Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement 2018; 23(02): 88-96
DOI: 10.1055/s-0043-110765
Originalarbeit
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Potential von Arbeitsunfähigkeits-Daten zur tagesgenauen Bestimmung des Krankheitsbeginns in GKV-Routinedaten

Using daily information on sick leave diagnosis from claims data to determine the disease onset
Dirk Horenkamp-Sonntag
WINEG | Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen
,
Roland Linder
WINEG | Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen
,
Susanne Engel
WINEG | Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen
,
Udo Schneider
WINEG | Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen
,
Frank Verheyen
WINEG | Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen
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Publication History

Publication Date:
04 July 2017 (online)

Zusammenfassung

Zielsetzung In der Versorgungsforschung ist der exakte Zeitpunkt des Krankheitsbeginns relevant, z. B. zur Messung der Leitlinienadhärenz. Bei akutem nicht-spezifischen Rückenschmerz sollte in den ersten sechs Wochen keine Bildgebung erfolgen. Da ambulant nur auf Quartalsebene dokumentiert wird, wurde die Nutzbarkeit von tagesgenauen Informationen zur Arbeitsunfähigkeit (AU) untersucht.

Methodik Am Beispiel Rückenschmerzen (ICD M54) wurde mit TK-Routinedaten analysiert, bei wie vielen Versicherten eine potentiell nicht-indizierte radiologische Bildgebung erfolgte. Anstelle der ambulanten Diagnosen wurde auf tagesgenaue AU-Daten fokussiert.

Ergebnis Im Zeitraum 2011–2012 hatten 444 946 Versicherte erstmalig eine AU (M54). In 89,2% der Fälle lagen Rückenschmerzen verursachende Erkrankungen vor. Erstmalig aufgetretene akute nicht-spezifische Rückenschmerzen hatten 2 155 Versicherte. Erfolgte eine radiologische Diagnostik, war diese in 28,7% der Fälle zu früh.

Schlussfolgerung In Abhängigkeit von der medizinischen Indikation können die Analysemöglichkeiten durch tagesgenaue ICD-Diagnosen aus den AU-Daten erweitert werden. Diese Erkenntnisse lassen sich für Hochrechnungen auf Populationen nutzen, bei denen nicht durchgängig auf AU-Diagnosen zurückgegriffen werden kann.

Abstract

Aim Often the exact onset of disease is relevant for health services research. In the national guideline low back pain, no digital imaging should take place within the first six weeks of acute non-specific back pain. For outpatient services, the initial diagnosis is only reported on a quarterly basis. Hence, we investigate usability of daily information on sick leave diagnosis.

Method Based on TK claims data and the example of low back pain (ICD M54), we analyzed in how many cases a potentially unnecessary radiological imaging was supplied. We used diagnoses with dates from sick leave data on a daily basis.

Results In the period 2011–2012, 444 946 insured had a sick leave with M54 as diagnosis for the first time. In 89.2 % of these cases, back pain was caused by other diseases. Only for 2,155 insured, we observed acute, non-specific back pain for the first time. When radiological imaging was supplied, it was too early in 28.7 % of the cases.

Conclusion Depending on medical indication, starting points for an analysis could be enriched by the use of diagnoses from sick leave data. The results can be used to predict for populations where sick leave information is not continuously available.

 
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