PSYCH up2date 2024; 18(01): 3
DOI: 10.1055/a-2170-7574
Editorial

Editorial

Ulrich Voderholzer

in diesem Heft findet sich auch der Beitrag mit dem Titel: Zwangsstörungen: Expositionsbehandlung und Besonderheiten der Kompaktbehandlung, von Schäfer M, Yassari AH, Hansen BKA und Jelinek L. Die Autorengruppe um Frau Prof. Jelinek vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beschreibt darin ein insbesondere für den deutschen Sprachraum äußerst innovatives Modell einer Therapieform, die an nur vier Tagen stattfindet, dies aber in einer besonders intensiven Form mit einem sehr hohen Anteil an begleitenden Expositionsübungen. Dies ist von großem Interesse für die Versorgungssituation, und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen sind solche intensiven ambulanten Formate innerhalb unserer Versorgungsformen nicht verfügbar. Das übliche Setting ambulanter Psychotherapie verläuft mit Anmeldung zu einem Vorgespräch, probatorischen Sitzungen und dann einem in aller Regel typischen Format mit einem 50-minütigen Termin pro Woche. Natürlich gibt es bereits andere Formate mit einer höheren Sitzungsfrequenz sowie ambulante Gruppentherapien, aber das häufigste Setting dürfte immer noch der 50 Minuten Termin im Einzelsetting sein. Viele Patienten benötigen jedoch eine intensivere und vor allem eine spezifischere Therapie. Solche Therapien werden im ambulanten Rahmen kaum angeboten, sondern meist nur im stationären Rahmen. Insbesondere Patient*innen mit schweren Zwangs- und Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Essstörungen, schweren Persönlichkeitsstörungen profitieren besonders von sehr spezifischen und intensiven Settings.

Zum anderen ist an diesem Therapiekonzept der außerordentlich kurze Zeitraum von nur vier Tagen, in dem die Effekte erzielt werden, bemerkenswert. Dies ist auch von wissenschaftlichem Interesse, da sich hier die Frage stellt, ob bei gleicher Gesamtzahl von Sitzungen eine kompakte Anwendung von Therapie im Blockformat gegenüber einem üblichen Format mit Sitzungen und entsprechenden Abständen zwischen den Terminen, zumindest bei bestimmten Störungsbildern wie Ängsten und Zwängen effektiver ist. Die in Norwegen erzielten Behandlungsergebnisse einschließlich Katamnesen deuten darauf hin, und sollten ernst genommen werden [1], [2]. Die 2022 veröffentlichte revidierte Form der S3-Leitlinie Zwangsstörungen empfiehlt, wenn möglich, ein intensives Format, wie z. B. ein Blockformat für die Durchführung der Expositionsbehandlung zu verwenden [3].

Insofern ist es sehr erfreulich, dass die Autorengruppe aus Hamburg in diesem Heft für den deutschen Sprachraum eine solche Kompaktbehandlung beschreibt. Inwieweit sich Kompaktbehandlungen wie das norwegische Modell auch in anderen Ländern als effektiv erweisen wird und innerhalb unserer Versorgungssysteme auch praktisch umsetzbar ist – es sind zwar nur vier Tage, aber der Personalaufwand ist sehr hoch – bleibt natürlich abzuwarten.



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Article published online:
11 January 2024

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