagen.
Neben dem Organ selbst gilt das Augenmerk bei der Sonografie der Schilddrüse naturgemäß auch den umgebenden Strukturen. Folgerichtig widmet sich ein Beitrag inzidentellen Befunden benachbarter anatomischer Strukturen, die es differentialdiagnostisch zu bewerten und hinsichtlich ihrer klinischen Signifikanz einzuordnen gilt.
Die Leserschaft der Angewandten Nuklearmedizin besteht aus Kolleginnen und Kollegen, die langjährige Erfahrungen in der Sonografie der Halsweichteile haben. Wir hoffen trotzdem oder gerade deswegen, durch die Ihnen vorliegende Ausgabe einige Anregungen für die klinische und wissenschaftliche Arbeit geben zu können.
Ihr
Martin Freesmeyer und Philipp Seifert


Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
26. Mai 2023
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