Zusammenfassung
Lebenswelten und gesundheitliche Situation von Kindern und
Jugendlichen in der Bundesrepublik haben sich fundamental gewandelt.
Gemeinschaftseinrichtungen, wie Schule und Kindergarten, sind oft nicht mehr
nur Familienunterstützung, sondern Familienersatz. Die ärztliche
Individualversorgung ist zwar weitgehend flächendeckend sichergestellt,
das Inanspruchnahmeverhalten und der Gesundheitszustand zeigen nach wie vor
aber sozialepidemiologisch deutliche Gradienten. Die erforderlichen
Maßnahmen einer interdisziplinären Gesundheitsförderung und
sozialen Kompensation können nur am „Arbeitsplatz
Gemeinschaftseinrichtung” die gesamte Zielgruppe der Kinder und
Jugendlichen antreffen. Neben diesem bevölkerungsbezogenen Zugang ist aber
auch ein erheblicher und zunehmender Bedarf besonders der Schulen an
individueller medizinischer Experteninformation aufgrund der Umsetzung des
Integrationsgedankens für kranke und behinderte Kinder zu erkennen. Dem
Kinder- und Jugendgesundheitsdienst erwächst hierbei neben der eigenen
individualmedizinischen Beratung eine wichtige Koordinations- und
Vermittlungsfunktion zwischen betreuender Pädiatrie in Praxis und Klinik
einerseits sowie Schulverwaltung und Schule andererseits. Für
professionelle ärztliche Mitarbeiter im KJGD sind die hierfür zu
erwartenden fachliche Voraussetzungen: Kenntnis der normalen kindlichen
Entwicklung und ihrer Spannbreite, Kenntnis des Gesundheitssystems und der
regionalen Versorgungsstrukturen, Grundkenntnisse in der Epidemiologie,
kommunikative und soziale Kompetenzen, klinische Erfahrung in Pädiatrie,
Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Betriebsmedizin. Die fachärztlichen
Gebietsbezeichnungen Kinderheilkunde und öffentliches Gesundheitswesen
sind hierbei natürlich wünschenswert, können aber jeweils
für sich das erforderliche Profil nicht vollständig abdecken.
Bildungseinrichtungen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst
müssen daher ihre Fortbildungsangebote auf die dargestellten Erfordernisse
im KJGD einstellen. Kinder- und Jugendgesundheitsdienste werden künftig
eigene schulbetriebsärztliche Konzepte entwickeln müssen,
überwiegend vor Ort in den Gemeinschaftseinrichtungen Schule oder
Kindergarten präsent sein und eine kundenorientierte Berichterstattung
für Schule, Gemeinde und Ärzteschaft liefern. Bei Fortbestehen der
Jahrgangsuntersuchungen sollte deren Durchführung weitgehend
qualifiziertem Assistenzpersonal übertragen werden, damit ärztliche
Mitarbeiter für individuelle ärztliche Fragestellungen verfügbar
bleiben und sich in ihrer Professionalität zunehmend den
sozialepidemiologisch erhobenen medizinischen Versorgungsdefiziten zuwenden
können.
Abstract
The circumstances of life and the health status of children and
adolescents in Germany have undergone fundamental changes. Public institutions,
such as schools or kindergartens more often are not only support but a
substitute for family structures. Individual medical care being guaranteed,
seeking for prevention and treatment and health status differ widely according
to sociological patterns. Health care and social compensation programmes on a
multiprofessional basis will thus be accessible only in a very general sense to
all youth at the public institution of a school. Besides all the general public
health programmes in schools, medical expertise on an individual level is
becoming more and more important because of the increasing number of classes
integrating diseased and disabled children in regular school. The public school
health services will not only act as individual medical experts themselves but
more as coordinators of all medical and health promoting efforts on an
administrative, school, inpatient and outpatient level. Medical professionals
working in public school health services will therefore have to be trained in
the following spheres: normal range of developmental milestones, knowledge of
health systems and regional structures of health care, epidemiological basics,
communicative and social training, clinical expertise in the fields of general
paediatrics, child psychiatry and occupational health. Being fully trained in
clinical paediatrics and public health will surely be an asset, but will not
cover all the requirements for successfully working in school health care. For
this reason the programmes of higher education in public health have to be
adjusted to the recent demands in this special field of work. School health
services will have to engage in occupational health and will have to be present
mostly in the school buildings proper. School health services will have to
report and publish epidemiological data for use by school, community and
medical professionals. In case of continued compulsory medical examination of
schoolbeginners wide use should be made of qualified assistant personnel, so
that physicians can focus on true medical problems in school and moreover will
be enabled to deliver medical expertise and treatment within the community to
people and population groups in need.
Schlüsselwörter
Jugendgesundheitsdienst - Betriebsmedizin - Schulgesundheitsförderung - Gesundheitsberichterstattung - Professionalität - Soziale
Ungleichheit
Key Words
School Health Service - Occupational
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